„Wir sind keine militante Gruppe, nur Bürger, die ihre Bedenken äußern“

130 Ottobrunner richten sich mit Bedenken zur U5-Verlängerung an Bürgermeister und Landrat

Bahnhof Neuperlach Süd Eingang Therese-Giehse-Allee
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Eine Verlängerung der U5 bis zum Ludwig-Bölkow Campus ist derzeit in Planung. Nicht um jeden Preis, fordern einige Ottobrunner.

Die Verlängerung der U5 wird noch Jahre bis zur Umsetzung brauchen. Schon jetzt haben sich Ottobrunner Bürger mit ihren Bedenken an Landrat und Rathauschef gewandt. Sie glauben, dass es eine kostengünstigere Alternative zur U-Bahn gibt.

„Brauchen wir wirklich eine Verlängerung der U5?“ – diese Frage stellt sich eine Gruppe von Ottobrunner Bürgern. Mit einem Fragenkatalog haben sich die Initiatoren an Landrat Christoph Göbel und Otto­brunns Bürgermeister Thomas Loderer gewandt. Anhängend an das Schreiben legten sie eine Liste mit 130 Unterstützer-Unterschriften bei, die die Kritik an der U5-Verlängerung über Neubiberg und Ottobrunn bis zum Ludwig-Bölkow-Campus teilen. „Wir sind keine militante Gruppe, sondern nur Bürger, die ihre Bedenken äußern“, betont Dr. Christoph Fellner.

Und diese Bedenken gelten in erster Linie den Kosten des geplante Projekt. Zwar kann eine genaue Kostenschätzung derzeit noch nicht abgegeben werden, da sich noch nicht abschließend für eine Trassenvariante entschieden wurde. Nach letztem Stand aus dem Sommer dieses Jahres soll die favorisierte Variante mit einem Halt in Ottobrunn knapp weniger als eine halbe Milliarde Euro kosten. Damit ergibt sich trotz kalkulierten Fahrgastzahlen von 20.000 Personen nur ein Nutzen-

Kosten-Verhältnis von 0,52. Und hier liegt der Haken: Für die Förderfähigkeit durch den Bund muss dieser Faktor bei mindestens 1,0 liegen. Wegen der Novellierung des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes in diesem Jahr können zukünftig auch ÖPNV-Projekte unter 1,0 gefördert werden. Weil die neuen Förderrichtlinien erst 2021 festgesetzt werden, konnten Landrat Göbel und Rathauschef Loderer in ihrer gemeinsamen Antwort an die Otto­brunner Bürger Fragen zur Finanzierung noch nicht beantworten. Gerade dazu hätten sich diese aber konkretere Antworten gewünscht, meint Fellner.

Erwartete Fahrgastzahlen sind unrealistisch

Das erwartete Fahrgastvolumen von 20.000 Personen hielten die Initiatoren außerdem für unrealistisch. Von 2008 bis 2017 sei die Einwohnerzahl in Ottobrunn nur um knapp 1600 Bürger gestiegen. Prognosen für die Einwohnerentwicklung bis 2030 zeigten sogar einen geringfügigen Rückgang. Auch unter Einbeziehung der angedachten zirka 3000 Studenten und Lehrkräfte, die zum geplanten Raumfahrtzentrum auf dem Ludwig-Bölkow-Campus fahren werden, sei ein Wert von 20.000 unrealistisch. Außerdem stelle sich die Frage, ob überhaupt alle Studenten und Lehrkräfte in der Stadt München wohnen oder gegebenenfalls aus dem Umland einpendeln.

„Besteht da eine Verhältnismäßigkeit?“, fragt sich der Jurist Dr. Fellner. Er und seine Mitstreiter vermuten hinter der U-Bahn-Verlängerung ein Prestigeobjekt, das ungeachtet der Kosten realisiert werden soll. Gerade jetzt, wo durch die Corona-Pandemie sinkende Steuereinnahmen und Milliarden an Hilfsleistungen auf den Staat zukommen, müsse der Grundsatz von Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit hoch gehalten werden.

Auf den ersten Blick klingt eine U-Bahn-Halt in der Gemeinde nach einem Mehrwert für die Ottobrunner. Schließlich muss nicht mehr der Bus nach Neuperlach-Süd genommen werden, um die U-Bahn zu nutzen. Doch die Initiatoren sehen das anders. Demnach habe die angedachte U-Bahn-Verlängerung zumindest für den Großteil der Otto­brunner keine Vorteile. Sollte, wie derzeit geplant, nur in der Ortsmitte eine U-Bahn-Station entstehen, würden nur Bewohner aus diesem Bereich davon profitieren. Außerdem sei eine Einschränkung des gut funktionierenden Bussystems zu befürchten. Eine Antwort darauf, ob und inwieweit das der Fall ist, könne allerdings erst am Ende der Vorplanung getroffen werden, heißt es im Schreiben von Landrat und Bürgermeister.

Anfahren des Campus über die Autobahn

Als Grund für die Verlängerung wird immer wieder der Nahverkehrs-Anschluss des Campus genannt. „Wir sträuben uns nicht gegen den ÖPNV, ganz im Gegenteil“, stellt Fellner klar. Eine Busanbindung des Taufkirchner Campus wäre für ihn und seine Mitstreiter sogar eine sinnvolle Alternative zur U-Bahn. Allerdings nicht etwa durch den Ort, sondern über die Autobahn. Von zentraler Stelle in der Stadt sollen diese den Campus direkt über die Autobahn anfahren. Das sei schon heute mit batteriebetriebenen Fahrzeugen umweltfreundlich möglich. Ein E-Gelenkbus koste derzeit 700.000 Euro. Mit beispielsweise zehn davon würden die Kosten bei 7 Millionen Euro liegen – weit unter denen für die U-Bahn Verlängerung.

Es ist bestimmt kein Zufall, dass die Bürger, die ihr Anliegen an Bürgermeister und Landrat gerichtet haben, vielfach in dem Bereich wohnen, unter dem nach derzeitiger Planung die Trasse verlaufen soll. „Die Motive sind sicher unterschiedlich“, räumt Fellner ein. Es gebe sicherlich welche, die Sorge hätten, dass die U-Bahn unter ihrem Grundstück verläuft. „Aber bei der Kerngruppe liegt das Hauptaugenmerk auf den Kosten.“ Die Befürchtung mancher, ihr Haus könne einstürzen, halte er für unbegründet. Dennoch kann auch er nicht verstehen, warum die Trassenführung durch die dicht besiedelten Alpenrosen- und Drosselstraße geplant ist.

Noch ist vieles ungewiss, aktuell wird ein Leistungsverzeichnis für die Vorplanung erstellt. Mit dieser könne dann frühestens Ende 2021 begonnen werden. Dass es noch sehr früh in der Projektplanung ist, sei den Bürgern bewusst. „Wir wollen auch nicht revolutionieren oder auf die Straße gehen“, meint Fellner. „Lediglich frühzeitig unsere Bedenken äußern.“

Iris Janda

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