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Privatinitiative aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn versorgt Obdachlose mit Essen und Kleidung

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Von: Iris Janda

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Sechs Personen vor dem blauen Marienkäfer-Bus.
Die ehrenamtlichen Helfer rund um Fahrer Markus Grimm (rechts) versorgen mit dem Marienkäfer-Bus Obdachlose in der Münchner Innenstadt. © ija

Markus Grimm und Nathalie Hartmann aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn bringen mit ihrem Marienkäfer-Bus immer donnerstags eine warme Mahlzeit, Getränke und Sachspenden zu Obdachlosen in die Münchner Innenstadt.

Marienkäfer sind normalerweise klein, rot und haben Punkte. Nicht so aber der Marienkäfer, der immer donnerstags in der Münchner Innenstadt unterwegs ist. Der ist groß, blau und bewegt sich auf vier Rädern. Im Gepäck hat er warme Speisen und Getränke, Kleidung und Hygieneartikel – und fleißige Helfer.

Markus Grimm aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn sitzt am Steuer des umgebauten Busses, der auf seiner Tour von der Sonnenstraße über den Königsplatz und das Tal bis zum Isartor Obdachlose mit dem Nötigsten versorgt. Grimm hat gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Nathalie Hartmann im vergangenen Winter den Marienkäfer als Privatinitiative ins Leben gerufen. Entstanden ist alles aus dem Drang, Menschen zu helfen.

Die Idee, Suppe an Obdachlose zu verteilen, war schon länger da. Eines Tages aber kochte Grimm spontan einfach einen großen Topf Suppe und fuhr im Kleinbus gemeinsam mit Hartmann mehrere Stationen in der Innenstadt ab. Als sie einem Mann einen Becher mit heißer Suppe reichten, verschüttete er diese aber sogleich, da seine Hände vor Kälte so zitterten. In diesem Moment stand für Grimm fest: „Wir müssen mehr machen! Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes!“ So war die Idee für ihren Marienkäfer-Bus geboren.

Durch die Geschichte vom Kauf bis zum fertigen Umbau des Busses zieht sich ein Band der Hilfsbereitschaft. Grimm erzählt sichtlich berührt davon, wie der Marienkäfer auf seinem Weg unterstützt wurde, ob bei den Materialien, dem Ausbau oder Reparaturen. „Man sagt ein paar Sätze zum Projekt und löst direkt eine Art Domino-Effekt aus“, erklärt Hartmann. „Dann denkst du dir schon, irgendwie muss es richtig sein, was wir machen, wenn man so viele begeistert.“ Die Hilfsbereitschaft der Menschen sei überwältigend. „Es fühlt sich an, als würde das auch jeder selbst machen wollen. Aber irgendwie hat man das Gefühl, es hat jemand gefehlt, der es einfach macht“, sagt Grimm und seine Partnerin ergänzt: „Es ist, als ob viele nur auf die Aktion gewartet hätten.“ So wachsen dem Marienkäfer immer mehr Punkte. Denn in den kreisförmigen Aufklebern am Fahrzeug stehen die Namen der Unterstützer.

Gerade beim Umbau des Busses war schnelle Hilfe nötig. Nach und nach wollte das Paar ihr neues Projekt in die Tat umsetzen. Grimm, der selbstständiger Schreiner ist, wollte den Umbau machen. Anfang Februar kauften sie den Bus, doch dann begann der Krieg in der Ukraine und ihnen war klar, dass sie dort schnell helfen wollen. So stemmten sie den Umbau des Busses mithilfe einer Tischlerei und Mitgliedern der Feuerwehr Höhenkirchen in nur drei Tagen. „Alle haben mitgeholfen, damit wir da hinfahren können“, berichtet Hartmann. Zweimal ist der Marienkäfer bereits an die polnische Grenze gefahren, um Sachspenden abzugeben, die von dort weiter in ukrainische Städte wie Mariupol transportiert werden.

Seine Hauptaufgabe hat der Marienkäfer aber jeden Donnerstag ab 18.30 Uhr an seinen Landeplätzen in der Münchner Innenstadt. Diese anzufliegen ist manchmal gar nicht so leicht, denn nicht überall kann der MarienkäferBus „landen“. Fahrer Grimm muss schauen, dass er keine Einfahrten blockiert oder den Verkehr aufhält.

Bei der Fahrt durchs vielbesuchte Tal Richtung Altes Rathaus, vorbei an vollbesetzten Restaurant-Terrassen, wird aber auch klar: Der Marienkäfer fällt auf. Die Menschen drehen sich danach um, lesen interessiert seine Aufschrift, einige bleiben stehen und fragen nach. Ob sie einen Kaffee möchten, fragt Grimm drei Frauen, die interessiert vor dem Bus stehen. „Nein, wir haben nur bewundert, was Sie hier machen.“ Kurz darauf hält eine ältere Dame auf dem Fahrrad an. Sie habe schon länger zwei Kartons mit Sachspenden abzugeben und wissen nicht, wohin. Helferin Xenia ist sofort zur Stelle und tauscht mit der Dame Kontaktdaten aus. Dabei sind die Passanten immer wieder überrascht, dass das alles privat initiiert und organisiert wird.

Warme Mahlzeit und freundliche Worte

Die Obdachlosen nehmen die warme Mahlzeiten und die Sachspenden sehr dankbar an. Sobald sie eine Suppe hinausgereicht haben, suchen sie hinten im Bus an der Kleiderstange nach dem gewünschten Kleidungsstück und notieren sich, was sie nächstes Mal mitbringen können. Nicht wenige Suppen-Abnehmer wollen an diesem Abend Nachschlag vom Rindergulasch. Dieser kommt von der Küchenfee, einem Imbiss aus Hohenbrunn. Auch die Grundschule hat diesmal ein Essen für die Fahrt des Marienkäfers zur Verfügung gestellt.

Beim Marienkäfer geht es aber nicht nur um Essen und Sachspenden – ebenso wichtig ist der persönliche Kontakt. Die Helfer stellen sich zu den Obdachlosen vor dem Bus und suchen das Gespräch. Viele kommen regelmäßig, zwischen Helfern und Obdachlosen sind in nur wenigen Wochen echte Bindungen entstanden. „Das hier ist Walter, das ist mein Liebling“, meint Xenia. Grimm indes ist ein Mann namens Andreas besonders ans Herz gewachsen, der immer schon herbeisehne, dass der Marienkäfer vorfahre und sich Grimm zu ihm setze. „Ich finde es so schön zu sehen, wie alle dort zusammen kommen. Dass die Menschen Aufmerksamkeit bekommen und gesehen werden, ist für sie sehr viel wert“, erzählt Hartmann.

Da die Zahl der Unterstützer immer größer wird und sie gerne öfter mit dem Marienkäfer unterwegs wären, überlegen Grimm und Hartmann, einen Verein zu gründen. Dadurch wären sie auch rechtlich abgesichert. Vom Arbeitsaufwand ist das Projekt für das Paar fast schon ein Teilzeit-Job. Von Mittwochmorgen an sind sie mit den Vorbereitungen für die Tour am Donnerstagabend beschäftigt. Jede freie Minute stecken sie in das Projekt, sei es um Sachspenden abzuholen und zu sortieren, etwas am Bus zu reparieren oder die Helfer zu koordinieren. Daneben halten sie alle Interessierten mit regelmäßigen Posts bei Facebook und Instagram auf dem Laufenden.

Viele wollen sie auch mit Geldspenden unterstützen, am liebsten seien ihnen aber Sachspenden, Helfer bei den Fahrten oder, dass das Geld gleich eine konkrete Verwendung findet, beispielsweise wenn jemand eine Tankfüllung oder eine Reparaturrechnung übernimmt. Außerdem ist das Paar aus Höhenkirchen derzeit dringend auf der Suche nach einem Lagerplatz für die Sachspenden. Seinen Heimatsitz hat der Marienkäfer derzeit am Martinshof in Kirchstockach. Dort betreiben Grimm und Hartmann einen Pferdeanhänger-Verleih und dürfen den Bus dort parken. Kleidung und andere Sachspenden lagern derzeit in einigen der Anhänger. „Das geht auf Dauer nicht“, erklärt Grimm. „Wir bräuchten eine Halle, in der wir die Sachen lagern und den Bus auch im Winter unterstellen können.“

Zuletzt gilt es noch die Frage zu klären, warum ein großer blauer Bus Marienkäfer heißt. Zum einen sei da die Verbindung zum Marienplatz, erklärt Hartmann. Der wichtigere Grund ist aber ein anderer: „Jeder kennt das doch schon von Kindheit an, es gibt so viele Käfer, aber nur wenn ein Marienkäfer kommt, freust du dich!“ Und da der Bus am Ende nicht wie geplant rot, sondern blau wurde, ist es nun eben ein blauer Marienkäfer. Den gibt es übrigens wirklich – Curinus coeruleus heißt der aus der Karibik stammende, blaumetallische Käfer.

Iris Janda

Weitere Informationen auf der Marienkäfer-Facebookseite oder unter Telefon 0175 66 88 502.

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