Die Büchse der Pandora ist nun geöffnet

Höhenkirchen-Siegertsbrunn will Kiesabbau verhindern

Kieswerk
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Nach großem Widerstand der Bürger will der Gemeinderat in Höhenkirchen-Siegertsbrunn einen Kiesabbau auf Flächen nahe der Muna und am Kirchweg verhindern.
  • VonIris Janda
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Das Thema Kiesabbau bewegt die Bürger in Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Nach starken Widerstand der Anwohner gewinnt der Gemeinderat mit seinem jüngsten Entschluss zumindest Zeit. Ob das Vorhaben abgewendet werden kann, ist aber fraglich. 

Höhenkirchen-Siegertsbrunn - Als Pandora die Büchse öffnete, die Zeus ihr übergab, sollen alle den Menschen bis dahin unbekannten Übel wie Krankheit und Tod in die Welt entwichen sein. So besagt es die griechische Mythologie. Für die Bürger aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn steckt in dieser Büchse der Kiesabbau.

Seit die Pläne für den Abbau des Rohstoffes auf zwei Grundstücken in der Gemeinde bekannt geworden sind, laufen die Anwohner Sturm. Bei einer vor der Gemeinderatssitzung am 24. September kurzfristig einberufen Infoveranstaltung machten sie ihrem Ärger Luft. „Ich bin schockiert. Ich weiß erst seit einer Woche von dem Antrag“, erklärte eine Zuhörerin, die wie rund 100 Gleichgesinnte in die Mehrzweckhalle gekommen war.

Sie habe aus der Tageszeitung von dem Vorhaben erfahren müssen. Mit einem Abbau südlich des Muna-Geländes sei sie unmittelbar von Verkehrs- und Lärmbelastung betroffen. Denn in unmittelbarer Nähe soll südlich der Muna, östlich des Hohenbrunner Weges, eine Kiesgrube mit einer Aushubtiefe von 25 Metern errichtet werden – zumindest wenn es nach dem Willen von Markus Baumgartner, Geschäftsführer der Firma AEM Projekt, geht.

Der Unternehmer, dessen Betrieb bislang größtenteils auf Abrissarbeiten spezialisiert ist, stellte dem Gremium eine Woche zuvor seine Pläne für den Kiesabbau in der Gemeinde vor. Neben der 5,4 Hektar großen Fläche beim ehemaligen Munitionslager beantragte er eine weiteren Abgrabungsgenehmigung für ein 3,2 Hektar großes Grundstück am Kirchenweg südlich der Leonhardi-Kirche.

„Kiesabbau genießt nicht den besten Ruf“, war sich Markus Baumgartner bewusst. Seine Firma wolle weder eine „Kiesheuschrecke“ sein, noch den altbekannten Kiesabbau betreiben. Stattdessen solle dieser „langsam und verträglich für die Gemeinde sein“. Der Abbau würde an der Muna zwölf Jahre dauern, bis zur Rekultivierung sind es weitere 14 Jahre. Danach stehe das Gelände sofort wieder zur landwirtschaftlichen Nutzung zur Verfügung.

Ein zwei Meter hoher, mit einer Blühmischung versehener Erdwall diene zum Schallschutz. Das Verfüllmaterial unterliege heutzutage strengsten Vorgaben und werden von externen Gutachtern bei unangekündigten Besuchen regelmäßig kontrolliert. Unter anderem wolle er dazu Abbruchmaterial von seinen Baustellen verwenden. Eine Anlage werden feinen Wassernebel verteilen, um die Staubbelastung zu minimieren. Außerdem werde das derzeit leiseste Radlager auf dem Markt verwendet, um Lärm zu vermeiden.

Durch eine Reifenwaschanlage soll Straßenverschmutzung verhindert werden. Die An- und Abfahrt der Gruben erfolgt bei der Muna hauptsächlich von der Luitpoldstraße kommend, beim zweiten Grundstück über die Egmatinger Straße. Bei zehn Betriebsstunden am Tag würden je drei Lkw pro Stunde an- und ausfahren. Die Durchfahrung des Ortskerns soll vermieden werden. Baumgartner möchte seine Geschäftsfelder mit dem Kiesabbau auch in die Gemeinde verlegen und dort gewerbesteuerpflichtig werden.

„Das Landratsamt hat uns empfohlen, gut zu verhandeln“, gab Bürgermeisterin Mindy Konwitschny (SPD) dem Gremium mit. Der Kiesabbau gelte für den Gesetzgeber als privilegiertes Vorhaben für alle Flächen außerhalb von im Zusammenhang bebauter Siedlungen. Der Abbau sei zulässig, wenn dem keine öffentlichen Belange entgegen stehen. Die einzige Möglichkeit einer Steuerung sei die Ausweisung von Konzentrationsflächen in Form eines Teilflächennutzungsplanes.

Dafür müsste das gesamte Gemeindegebiet untersucht werden. Dann könnten gewisse Tabuzonen eingerichtet und Flächen ausgeschlossen werden. Im Gegenzug stehe danach aber das übrige Gemeindegebiet für Kiesabbau frei stehen. „Wir können dagegen rebellieren und einen Teilflächennutzungsplan aufstellen. Es wurde uns vom Landratsamt aber deutlich gesagt, dass wir langfristig unterliegen werden“, erklärte die Rathaus-

chefin am 17. September im Gemeinderat. Keiner der Gemeinderäte zeigte sich glücklich über den geplanten Kiesabbau, doch wussten sie auch um die Privilegierung durch den Gesetzgeber. Widerstand gab es allerdings gegen das zweite Grundstück am Kirchweg. „Ich sehe da ein deutliches Konfliktpotenzial. Wir haben dort eine Wallfahrtkirche, einen Schlittenhügel und eine Flaniermeile“, erklärte Andrea Hanisch (UB) verärgert.

„Ich halte einen Standort, der über Egmatinger Straße erschlossen werden soll, für ein No-Go für Höhenkirchen-Siegertsbrunn“, so Hanisch weiter. Sie warb darum, mit dem Unternehmer für den zweiten Bauabschnitt in Verhandlung zu gehen. Dafür erntete sie vom Gremium breite Zustimmung. Und auch Baumgartner lenkte ein und stimmte zu, den zweiten Bauantrag zunächst zurückzunehmen und erneut darüber in die Diskussion zu gehen.

Für das Grundstück bei der Muna schien damit freie Bahn zu sein. Doch nachdem die Bürger eine Woche später ihren Widerstand kund getan haben, lenkte die Verwaltung offenbar ein. Denn in der Sitzungsvorlage lautete zwei Tage zuvor der Beschlussvorschlag noch, für das Grundstück an der Muna das Einvernehmen herzustellen. Doch in der Sitzung schlug Konwitschny vor, das Einvernehmen nicht zu geben und den Kiesabbau über Konzentrationsflächen zu steuern. Gleichwohl räumte sie ein: „Das war für uns Plan B und nicht Plan A.“

Auch wenn die Gemeinderäte für diesen Weg stimmten, wollten sie den Bürgern nicht allzu viel Hoffnung machen, dass der Weg auch von Erfolg gekrönt ist. „Der Weg ist gut, um Zeit zu gewinnen. Ob er dazu führt, es ganz zu verhindern ist fraglich“, meinte Manfred Eberhard (UB). Janine Schneider von den Grünen sah es ähnlich: „Wir sitzen an einem sehr kurzen Hebel. Ob die Verhinderung funktioniert, wage ich zu bezweifeln.“

Den anwesenden Bürgern riet sie, sich an die Landtagsvertreter zu wenden, damit sich etwas grundlegend an der Gesetzeslage zum Kiesabbau geändert werden könne. Otto Bußjäger von den unabhängigen Bürgern dankte der Verwaltung, dass sie sich dazu entschieden hat, einen Teilflächennutzungsplan aufzustellen. „Wir werden nicht vor der Aufgabe kapitulieren, sondern uns dieser stellen“, gab er sich kämpferisch und erntete viel Applaus.

Aus der Diskussion heraus ergab sich außerdem eine weitere Option. Ein Teil der Fläche ist im Flächennutzungsplan als Gewerbegebiet ausgewiesen. Wenn die Gemeinde einen Bebauungsplan für das Gebiet aufstellt, könnte sich der Kiesabbau an der Stelle verhindern lassen.

Fürs Erste hat der Gemeinderat in Höhenkirchen-Siegertsbrunn den Kiesabbau einstimmig abgewandt. In der morgigen Gemeinderatssitzung soll es weitere Informationen zum aktuellen Sachstand geben. Egal wie die Gemeinde weiter verfährt – durch die Maßnahmen gewinnen sie maximal zwei Jahre Zeit. Die Büchse der Pandora lässt sich aber bekanntlich nicht mehr schließen.

Iris Janda

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