Harter Alltag der Angehörigen

Wenn Pflege kaputt macht

MÜNCHEN Der harte Alltag der Angehörigen – Experte nimmt Gesellschaft in die Pflicht

Wolfgang Wiesner (Foto) sitzt am Bett seines Vaters. So wie er es in knapp sieben Jahren tausende Male getan hat. Auch nachts. „Ich musste oft bis zu 15-mal aufstehen“, sagt der 54-Jährige. Wiesner hatte seine Eltern über Jahre gepflegt, das letzte Dreivierteljahr wohnte er bei ihnen. Im Dezember 2013 starb sein Vater, einige Monate nach dem Tod der Mutter.

Alles begann 2006 mit der Diagnose für seine Mutter: Alzheimer! „Mein Vater hat sich daraufhin erst um meine Mutter gekümmert. Aber dann hat er sich 2007 einen Oberschenkelbruch zugezogen. Weil er bereits lungenkrank war, konnte er sein Bein nicht trainieren.“ Die Folge: Der Vater war schon bald an den Rollstuhl gefesselt. Der Sohn übernahm die Pflege beider Eltern, baute die Wohnung rollstuhlgerecht um. „Ich bin die ersten Jahre morgens und abends nach der Arbeit zu ihnen gefahren.“ Als Selbstständiger sei ihm das möglich gewesen, sagt der EDV-Fachmann. „Aber als normaler Angestellter hätte ich das gar nicht leisten können. Ich hätte meinen Job verloren.“ Auch sein Privatleben veränderte sich. „Ich hatte keine Zeit mehr, um etwas zu unternehmen.“ Isolation – das bittere Los pflegender Angehöriger, die oft an der Pflege zerbrechen, sagt Pflege-Experte Claus Fussek (s. Interview).

Zerbrochen sei er nicht, sagt Wiesner. „Aber mein Leben ist nicht mehr so, wie es vorher war.“ Die intensive und schwierige Zeit hätte ihn geprägt. „Keiner weiß, was Pflegen bedeutet, wenn man es nicht selbst erlebt hat.“ Die Hilflosigkeit der eigenen Eltern zu sehen, ihnen die Windeln zu wechseln, sie zu waschen und zu füttern – all das sei für ihn am Anfang nicht vorstellbar gewesen. „Aber da wächst man hinein.“ Doch besonders für seinen Vater, der geistig noch topfit war, sei es am Anfang sehr schwierig gewesen.

Weil er allein die Pflege für beide Eltern nicht leisten konnte, stellte Wiesner ab 2008 Haushaltshilfen aus Rumänien ein. „Ohne diese Frauen wäre es nicht machbar gewesen.“ Doch auch hier würden Angehörigen Steine in den Weg gelegt. „Die Zulassung ausländischer Haushaltshilfen ist mit so großem bürokratischen Aufwand verbunden, dass viele davor zurückschrecken oder sie schwarz beschäftigen.“ Wiesner wählte den legalen Weg – ein dicker Ordner mit Formularen zeugt davon. Gut 2200 Euro kostete Wiesner die Betreuung im Monat. Was ihn ärgert: „Wenn ich meine Eltern ins Heim gegeben hätte, hätte das Heim doppelt so viel Geld aus der Pflegekasse erhalten wie ich in der häuslichen Pflege. Ich hätte mir gewünscht, als Angehöriger die gleiche Unterstützung zu bekommen wie ein Heim.“

Bereut, seine Eltern daheim gepflegt zu haben, habe er nie. Neben einer Wohnung voller Erinnerungen haben sie ihm vor allem eines hinterlassen: inneren Frieden. „Ich bin mit mir im Reinen, weil ich alles gegeben habe.“ das

Hallo München-Interview

Experte: „An der Pflege zerbrechen intakte Familien“

Claus Fussek, Mitbegründer des ambulanten Pflege- und Beratungsdiensts „Vereinigung Integrationsförderung“, im Hallo-Interview:

Herr Fussek, wie ist die Pflegesituation in Deutschland?

„Seit Jahren unverändert – was ich jetzt sage, habe ich vor 30 Jahren schon gesagt. Man schätzt, dass ungefähr 70 Prozent der Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, zu Hause gepflegt werden, rund 30 Prozent im Heim. Dabei fallen alle in die Statistik: diejenigen, für welche die Familie hin und wieder Einkäufe erledigt, genauso wie diejenigen, die 24 Stunden Rundum-Pflege benötigen.“

Was bedeutet Pflege für das Leben der pflegenden Angehörigen?

„Sie leben häufig in einer Parallelwelt, oft ziehen sich Freunde und andere Angehörige zurück. An der Pflege können auch intakte Familien zerbrechen. Du erträgst keine lustigen Menschen mehr. Ich hatte in der Beratung eine Frau, der ich mit Opernkarten eine Freude machen wollte. Sie hat abgelehnt. Stattdessen wollte sie lieber mal eine Nacht durchschlafen. Viele Angehörige sind psychisch und physisch am Ende. Es kann an diesem Punkt zu Gewalt in der Pflege kommen – ein Tabu im Tabu. Wenn wir die pflegenden Angehörigen nicht massiv unterstützen, dann wird der größte und preisgünstigste Pflegedienst der Nation kollabieren.“

Warum ist das Thema Pflege ein Tabu?

„Weil die Pflegenden und die Pflegebedürftigen keine Lobby haben. Die Familien machen die Probleme mit sich aus, der Druck wächst innerhalb der Familie.“

Was wäre eine Lösung?


„Zunächst müsste die Pflege die Schicksalsfrage der Nation werden. Sie müsste politisch genauso angesiedelt werden wie Kinderbetreuung oder das Betreuungsgeld. Die Priorität muss auf der Entlastung der Angehörigen auf kommunaler Ebene liegen. Heißt: Wir alle werden mit diesem Problem früher oder später mit Sicherheit konfrontiert werden. Es geht uns alle an – eine Gemeinde muss dieses Problem auf kommunaler Ebene gemeinsam lösen. Eine Idee ist, dass Firmen bezahlbare Tagespflegen für die Mitarbeiter-Familien anbieten, ähnlich wie Betriebs-Kitas. Wir brauchen weder weitere Studien noch kosmetische Verbesserungen, sondern ein komplettes Umdenken.“ Interview: das

Auch interessant:

Meistgelesen

Brutaler Überfall an der Reichenbachbrücke ‒ Unbekannte Täter stechen mit Messer auf Münchner ein
München Südost
Brutaler Überfall an der Reichenbachbrücke ‒ Unbekannte Täter stechen mit Messer auf Münchner ein
Brutaler Überfall an der Reichenbachbrücke ‒ Unbekannte Täter stechen mit Messer auf Münchner ein
München: Vom Schuh- zum Haushaltswarenladen - so kreativ kann Gutes sein 
München Mitte
München: Vom Schuh- zum Haushaltswarenladen - so kreativ kann Gutes sein 
München: Vom Schuh- zum Haushaltswarenladen - so kreativ kann Gutes sein 
So tickt München bei der Bundestagswahl 2021 ‒ Das Ergebnis der großen Hallo-Umfrage
MÜNCHEN
So tickt München bei der Bundestagswahl 2021 ‒ Das Ergebnis der großen Hallo-Umfrage
So tickt München bei der Bundestagswahl 2021 ‒ Das Ergebnis der großen Hallo-Umfrage
München: Ärger um verwüsteten Königsplatz
München Mitte
München: Ärger um verwüsteten Königsplatz
München: Ärger um verwüsteten Königsplatz

Kommentare