Ein ehrenamtlicher Tausendsassa

Alte und neue Leiterin der Kaiserstiftung in Riemerling im Porträt

Helene Nestler vor dem Schrank mit Marmeladengläsern von „Mammalade“ in der Kaiserstiftung in Riemerling.
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Die Ottobrunnerin Helene Nestler hat 2017 das Projekt „Mammalade für Karla“ gegründet, bei dem der Erlös aus dem Marmeladenverkauf an das Frauenobdach „Karla 51“ geht.
  • vonIris Janda
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Klawotte, Kaiserstiftung, Mammalade – mit ihrem ehrenamtlichen Einsatz hat die Ottobrunnerin Helene Nestler schon viele Erfolgsprojekte auf den Weg gebracht. Für ihr Engagement wurde sie im Herbst mit dem Katharina-von-Bora-Preis ausgezeichnet. Die Arbeit von Frauen für Frauen lag der gebürtigen Höhenkirchnerin schon immer am Herzen.

„Ach Sie sind die Mama von der Mammalade“ – so wurde Helene Nestler einmal von einem Praktikanten angesprochen, als sie Marmeladengläser im Supermarkt in Siegertsbrunn einräumte. Nestler lacht, wenn sie davon erzählt. Graues, welliges Haar, ein offenes Lächeln und eine großmütterlich-herzliche Ausstrahlung: Die optische Ähnlichkeit mit der Frau auf dem Logo von „Mammalade für Karla“ ist nicht von der Hand zu weisen.

Aber auch so hätte die Beschreibung nicht besser sein können, denn das Projekt ist Nestlers „Baby“. Und für dieses wurde sie im Oktober mit dem „Katharina-von-Bora-Preis“ der Stadt Torgau ausgezeichnet. Dieser wird jährlich für herausragendes weibliches Engagement vergeben. „Man bekommt ja öfter mal was, aber das war schon etwas ganz besonderes für mich. Das ist für Engagement von Frauen für Frauen und das war mir schon immer sehr wichtig“, erzählt Nestler gerührt.

Das Erfolgsprojekt „Mammalade“ entwickelte sich aus einem simplen Einfall und großem ehrenamtlichen Antrieb. Durch einen Vortrag bei der Frauenlobby Ottobrunn wurde sie auf das Frauenobdach „Karla 51“ aufmerksam und engagierte sich daraufhin für die Einrichtung des Evangelischen Hilfswerks. Bei Karla 51 wird obdachlosen Frauen mit warmen Mahlzeiten, Beratung und Notfallunterkünften geholfen. Auch einige Einzelzimmer sind in dem Haus in der Karlstraße in München vorhanden.

Nestler half beim Kochen, der Essensausgabe und sammelte Spenden. „Ich habe immer geschaut, was ich tun kann“, erzählt sie. Sie koche gerne ein und habe sich oft darüber geärgert, dass so viel Obst, das eigentlich noch verwertet werden könne, weggeschmissen wird. „Und dann hat es irgendwann in meinem Kopf Klick gemacht“, erklärt Nestler. Warum nicht mit altem Obst Marmelade einkochen, die Gläser verkaufen und mit dem Geld etwas für die Karla-Frauen tun?

Anfang 2017 startet sie das Projekt, im ersten Jahr wurden zu viert gut 1500 Gläser Marmelade eingekocht. Über die Jahre wurde es immer mehr – mehr Händler, die Obst spenden, mehr Einkocher, mehr verkaufte Gläser. „Wir sind jetzt 31 Einkocher im Team und haben dieses Jahr 12.000 Gläser produziert aus 1,8 Tonnen Obst, das sonst entsorgt worden wäre“, schwärmt die 65-Jährige.

Momente ohne Sorgen schaffen

Schwärmen – das tut die gebürtige Höhenkirchnerin oft während des Gesprächs. Dann funkeln ihre Augen und ein beseeltes Lächeln ziert ihren Mund. Sie schwärmt über das Engagement ihrer Helferinnen, über die interessanten Begegnungen mit Frauen in unterschiedlichsten Lebenslagen, über das, was sie für ihren Einsatz zurückbekommt. Denn „du erntest nur Freude!“

Das Geld, das durch den Marmeladen-Verkauf zusammenkommt, wird genutzt, um den obdachlosen Frauen etwas zu geben, das durch die Zuwendungen von Staat und Behörden in der Regel zu kurz kommt. Sie bekommen ein Stück Würde zurück.

„Ein schönes Projekt, was wir zum Beispiel einmal hatten, waren die Notfallkoffer“, erinnert sich die Ehrenamtliche zurück. Sie packten Koffer für einen Klinikaufenthalt mit Kleidung in jeder Größe und anderen Artikeln, die Patienten im Krankenhaus brauchen. „Es ist so würdelos, wenn man in die Klinik kommt und erst einmal fragen muss, ob man eine Zahnbürste haben kann“, erläutert sie. So konnten die obdachlosen Frauen die Notfallkoffer mitnehmen und hatten alles parat. Die Frauen erhalten durch das Spendengeld Dinge, die über das Mindestmaß hinaus gehen, sei es eine Spieluhr für das Baby, ein Stillkissen oder eine Naturkosmetik-Hautcreme, die zwei Euro mehr als das günstigste Drogerie-Produkt kostet.

Durch Mammalade werden den Frauen außerdem Momente geschenkt – Momente, der Unbeschwertheit. So werden einmal im Jahr – wenn es nicht gerade wie in diesem Jahr Pandemie-bedingt ausfallen muss – 60 der Frauen zu einem Ausflug eingeladen. Letztes Jahr ging es mit dem Bus zu einer kleinen Schifffahrt auf dem Tegernsee mit anschließendem Mittagsessen und einem Spaziergang. Den Abschluss bildeten Kaffee und Kuchen im „Café Winklstüberl“ in Fischbachau, das für seine guten, hausgemachten Torten bekannt ist. „Die Frauen meinten danach zu mir ,Du kannst mit uns überall hinfahren, aber der Abschluss muss jetzt immer das Winklstüberl sein‘“, erinnert sich Nestler lachend. Auf der Rückfahrt singen die Frauen meistens im Bus. „Das ist ein Tag ohne Sorgen. Da können sie einfach konsumieren.“

Die Mammalade ist bei Weitem nicht das einzige Erfolgsprojekt der Ottobrunnerin. Nestler belebte den AWO-Ortsverband in der Gemeinde wieder und gründete die Nachbarschaftshilfe, deren Leitung sie für 14 Jahre übernahm. Im Rahmen dessen entstand die Idee für die Klawotte, die einen ähnlich pragmatischen Ursprung wie die zur Mammalade hatte. „Eine Frau kam zu den Mitarbeitern in der Nachbarschaftshilfe und meinte, sie brauche dringend für ihre drei Kinder Winterklamotten. Drei Tage später kam eine andere Frau zu uns, die meinte, sie habe so viele Klamotten übrig, ob wir nicht jemand wissen, der diese gebrauchen kann. Da dachte ich mir: ,Das muss man doch irgendwie zusammenbringen!‘“, erzählt Nestler.

Erfolgsmodell im ganzen Landkreis

Wie es der Zufall wollte, hatte das Lore-Malsch-Haus in Riemerling ein freies Gebäude, das sie nutzen durften. Mit viel ehrenamtlicher Hilfe wurden Regale eingerichtet und am 18. Oktober 2008 die erste Klawotte eröffnet. Erst hätten sie Bedenken gehabt, ob das Angebot angenommen werde, weil das Haus sehr abgelegen ist. „Aber es lief so gut, dass wir am Jahresende schon in den schwarzen Zahlen waren“, so Nestler.

Nach fünf Jahren mussten sie aus Brandschutzgründen eine neue Bleibe suchen und so fand die Otto­brunner Klawotte ihr Zuhause in der Alten Rosenheimer Landstraße in Ottobrunn. Die Klawotte lief sogar so gut, dass sie in den Awo Kreisverband übergeben wurde. Andernfalls hätte Nestler eine GmbH gründen müssen. „Das wollte ich nicht, ich will immer an der Basis arbeiten und kein Kaufhaus verwalten“, erklärt sie.

Das Erfolgsmodell hat der Awo Kreisverband in den vergangen Jahren auf den gesamten Landkreis ausgeweitet, sechs verschiedene Klawotten gibt es mittlerweile. Das Konzept kommt an, „weil es kein Second-Hand-Shop ist.“ Jeder kann dort einkaufen, Bedürftige zahlen nur die Hälfte. „Es ist ganz wichtig, dass dort nicht nur Hilfsbedürftige hinkommen. Die sehen sich auch an anderer Stelle immer wieder, beim Sozialamt, der Tafel. Aber in der Klawotte kauft zum Beispiel eine Hartz-V-Empfängerin neben einer Gemeinderätin ein. Und so kommen sie ins Gespräch“, verdeutlicht Nestler.

Zurück in der Kaiserstiftung

Eine weitere Einrichtung, bei der Nestler von Beginn an dabei war, ist die Kaiserstiftung in Riemerling. Die 65-Jährige übernahm 2013 für drei Jahre die Leitung der Seniorenbegegnungsstätte, baute die Einrichtung mit auf, bevor sie zur Nachbarschaftshilfe Taufkirchen ging. Als die Gemeinde Hohenbrunn überlegte, die bisher von der Awo geführte Kaisterstiftung in eigene Trägerschaft zu nehmen, ging sie auf die engagierte Otto­brunnerin zu.

„Die Gemeinde wusste, dass ich die Einrichtung gut kenne und da mein ganzes Herzblut reingesteckt habe“, erzählt sie. Erst habe sie zögerlich auf die Anfrage reagiert, und meinte, sie werde nicht ,Nein‘ sagen, wenn man sie frage. Doch bereits als sie im Oktober im Gemeinderat vorsprechen durfte, war Nestler die Vorfreude deutlich anzumerken. Sie sprudelte vor Ideen, wie sie trotz der Pandemie-Lage ein Angebot für die Senioren auf die Beine stellen kann. So soll es eine Telefonseelsorge geben und Brieffreundschaften zwischen Senioren und jüngeren Mitbürgern.

Seit Januar hat Helene Nestler nun offiziell wieder die Leitung Kaiserstiftung inne. „Ich werde es so lange machen, bis wir durch Corona durch sind und alles wieder rund läuft. Aber maximal zwei Jahre“, erklärt die Rentnerin. Ob sie sich danach zur Ruhe setzt? Das ist bei der umtriebigen Ehrenamtlichen zumindest nur schwer vorzustellen.

Iris Janda

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