Zivilcourage – Grenzen und Chancen

Werner Makella, systemischer Familientherapeut und Leiter der Work and Box Company, Taufkirchen, die erfolgreich gewaltbereite junge Männer in Gesellschaft und Arbeitsmarkt reintegriert, plädiert aus Anlass der jüngsten Gewalttat, die Münchner Jugendliche auf dem S-Bahnhof Solln verübten, für einen Aufbruch aus der Anonymität:

„Ein Mensch wird geschlagen und getreten, der Schwächere in Schutz genommen hat. Andere beobachten diesen Gewaltakt, ohne einzugreifen. Treten wir einen Schritt zurück von dem aktuellen Geschehen und der lautstarken öffentlichen Diskussion um härtere Strafen für die Täter wie für die Zuschauer, die nicht geholfen haben. Aus der Distanz können wir erkennen, dass beiden Verhaltensweisen ein und dassel-be Phänomen zu Grunde liegt: die Anonymität unserer Städte, unserer Ballungsräume. In dieser Anonymität wachsen die jugendlichen Gewalttäter auf, aber auch die tatenlos Zusehenden sind in dieser Anonymität aufgewachsen. Beide sind von ihr – und dem täglichen Gewaltkonsum via Fernsehen und Internet – geprägt. Dieser gesellschaftliche Aspekt wird gerade im Extrem solcher Vorfälle sichtbar. Angesichts der Anonymität, in der sich die Jugendlichen wie die Schaulustigen bewegen, bedeutet Zivilcourage, sich nicht mehr in die Anonymität zu-rückzuziehen, aber auch andere aus ihr herauszuholen. Können wir aber unsere Gesellschaft insgesamt aus dieser Anonymität befreien? Je extremer die Position des anderen ist – zum Beispiel die eines gewaltbereiten Jugendlichen – desto schwerer fällt es, einen Zugang zu ihm zu finden. Mit welcher Haltung begegne ich so jemandem? Auch wenn es noch so schwierig ist: Unbedingt mit einer menschlichen Haltung! Und möglichst ohne moralisierenden Zeigefinger, denn wahrscheinlich haben die Moral des Senders und die des Empfängers keine Schnittmenge. Am effektivsten mit einer gefühlsorientierten Haltung: Kontakt zum Handelnden herstellen und ihn emotional erreichen, indem man etwa die konkreten Gefühle benennt, die die Situation ausmachen: Angst, Zorn, Hilflosigkeit. Mit Jugendlichen zu arbeiten, die mit anderen Maßnahmen nicht zu erreichen sind, das genau ist die Aufgabe der Work and Box Company: Wir bauen den Kontakt zu ihnen auf, bringen sie mit ihren eigenen Gefühlen und denen der anderen in Berührung und erarbeiten auf dieser Grundlage mit ihnen gemeinsam persönliche, soziale und berufliche Perspektiven. Angesichts des erschreckenden Ausmaßes der gesellschaftlichen Verwahrlosung und Destruktivität dieser Zielgruppe entwickeln wir gerade in Zusammenarbeit mit dem TSV 1860 München ein neues Projekt für Schülerinnen und Schüler aus abgangsnahen Klassenstufen („1860 boxt gegen Gewalt“), um so Gewaltprävention und soziale Integration früher anzusetzen. Es gibt kein Patentrezept, weder für Zivilcourage noch für die Reintegration jugendlicher Gewalttäter in unsere Gesellschaft. Grundsätzlich aber gilt: Das Leben findet nicht in der Anonymität statt, sondern in der Begegnung mit anderen Menschen. Es erfordert Courage, sich aus der Schutzhaltung in den Kontakt und in die gegenseitige menschliche Anteilnahme zu wagen.“

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