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Apothekarium Neubiberg präsentiert Ausstellungsstücke aus den Apotheken der vergangenen Jahrhunderten

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Von: Iris Janda

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Ulrich und Gabriele Mayring vor einem Apothekerregal mit Blick in die Kamera.
Seit Juni betreiben Ulrich und Gabriele Mayring das Apothekarium in der früheren Hubertus-Apotheke in Neubiberg. © ija

Allerlei Alltägliches und Wundersames aus den vergangenen Jahrhunderten Apotheken-Geschichte können Interessierte seit Juni im Apothekarium in Neubiberg bestaunen.

Was gehört in eine gute Reiseapotheke? Sicherlich kein Opiumkonfekt, Herbstzeitlosenwein oder Rhabarbertinktur. Im 19. Jahrhundert sah das anders aus, da fanden in eigenen kleinen Koffern allerlei Pulver und Tinkturen Platz, dazu Hilfsmittel wie Handwaagen, Ohrspüler und Messbecher. Bestaunt werden kann eine solche britische Reiseapotheke ebenso wie andere Schätze aus den Apotheken der vergangenen Jahrhunderte im Apothekarium in Neubiberg. Seit Juni laden die in ein Museum umgebauten Räumlichkeiten der früheren Hubertus-Apotheke an der Kaiserstraße zu einer spannenden Zeitreise ein.

Ulrich Mayring betreibt das Apotheken-Museum mit seiner Frau Gabriele. Er stammt aus einer Apotheker-Familie, sein Urgroßvater Valentin Mayring I gründete 1899 in Haidhausen unweit des heutigen Ostbahnhofs die St. Johannis-Apotheke. 1915 erwarb er Grund im gerade entstehenden Neubiberg und errichtete darauf eine Jagdhütte.

Während des Zweiten Weltkriegs führte sein Sohn Valentin Mayring II bereits die Haidhausener Apotheke, doch als die Münchner Wohnung der Familie ausgebombt wurde, mussten sie in die Neubiberger Jagdhütte ziehen. Weil Valentin Mayring II nach dem Krieg keine Konzession mehr für die St. Johannis Apotheke bekam, eröffnete er 1950 mit der Hubertusapotheke die erste Apotheke in Neubiberg – und betrieb diese bis zu seinem Tod mit 95 Jahren im Jahr 2000.

Einen Nachfolger gab es nicht, Ulrich Mayring arbeitet als Softwareentwickler und sein Vater – ebenfalls Apotheker – war bereits in Ruhestand. Als 2001 alles aufgelöst wurde, hatte Gabriele Mayring erstmals die Idee, mehr aus den Stücken des Großvaters zu machen. Denn dieser war nicht nur Apotheker, sondern auch Kunstsammler. Seine 16-teilige Serie aus französischen Porzellangefäßen zierte die Schrankwand des Offizins, die auch heute das Kernstück des Apothekariums bildet. „Ich dachte mir, das kann nicht alles sein. Wir müssen daraus doch etwas machen“, erinnert sich Gabriele Mayring, selbst Kunsthistorikerin.

So entstand die Idee bereits vor 20 Jahren, doch erst jetzt, wo sie in Rente ist und er aus dem Homeoffice arbeiten kann, war die Zeit für das Apothekarium gekommen. Die Renovierungsarbeiten in dem aus dem Jahr 1950 erhaltenen Gebäude gingen Mitte 2021 los, doch die Vorbereitungen für das Museum laufen bereits seit einigen Jahren. Schließlich hat das Ehepaar, das 2018 von Frankfurt nach Neubiberg zog, die Sammlung des Großvaters über die Jahre um eine Vielzahl an Stücken ergänzt sowie einen informativen und umfangreichen Ausstellungskatalog erstellt.

Spezialgebiet Porzellangefäße

Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Porzellan-Gefäßen, die insbesondere aus Frankreich stammen. Dort sei Porzellan erst später als in Deutschland erfunden worden, erklärt sich Ulrich Mayring die Vielzahl erhaltener französischer Gefäße. Zudem wurden sie anders als deutsche Porzellan-Gefäße, von denen einige wenige ebenfalls im Apothekarium ausgestellt sind, aufwendig verziert und waren daher kunsthistorisch wertvoller. „In Deutschland war es außerdem zum Teil Vorschrift, für bestimmte Stoffe Glas zu verwenden“, verdeutlicht Gabriele Mayring. Mit der Spezialisierung auf Porzellangefäßen sei das Apothekarium in Deutschland bislang einmalig. „Und es ist das einzige Apothekenmuseum im Großraum München“, betont die Kunsthistorikerin.

Glas- und Holzgefäße – von schlichten braunen Fläschchen und hölzernen Biedermeier-Dosen bis zu aufwendig gestalteten Barock- und Rokoko-Stücken – sind neben den Porzellan-Behältern ebenso im Apothekarium anzutreffen. Ob die Gefäße leer oder mit Inhalt ankommen, sei von Fall zu Fall unterschiedlich. Auf die Frage nach einem Überraschungsfund geht Ulrich Mayring zum Regal und greift nach einer schlichten Biedermeier-Holzdose mit der Aufschrift „Stibium Metall.“. Darin enthalten sind drei grau-silbrige Gesteinsbrocken. „Das ist ein nicht ganz ungiftiges Material“, weiß Mayring. Es verhalte sich ähnlich wie Quecksilber und wurde bis ins 18. Jahrhundert pulverisiert als Allheilmittel verabreicht. Im 19. Jahrhundert wurde es dagegen wegen seiner toxischen Wirkung nur noch seltener eingesetzt, etwa gegen Asthma oder als Brechmittel.

Die Dosen gingen von Hand zu Hand und wurden zum Teil umetikettiert, erklärt Gabriele Mayring. Sie zeigt zur Verdeutlichung eine Dose, die laut Beschriftung auf der Vorderseite „Herb. Origani“ (Majorankraut), laut Rückseite „Fruct. Anis. Stell.“ (Stern­anisfrucht) enthalten sollte. „Bei harmlosen Substanzen ist das nicht so schlimm, aber in anderen Fällen kann so eine doppelte Beschriftung fatal sein“, so Mayring.

Verkaufstheke mit verschiedenen Hilfsmitteln im Apothekarium Neubiberg.
Mit dem „Krokodil“ wurden Flaschenkorken so zusammengepresst, so dass sie wieder in die Apotheker-Flaschen passten. © ija

Neben den Dosen gibt es im Apothekarium allerlei spannende Ausstellungsstücke, nach denen heutzutage vergeblich in Apotheken sugesucht werden dürfte. Etwa die Korkpresse: eine gusseiserne, längliche Form, Ober- und Unterseite verbunden mit einem Scharnier, dazwischen Ausbuchtungen verschiedener Größe, meistens in Gestalt eines Krokodils. Das daher häufig nur „Krokodil“ genannte Hilfsmittel diente dazu, Korken wieder zusammenzupressen, damit diese leichter in die Flaschen passen. Die Korkpresse wurde erst um 1830 erfunden, zuvor wurden die Korken oftmals vom Apotheker zwischen den Zähnen weich gekaut. Eine unhygienische Praxis, der das Krokodil Abhilfe verschaffte.

Ein Hang zur Exotik

Apropos Krokodil: Ein Präparat davon hing meist im Offizin, um die Exotik und das Geheimnisvolle, den „Wunderkammer“-Charakter der Apotheke, zu betonen. Denn all jenes, was Fremdartigkeit symbolisierte, wurde als gesundheitsfördernd und heilend angesehen. Im Apothekarium erinnert ein thailändischer Bindenwaran, der über dem Tresen hängt, an diese Praxis. Um das Geheimnisvolle zu wahren, durfte der Kunde das Offizin auch erst seit dem 19. Jahrhundert betreten. „Die Menschen sollten gar nicht so genau wissen, was in der Arznei drinnen ist“, verdeutlicht Ulrich Mayring. Es habe zwar Bücher mit Standard-Arzneimitteln gegeben, aber jeder Apotheker hätte es anders gemacht – in Zeiten strengster Arzneimittelkontrollen und industrieller Fertigung heutzutage kaum vorstellbar. „Es machte deshalb einen wirklichen Unterschied, zu welcher Apotheke man ging“, so Mayring weiter.

Apotheker war daher ein sehr angesehener Beruf, denn auch wenn der Arzt zwar eine Diagnose stellte, war es erst der Apotheker, der dem Leiden durch das richtige Medikament Abhilfe schaffen konnte. Die Apotheker ließen sich diesen Dienst gut bezahlen und investierten das Geld vor allem in größeren Städten in eine noble Ausstattung, individuelles Gefäß-Dekor und Exotisches aus aller Welt.

Wer diese wertvollen Stücke heute besichtigen möchte, muss nicht allzu tief in die Tasche greifen – 2 Euro kostet der Eintritt in das Apothekarium, das Freitag von 14 bis 18 Uhr und Samstag von 12 bis 16 Uhr geöffnet hat. Vier bis acht Besucher pro Öffnungstag würde sie derzeit empfangen, berichtet Gabriele Mayring. Auch eine Klasse der Montessori-Schule sei bereits da gewesen. Für das Ehepaar eine gute Resonanz: „Damit sind wir zufrieden, wir wollen gar nicht so überrannt werden. So können wir auf individuelle Fragen besser eingehen.“

Iris Janda

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