Klimawandel

München wird immer südländischer

Der Klimawandel lockt Arten aus wärmeren Gefilden zu uns – wie eine Schabe, die unter dem Ruf ihrer deutschen Verwandtschaft leidet

Sie ist ganz harmlos – und jagt doch vielen Münchnern dieser Tage einen gehörigen Schrecken

Heinz Sedlmeier (53) vom LBV beobachtet den Artenwandel.

ein: die Bernstein-Waldschabe (kl. Foto). An heißen Tagen verirrt sich das Insekt immer wieder in Wohnungen und sorgt dort erst mal für Panik. Denn das Krabbelviech sieht der deutschen Küchenschabe, die sich als Schädling an Lebensmittel macht und auch bei der Übertragung von Krankheiten eine Rolle spielen kann, zum Verwechseln ähnlich.

Die Waldschabe ist indes ungefährlich, verendet in der Wohnung nach wenigen Tagen. Der

Kuriose Folge der Hitzewelle in Johanneskirchen: Dort wächst eine Bananenstaude. „Sie wird aber sicherlich mit dem ersten Frost eingehen“, sagt LBV-Geschäftsführer Heinz Sedlmeier.

Unterschied zur Kakerlake: zwei fehlende Längsstreifen, zudem kann die Waldschabe fliegen und ist lichtaktiv. „Die Waldschabe stammt eigentlich aus dem Mittelmeerraum“, erklärt Heinz Sedlmeier, Geschäftsführer des Landesbunds für Vogelschutz in Bayern (LBV). Wie sie es über die Alpen nach München geschafft hat, ist unklar. „Wahrscheinlich wurde sie in irgendwelchen Containern oder Lastwagen transportiert.“ In überhitzten Stadtgebieten kann sie sich dann gut vermehren – deswegen zeigt sie sich auch besonders während Hitzewellen. München mediterran: Die Bernstein-Waldschabe ist nicht die einzige südländische Art, die sich mittlerweile auch in München wohlfühlt. Italienische Mauereidechse, Ammen-Dornfinger-Spinne und Weißrandfledermaus sind nur ein paar Beispiele (siehe Kästen). Woran das liegt? „Zum Teil sicher an der Klimaveränderung“, sagt Sedlmeier. Der Deutsche Wetterdienst hat seit 2000 eine Häufung andauernd warmer Perioden in Deutschland festgestellt, die in den Städten durch dichte Bebauung und wenig Vegetation noch deutlicher ausfallen als auf dem Land. Gleichzeitig profitieren die tierischen Zuzügler aber auch von der Globalisierung. „Die wenigsten Arten kommen per pedes zu uns.“ Auf Schiffen und in Flugzeugen überwinden sie bislang unpassierbare Hindernisse wie Berge und Meere.

Eine Prognose, wie es in 20 Jahren bei uns aussieht, will Sedlmeier nicht abgeben. „Das ist wie Lottospielen.“ Eins sei aber klar: „Wir verändern unsere Umwelt in einer Art und Weise, wie es in den letzten paar Millionen Jahren noch nie war. Das ist spannend, aber auch beängstigend.“ ist

Vögel und Säuger

Im Rheintal flattern bereits knallbunte Sittiche übers Land – einst aus Käfigen entflohen, sind sie

wohl Deutschlands erste freilebende Paradiesvögel. Nach München haben es die Halsbandsittiche zwar noch nicht geschafft. Dafür fühlt sich hier mittlerweile die Weißrandfledermaus (Foto) wie zu Hause. „Die Fledermaus ist südlich der Alpen beheimatet und ist wohl über warme Föhntäler aus eigener Kraft zu uns gekommen“, sagt LBV-Experte Heinz Sedlmeier.

Neue Reptilien-Arten

Neue Arten in der Stadt verdrängen nicht automatisch heimische

Tiere. Denn da sie aus anderen Klimazonen kommen, besiedeln sie Lebensräume, die für alteingesessene Arten gar nicht nutzbar sind. Ein Beispiel ist die italienische Mauereidechse (Foto): Sie ist vermutlich mit der Eisenbahn nach München gekommen und lebt hier nun vor allem an Bahnlinien – also zwischen Granitblöcken, die so heiß und trocken sind, dass es kaum ein anderes Tier dort aushält. Und im Winter? „Da findet sie in S-Bahn-Schächten oder Bodenspalten ein frostfreies Quartier“, sagt Heinz Sedl­meier.

Spinnen, Wespen und Käfer

Schon etwas gruselig: Die Ammen-Dornfinger-Spinne (Foto) macht sich angeblich in Bayern breit,

so richtig bestätigen will das aber von offizieller Seite niemand. „Ich habe davon gehört, kann aber selbst noch nichts dazu sagen“, erklärt LBV-Mann Heinz Sedlmeier. Fakt ist: Die Spinne stammt aus dem Mittelmeerraum und kommt wegen des Klimawandels vermehrt nach Mitteleuropa. Ihr Biss ist schmerzhaft, aber nicht lebensgefährlich. Nachgewiesen sind in München indes andere Insekten: Die Orientalische Mauerwespe kommt aus Indien und Nepal und ist laut Sedlmeier häufig in Wohnungen anzutreffen. Der Asiatische Marienkäfer (der mit den vielen Punkten) hat in den vergangenen Jahren unseren heimischen Siebenpunkt-Marienkäfer verdrängt – mittlerweile scheint der die Attacke aber überstanden zu haben. Noch Exotischeres gibt’s am Allacher Rangierbahnhof: Dort hat sich eine Population der Gottesanbeterin niedergelassen.

Bäume und Blumen

Die Palmen am Stachus, die die Stadt jedes Jahr pflanzt, können zwar noch nicht draußen überwintern. Doch es gibt immer mehr eingeschleppte Pflanzen, die das schaffen – und das ist nicht immer gut für die heimischen Gewächse. Wie der japanische Staudenknöterich: Die Pflanze breitet sich rasch aus und verdrängt vorhandenen Bewuchs nahezu komplett. Zierblumen wie das aus Asien stammende Veilchen bereichern hingegen die Flora.

Fotos: LBV-Archiv (Wolfgang Lorenz, Heinz Sedlmeier)/Wikipedia (Amada44)/dpa/kn

Auch interessant:

Meistgelesen

Flut an Kirchenaustritten nach Gutachten über sexuellen Missbrauch im Erzbistum München und Freising
MÜNCHEN
Flut an Kirchenaustritten nach Gutachten über sexuellen Missbrauch im Erzbistum München und Freising
Flut an Kirchenaustritten nach Gutachten über sexuellen Missbrauch im Erzbistum München und Freising
BA fordert mehr Ersatz für kommende Ausfälle der U3 und U6 – was Stadt und MVG dazu sagen
München Süd
BA fordert mehr Ersatz für kommende Ausfälle der U3 und U6 – was Stadt und MVG dazu sagen
BA fordert mehr Ersatz für kommende Ausfälle der U3 und U6 – was Stadt und MVG dazu sagen
30 – 50 % Rabatt in allen Abteilungen
MÜNCHEN
30 – 50 % Rabatt in allen Abteilungen
30 – 50 % Rabatt in allen Abteilungen
Kritik am Staat Katar - Münchner Aktivisten und Journalisten rufen zum Protest auf
München Südost
Kritik am Staat Katar - Münchner Aktivisten und Journalisten rufen zum Protest auf
Kritik am Staat Katar - Münchner Aktivisten und Journalisten rufen zum Protest auf

Kommentare