„Wir brauchen Bürger, die sich um die Gemeinde kümmern“ 

Unterhachings Zweiter Bürgermeister Prof. Dr. Alfons Hofstetter im Gespräch

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Alfons Hofstetter liest gerne in seinem Garten. Aktuell beschäftigt er sich mit dem Sachbuch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari.

„Unsere Lebensaufgabe ist es zu versuchen, das vorgegebene Ziel mit all deinen Kräften zu erreichen“ – nach dieser Devise hat der Unterhachinger Prof. Dr. Alfons Hofstetter sein ganzes Engagement sowohl in der Medizin als auch der Gemeinde eingebracht. Der Spezialist der Urologie hat in Großhadern und in Lübeck Forschungszentren gegründet. Ebenso war er Mitglied in 23 medizinischen Gesellschaften, hat zehn Bücher geschrieben und hielt über 900 Vorträge in 37 verschiedenen Ländern. Hofstetters Forschung zur Tumor-Immunologie und Lasertechnik gilt als revolutionär. Eigentlich wäre anzunehmen, dass der in Burghausen geborene, vierfache Vater damit bereits genug eingespannt war. Dennoch setzte sich der Mediziner nicht weniger engagiert für die Belange Unterhachings ein. Hofstetter ist seit 1972 im Gemeinderat. Er war 14 Jahre CSU-Fraktionsvorsitzender, von 1996 bis 2008 dritter Bürgermeister, und seit 2008 ist er Parteiloser zweiter Bürgermeister. Er hat 46 Jahre das Gemeindeleben mitgestaltet – doch mit den Kommunalwahlen 2020 ist für ihn Schluss. Im Gespräch mit HALLO blickt der 81-Jährige auf seinen Lebensweg zurück und erzählt, wie sich Unterhaching im Laufe der Zeit verändert hat.

Herr Prof. Dr. Hofstetter, wofür schlägt Ihr Herz mehr? Für die Medizin oder die Lokalpolitik? 

Das kann ich nicht so einfach sagen. Einerseits ist die Medizin mein Beruf. Ich würde, wenn ich nochmal auf die Welt kommen würde, wieder Arzt werden.Ich finde Arzt ist der beste Beruf überhaupt. Andererseits ist es meiner Meinung nach auch wichtig, sich für die Gemeinde zu engagieren, in der man lebt und nicht nur am Stammtisch herum zu meckern.

Sie kamen mit Ihrer Frau und Ihren Kindern 1970 nach Unterhaching. Was hat sich seitdem getan? 

Damals war in Unterhaching noch vieles „flache Wiese“. Im Gemeinderat waren wir eine junge Mannschaft unter Bürgermeister Kupka, motiviert, den Ort weiterzuentwickeln. So sind der See im Ortspark, das neue Ortszentrum, das Kubiz, das Gymnasium und der Landschaftspark entstanden. Später kamen dazu das Gewerbegebiet und die Geothermie unter Bürgemeister Dr. Knapek. Da ist schon eine ganze Menge passiert. Ich bin stolz darauf, bei all diesen Entwicklungen dabei gewesen zu sein, 40 Jahre lang. Ich glaube, das ist eine gute Bilanz. Jetzt wird es aber Zeit, dass wieder andere kommen, auch wenn es immer schwieriger wird, Leute zu finden, die sich ehrenamtlich in einem Gemeinderat einbringen.

Warum? 

Sich ehrenamtlich für die Gemeinde neben Beruf und Familie zu engagieren, ist nicht einfach und war auch für mich ein Problem. Ich bin 40 Jahre lang um fünf Uhr morgens aufgestanden, habe den ganzen Tag in der Klinik gearbeitet und bin an Sitzungstagen noch abends in den Gemeinderat oder in die Fraktion. Und dass es da auch ab und an frustrierende Themen gab, können Sie sich sicher vorstellen (lacht).

Zusätzlich zur Ihrer Arbeit in München waren Sie beruflich auch viel auf Reisen. Wo sind Sie überall rumgekommen? 

Ich war so ziemlich in der ganzen Welt unterwegs. Ich habe mit meinen Mitarbeitern zum Beispiel die Lasertechnik in die Chirurgie eingeführt. Daher wurde ich überall hin eingeladen, um diese Technik vorzustellen. Eigentlich ging man damals in die USA, um dort die neuesten Techniken zu erlernen. Wir waren die ersten Deutschen, die nach USA eingeladen wurden, um von 1978 bis 1986 in Philadelphia Laserkurse für amerikanische Kollegen durchzuführen.Nicht zuletzt aufgrund dieser Kurse wurde in den USA das Approval für den Lasereinsatz in der Chirurgie gewährt. Bei einem Vortragszyklus habe ich sogar einmal mit meinem Pathologen, Dr. Keiditsch, die ganze Welt umrundet. Nur in Australien, da war ich nie.

Wieso ausgerechnet dort nicht? 

Die Mutter eines meiner Mitarbeiter lebte in Australien. Wenn es dort Kongresse gab oder Einladungen kamen, hat er mich verständlicherweise gebeten, diese übernehmen zu dürfen.

Nicht nur für Vorträge waren Sie auf der ganzen Welt unterwegs, im Laufe Ihrer Karriere haben Sie als Spezialist auch einflussreiche Personen behandelt. Wer war Ihr interessantester Patient? 

Das ist schwer zu sagen. Die interessanteste Geschichte ist wahrscheinlich, dass ich den Physiker Theodore Maiman, den Mann, der 1960 den „Laser zum Laufen“ brachte, behandelt durfte. Prof Maiman erkrankte Ende der 1990er-Jahre an einem Prostata-Tumor. Wegen eines gleichzeitig bestehenden Blutkrebses lehnten die Spezialisten in USA und Kanada einen operativen Eingriff ab. 2000 kam er dann zu mir nach Großhadern. Ich konnte ihn erfolgreich mit unserer minimal-invasiven Lasermethode behandeln. Das war für mich ein großer Triumph.

Inwiefern? 

Der Prophet im eigenen Land gilt bekanntlich nichts. Viele meiner deutschen Kollegen glaubten jahrelang nicht daran, dass die Lasertechnik in der Medizin funktionieren kann. Deshalb wurde ich oft angegriffen, teilweise auch in der Presse. Doch als ich dann den „Vater des Lasers“ erfolgreich behandelt hatte, war Schluss damit.

Apropos Schluss: 2008 sind Sie nach 36 Jahren aus der CSU ausgetreten. Wie kam es dazu?

Ich bin damals wegen Horst Seehofer aus der CSU ausgetreten. Als Gesundheitsminister in den 1990er-Jahren kam er einmal nach Großhadern und wollte uns vorschreiben, wie viel und was wir operieren dürfen und was nicht. Außerdem drohte er mit Budgetkürzungen für die Kliniken, die seiner Meinung nach zu viel operieren. Das gab eine Auseinandersetzung. Wo gibt es denn so etwas, dass ein Politiker den Ärzten vorgibt, was sie zu tun oder zu lassen hätten!? Eine Uniklinik muss doch die Möglichkeit haben, auch kostspieligste Operationen durchzuführen, wenn dies erforderlich ist. Auf Grund dieser Auseinandersetzung habe ich immer gesagt: „Wenn Horst Seehofer Parteivorsitzender wird, trete ich aus der CSU aus“. Als er es dann geworden ist, hatte ich gar keine andere Wahl.

Also sind Sie nur ausgetreten, um Ihr Wort zu halten?

 Ja, das war wohl so.

Wieso sind Sie später, nach Seehofers Wechsel in die Bundespolitik, nicht wieder der CSU beigetreten? Haben Sie je darüber nachgedacht? 

Da war keine Zeit mehr, davon abgesehen, als Parteiloser kann man in der Gemeinde-Politik, vernünftiger und freier überlegen, als wenn man gebunden ist. Ich bin konservativ – das heißt, konservativ-fortschrittlich, dazu brauche ich keine Partei (lacht). Deshalb muss ich auch manchmal gegen meine Fraktion stimmen. Ich bin der Überzeugung, dass man in der Gemeinde-Politik auf Parteien verzichten könnte. Wir brauchen Bürger, die sich um ihre Gemeinde kümmern.

In der Vergangenheit wurde schon einiges geleistet.Wie sehen Sie die Entwicklung Unterhachings über die Jahre? Wo gibt es noch Verbesserungspotenzial?

 Der Ort hat sich super positiv entwickelt. Über die Jahre hinweg hat der Gemeinderat hervorragend gearbeitet. Jetzt müsste man zunächst einmal die Infrastruktur in den Griff bekommen, bevor weiter gebaut und geplant wird.

Was wünschen Sie sich für die Gemeinde? 

Ich würde mir wünschen, dass sich mehr junge Menschen für die Gemeinde einsetzen. Ich bin der Meinung, dass jeder Bürger, der es sich leisten kann, sich wenigstens eine Periode dem Gemeinderat zur Verfügung stellen sollte.

Wie geht es für Sie persönlich weiter? Sie sind seit 2006 im Ruhestand, im kommenden März beenden Sie Ihre Arbeit im Gemeinderat. Wird es bei Ihnen danach ruhiger?

 Momentan plane ich an dem Bau einer Urologischen Klinik in China mit. Der Rohbau steht bereits. Dort soll ein Teil meiner wissenschaftlichen Arbeit umgesetzt werden. Einerseits bin ich stolz, dass mein Wissen international noch gefragt ist, für längere Zeit nach China gehen, möchte ich aber nicht mehr. Ich will mich in meinem Alter nicht noch auf irgendein Abenteuer einlassen – ich bleib lieber in Unterhaching.

Gibt denn einen Ort, den Sie noch bereisen wollen? 

Eigentlich nicht. Ich bin fast überall in der Welt gewesen. Ich bleib am liebsten zu Hause. Ich hab noch eine kleine Hütte an der Salzach in der Nähe von Burg- hausen. Dahin ziehe ich mich gerne zurück. Außerdem lese ich gerne lateinische Texte von Äsop bis Seneca. Das möchte ich nach dem Abschied aus der Lokalpolitik vermehrt machen.

Auf Latein? Konnten Sie sich das über all die Jahre behalten?

 Ja, einigermaßen. Ich war auf einem humanistischen Gymnasium und hatte neun Jahre Latein. Ich bin bis heute überzeugt, dass ein humanistisches Gymnasium die beste Ausbildungsschule ist. Deshalb stiftete ich meiner alten Schule in Burghausen einen Lateinpreis. Der beste Latein-Abiturient des Jahrgangs bekommt 1000 Euro. Dieses Jahr hatte ich sogar die Möglichkeit, die Prüfungsaufgaben aus dem aktuellen Latein-Abi mitzuschreiben. Und ich hab 15 Punkte bekommen. (lacht)

Was haben Sie sich noch für die Zukunft vorgenommen? 

Man muss sich auch langsam einmal mit dem Jenseits befassen. Das ist nicht so einfach. Das Einzige, woran ich wirklich glaube ist, dass nicht alles aus dem Nichts entstanden ist, ohne dass da ein Plan von einem Planer dahinterstecken würde. Wenn alles nur zufällig aus dem Nichts kommen würde, müsste es auch wieder Rückentwicklungen in das Nichts geben. Wir haben leider nur einen begrenzten Horizont und sind damit eigentlich nicht weiter gekommen als die griechischen Philosophen.

Interview: Iris Janda

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