Sie halten München an Silvester am Laufen

Helden am Hörer der Telefonseelsorge

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Über die Feiertage ist Hochsaison bei der Telefonseelsorge.

Bei Einsamkeit Anruf: So helfen Mitarbeiter der Telefonseelsorge – auch in der Silvesternacht

Klick. Marina (Name von der Redaktion geändert) legt routiniert ihre Armbanduhr ab und setzt sich für ihre Schicht ans Telefon. Seit 14 Jahren ist die Mitte 60-Jährige ehrenamtliche Helferin der Evangelischen Telefonseelsorge München. Insgesamt hat Marina etwa 3000 Gespräche anonym am Hörer geführt, jedes war anders. Über die Feiertage ist Hochsaison am Hörer, die Räume sind rund um die Uhr besetzt. Auch an Silvester. 

Mitarbeiter der Telefonseelsorge versuchen bei verschiedensten Problemen zu helfen

„Weihnachten ist das Fest der Familie. Da gibt es viele Konflikte, aber auch Einsamkeit“, weiß Norbert Ellinger, Leiter der Telefonseelsorge. Manche Menschen möchten dann beten oder gemeinsam Weihnachtslieder singen. Im letzten Jahr sprach Marina mit einem Mann, der fürchterlich sauer war, weil er nach harter Diät mit Braten zu sehr über die Stränge geschlagen hatte. An Silvester resümieren die Münchner laut Ellinger und formen Vorsätze. Viele nehmen sich per Telefon auch die Zeit und trauern um verstorbene Familienmitglieder oder ein Beziehungsende. „Egal um welches Thema es geht, wir hören zu und versuchen zu helfen“, so Marina. 

Dass es die Telefonseelsorge immer gibt, hilft vielen – etwa dem Workaholic mit nächtlichen Panikattacken, der sich durch Smalltalk den Puls senkt. „Bei uns muss sich niemand verstellen, weil man aus der Anonymität anruft, redet und dann wieder darin abtauchen kann“, sagt Ellinger. 

Unvergessliche Anrufe

Im letzten Jahr brauchten knapp 21 000 Menschen Rat über die Leitung. Marinas allererstes Gespräch nach ihrer Ausbildung wird sie aber nie vergessen: „Es war ein Suizidanruf. Jemand wollte von einer Brücke springen. Ob ich ihn davon abbringen konnte, weiß ich bis heute nicht.“ 

Für die Mitarbeiter der Telefonseelsorge ist ihre Arbeit eine Bereicherung. „Wir alle nörgeln daheim“, sagt Marina. „Aber sobald ich mit einer Mutter spreche, die um ihr totes Kind trauert, rücken meine Relationen wieder gerade.“ Marina und Norbert Ellinger lassen die Geschichten im Büro und gehen optimistisch ins neue Jahr. „Und wenn nicht, wissen wir, wo wir anrufen können.“

Auch im Hofbräukeller, bei der MVG und in den Münchner Clubs müssen viele Menschen an Silvester arbeiten. 

Julia Langhof

Rund um die Telefonseelsorge

• Rund um die Uhr kann in Krisen oder Notsituationen bei der Evangelischen oder Katholischen Telefonseelsorge angerufen werden (0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222. Der Anruf ist immer kostenfrei. Ist bei einer von beiden besetzt, wird automatisch an die andere Zentrale weitergeleitet – Konfession spielt in diesem Fall keine Rolle. 

• Anonymität ist gewährleistet: Die Zentrale und damit verbunden die Mitarbeiter der Telefonseelsorge sehen weder eine Telefonnummer, noch erscheint die Servicehotline auf der Telefonabrechnung. 

• In extremen Gefahrensituationen ist die Telefonseelsorge berechtigt, die Polizei zu alarmieren, etwa wenn jemand plant, sich und andere Menschen umzubringen. Hierbei benötigt die Polizeistelle vorab einen richterlichen Beschluss. 

• Die Beratung findet auf Deutsch statt. Verschiedene Mitarbeiter sprechen zusätzlich noch andere Sprachen. Letztlich hängt es davon ab, wer gerade Dienst hat.

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