Zwei Oberhachinger über ihr Ehrenamt als Kulturdolmetscher

Zwei Vermittler von Sprache und Kultur

Khaled Oda aus Oberhaching.
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Khaled Oda ist seit einem Jahr ehrenamtlich als Kulturdolmetscher tätig.
  • vonMelanie Schröpfer
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Die ehrenamtlichen Kultur­dolmetscher der Caritas erleichtern neuangekommenen Landsleuten den Start in Deutschland. Sie begleiten sie zu Arztterminen, Elternabenden oder Behördengängen. Ihr Engagement ist so wertvoll, weil sie selbst aus einem anderen Land nach Deutschland gekommen und nun mit zwei Kulturen vertraut sind. Die Oberhachinger Ahmed Ahmo und Khaled Oda erzählen von ihrem Ehrenamt als Vermittler von Sprache und Kultur.

Ahmed Ahmo und Khaled Oda kommen beide aus Syrien. Bei der Caritas engagieren sich die zwei Männer, die mittlerweile in Oberhaching wohnen, als Kulturdolmetscher. Ein wertvolles Ehrenamt, denn bei der Ausübung dieser Tätigkeit geht es nicht nur darum, für Landsleute das noch unbekannte Deutsch in die vertraute Sprache zu übersetzen. Ebenso wollen Kulturdolmetscher ihren Mitmenschen, die sich nun in Deutschland zurechtfinden müssen, vermitteln, worauf es außer der Sprache bei Behördengängen oder Arztterminen in Deutschland ankommt.

3392 Kilometer liegen zwischen der syrischen Stadt Ad Darbasiyah, der Heimatstadt von Ahmed Ahmo, und seinem neuen Zuhause, der Gemeinde Oberhaching. Es wäre anzunehmen, so viele Kilometer Deutschland von den arabischen Ländern trennen, so viele kulturelle Unterschiede gibt es. Sein Kulturdolmetscher-Kollege Khaled Oda verdeutlicht den Kontrast, indem er hinzufügt, dass die Menschen auf den Straßen in Syrien viel offener sind als in Deutschland. Stress und Vorschriften gäbe es deutlich weniger, so Oda. Und vor allem habe der junge Mann gelernt, dass man in Deutschland für alles einen Termin braucht. Das kannte er aus seiner syrischen Heimat so nicht.

Ahmed Ahmo ist als einer der Oberhachinger Kulturdolmetscher für Neuangekommene ein wichtiger Anker, um sich in der deutschen Kultur zurechtzufinden und zu integrieren.

Anfang des Jahres erhielt Ahmo sein Zertifikat als Kulturdolmetscher. Er weiß nun, dass etwas, das in Deutschland für höflich geschätzt wird, in den arabischen Ländern sogar als respektlos gelten kann. „Wer in Deutschland mit anderen Leuten spricht, sieht dem Gegenüber in die Augen.“ Ahmo schmunzelt und erklärt diese Reaktion: „In den arabischsprachigen Ländern sieht man sich nicht einfach so tief in die Augen. Wer in den arabischen Ländern jemanden so ansieht, bekommt Ärger.“ Und er ergänzt: „Wenn man in Arabien einen Termin hat, nimmt man die ganze Familie mit. Auch das ist in Deutschland anders. Hier ist es üblich, alleine zu erscheinen.“ Jene Unterschiede sind es, die Menschen bei einem Neustart in einem fremden Land erst einmal erfahren müssen.

Mehr als nur einfach Wort für Wort übersetzen

Andere machen ähnliche Erfahrungen beim Kennenlernen der neuen Kultur, aber sie haben Ahmed Ahmo oder Khaled Oda an ihrer Seite. Die Kulturdolmetscher begleiten zu Terminen und achten darauf, nicht nur Wort für Wort zu übersetzen, sondern gleichzeitig über die noch fremden Sitten und Gebräuche aufzuklären. Ahmo und Oda geben das weiter, was sie mittlerweile auch zwischen den Zeilen lesen und können so auf bestimmte Eigenheiten der deutschen Mentalität aufmerksam machen.

So kommt es in Deutschland zum Beispiel bei Arztbesuchen auf Pünktlichkeit an. Und Ahmo und Oda heben hervor, dass es in Deutschland ziemlich bürokratisch zugeht. Um neu anzufangen, werden hier viele, viele Stempel, Zertifikate und alle möglichen Nachweise benötigt. Wer arbeiten möchte, kann sich nicht einfach so mit vollem Elan in die Arbeit stürzen. Es bedarf zunächst einer Arbeitserlaubnis. Wie gut tut es einem Neuangekommenen da, nicht allein zu sein und sich allein zu fühlen, sondern gemeinsam mit einem Kulturdolmetscher wie Oda, der sich noch genau daran erinnert, wie es ihm selbst erging, ein Jobcenter aufzusuchen.

Obwohl der Syrer schnell die deutsche Sprache lernte, tat auch er sich anfangs schwer. 2016 erhielt er das Sprach­niveau B1, das die selbstständige Sprachanwendung beurkundet. „Ich konnte mich ausdrücken, konnte verstehen, worum es geht, sagen, was ich wollte. Aber ich konnte nicht frei – wie jetzt – mit den Menschen sprechen.“ Oda erzählt, dass, sobald ein Termin anstand, er viel Zeit in die Vorbereitung steckte. Er recherchierte die Themen im Vorfeld, übersetzte und übte so lange, bis alles in seinem Kopf abgespeichert war. „Es war früher eine ganz andere Welt. Ich war wie ein Fisch auf dem Trockenen“, erklärt Oda.

Die Sprache sei wichtig, um sich in einer neuen Welt zurechtzufinden, so der Syrer. „Die Leute müssen sich integrieren und Deutsch lernen. Die Arbeit ist erst mal zweitrangig, die kommt dann später, auch die Ausbildung. Hauptsache ist, erst den Umgang mit den Menschen zu lernen. „Was ich erlebt habe, war sehr hart. Du verstehst nicht, ob ein Mensch mit dir schimpft. Es ist eine ganz andere Welt. Man kann sich das nicht vorstellen.“ Mittlerweile hat Oda mündlich das Sprachniveau B2 erreicht, das Schriftliche folgt noch. Eben jenes Sprachniveau B2 beweist spontanes, detailliertes Ausdrücken in komplexen und abstrakten Themen. Glücklich schätzt er sich, dass er im Rahmen eines Praktikums bei BMW weitere Sprachkurse belegen konnte.

Ahmo lebt seit mehr als sechs Jahren in Deutschland und wohnt in Deisenhofen. An seinen Start in der neuen Heimat erinnert er sich noch gut: „Als ich nach Deutschland kam, habe ich mich an meinem ersten Tag an die Security gewandt und habe gefragt, ob es einen Raum gibt, in dem man Deutsch lernen kann. Deutsch ist eine schwere Sprache. Ich lerne seit dem ersten Tag, bis jetzt, immer.“ Ahmo spricht perfekt Arabisch, dabei ist seine Muttersprache Kurdisch. „Außerdem spreche ich nun Deutsch und Englisch.“ Das Lernen bereitet ihm persönlich große Freude: „Ich muss immer etwas Neues lernen. So bin ich. Ich brauche das.“ Bei Gerichtsangelegenheiten allerdings sind es nicht die Kulturdolmetscher, die übersetzten. „Das wird sonst schwer zu übersetzen. Da benötigt man einen offiziellen Dolmetscher“, so Ahmo.

Zur Ausbildung zum Kulturdolmetscher kamen Ahmo und Oda durch die Integrationsberatung der Caritas. Nina Hartmann, stellvertretende Fachdienstleitung der Caritas-Integrationsberatung im Landkreis, kannte die beiden Syrer und wusste daher, wem sie diese Ausbildung gut vorschlagen konnte. Und nun ist es auch die Caritas, die Ahmos und Odas Einsatz als Kulturdolmetscher koordiniert.

Sie bekamen Hilfe, und nun helfen sie selbst

Beiden wurde geholfen, von der Caritas-Integrationsberatung und von Ehrenamtlichen des Helferkreises Asyl, erzählen die beiden Syrer. „Die Mitarbeiter der Caritas haben mich seit 2016 betreut und mich bis heute nicht allein gelassen. Sie helfen mir bei jeder Gelegenheit. Es gibt immer jemanden, der mich unterstützt“, sagt Oda. Und daher helfe nun auch er so gerne anderen, sich im neuen Heimatland schnell und leicht zurechtzufinden. Die Kulturen sind unterschiedlich, ja. Aber Oda sagt: „Mit der Zeit, wenn man sich integriert hat und weiß, wie was geht, dann ist Deutschland mit der alten Heimat vergleichbar. Es ist zwar anders, aber trotzdem Heimat.“ Ahmo und Oda sind angekommen. Bayern ist ihr neues Zuhause. Und so sagt Oda zum Abschied nach dem Gespräch: „Pfiat Gott“.

Melanie Schröpfer

Nähere Informationen gibt es unter www.caritas-landkreis-muenchen.de.

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