„Es herrscht eine Kultur, in der Armut Teil des Lebenskonzepts ist“

Unterhachinger Verein hilft Notleidenden auf den Philippinen

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Johannes Hoffmeister aus Unterhaching ist Vorstand des gemeinnützigen Vereins „Dandelion – Hands on Charity International“, der Menschen auf den Philippinen mithilfe von Mikrokrediten aus der Armut hilft.

Seit 2014 setzt sich „Dandelion – Hands on Charity International“ für Menschen aus philippinischen Armenvierteln ein. Vorstand Johannes Hoffmeister – Lehrer am Gymnasium Höhenkirchen-Siegertsbrunn – gibt einen Einblick in die Arbeit des Vereins.

„Jedes Projekt hat mal klein angefangen“, erklärt Johannes Hoffmeister. Was aus einer kleinen Idee werden kann, beweist der gemeinnützige Verein „Dandelion – Hands on Charity International“, den der zweifache Vater 2014 mit seinen Freunden Aaron Overmeyer und Sascha Pflieger gegründet hat. Dandelion ist der englische Begriff für den Löwenzahn – eine Pflanze, die bei Gärtnern als Unkraut verhasst, bei Kindern dafür als Pusteblume umso beliebter ist. Für die Vereinsmitglieder stand bei der Namenssuche die Symbolik im Vordergrund: Wie der Samen der Blume soll sich ihre Hilfe verbreiten.

Der Verein unterstützt auf den Philippinen Menschen ohne geregeltes Einkommen mit Mikrokrediten. Er engagiert sich seit 2015 in der 1,6 Millionen-Einwohner-Stadt Davao, genauer gesagt im Stadtteil Agdao. Dort leben zirka 100.000 Menschen in Wellblechhütten, Tendenz steigend. „Wir wollten den Allerärmsten helfen“, meint Hoffmeister. Der 35-Jährige kam vor 19 Jahren nach Unterhaching. Er ist Lehrer für Religion und Sport am Gymnasium Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Außerdem arbeitet er als Unternehmer und gründete bereits nach dem Studium eine Firma, mit den Jahren kamen weitere dazu. Mittlerweile ist er aber weniger operativ, sondern mehr für das Netzwerken zuständig. Trotz vollen Terminkalenders hat sich der zweifache Vater, der sich derzeit in Elternzeit befindet, für ein Gespräch über Dandelion Zeit genommen. Beim Treffen bei einem Italiener in Untergiesing ist spürbar, dass der Verein für ihn eine Herzensangelegenheit ist.

Die Philippinen lernte Hoffmeister erstmals nach dem Abi­tur kennen. Über ein Missionarsprogramm lebte er für acht Monate in Davao. „Dort hatte ich sehr viele einschlägige Erlebnisse, Begegnungen mit Armut und Menschen in Not. Aber ich lernte auch eine andere Kultur und Sprache kennen“, erzählt der Pädagoge, der aus der Nähe von Passau stammt. Ein Schlüssel­erlebnis hatte er im Dezember 2003. Nach einer Weihnachtsfeier warf er Essensreste in einen Müllcontainer. In dem Moment sah er ein Kind in der Tonne, ihre Blicke trafen sich. „Das ging mir durch Mark und Bein“, erklärt er. Das sei eines der einschneidendsten Erlebnisse seines Lebens gewesen.

Mikrokredite für den ­Existenzaufbau

So war ihm schon mit 20 Jahren klar, dass er Menschen helfen wollte – und Hoffmeister erkannte auch, dass er mehr erreichen kann, wenn er von Deutschland aus Gelder mobilisiert, als wenn er vor Ort hilft. Die Kontakte aus seiner Zeit in dem asiatischen Staat hielten über die Jahre. 2014 tat er sich dann mit Overmeyer und Pflieger, beide ebenfalls Unternehmer, zusammen, gemeinsam reisten sie auf die Philippinen. Die Lage der Menschen in den dortigen Armenvierteln ist prekär, wie Hoffmeister verdeutlicht: „Wenn einem das Wasser wirklich bis zum Hals steht, das können wir uns so ja hier oft gar nicht vorstellen. Erst aus so einer Lage heraus, kommt es dann dazu, dass Kinderprostitution und Menschenhandel entstehen.“ Deshalb die Idee der Mikrokredite, denn „wenn es den Eltern wirtschaftlich gut geht, können die auch ihre Kinder in die Schule bringen und ihnen ein besseres Leben bieten.“ Die Kredite sind zwischen 100 und 300 Euro, 95,6 Prozent werden komplett innerhalb des Zeitraums zurückgezahlt. „Damit können sich die Menschen eine eigene Lebensgrundlage aufbauen. Da geht es um einfachen Handel, zum Beispiel ein Bauchladen“, erklärt Hoffmeister. Viele würden sich auch ein Radeltaxi kaufen, denn „auf den Philippinen geht man wegen der Hitze nicht zu Fuß“, der Bedarf an Transportmitteln sei groß. „30 Prozent derer, die unterstützt werden, schaffen es wirklich raus aus der Armut. Die Idee unseres Investments ist, dass die Menschen schuldenfrei werden und zu Besitz kommen. Je nach Schuldenhöhe muss da auch bei manchen drei- bis viermal nachfinanziert werden.“ Das Problem sei, dass viele nicht realisieren würden, welche Möglichkeiten sie haben. „Dort herrscht eine Kultur, in der Armut Teil des Lebenskonzepts geworden ist. Die Leute sind arm im Kopf“, veranschaulicht Hoffmeister. Der Hauptgrund für die gute Rückzahlungsquote sind die Netzwerkpartner, die vor Ort arbeiten. Viele davon kennt Hoffmeister schon seit seines Aufenthalts nach dem Abitur. „Wir sind sehr stolz drauf, dass wir vier Organisationen haben, die in dem Slum schon aktiv sind, die meisten davon Kirchen oder soziale Werke. Die kennen die Leute persönlich und wissen, wer Hilfe braucht und vertrauensvoll ist.“ Weil ihre Arbeit vom Vertrauen lebt, könne der Verein nicht so schnell wachsen, wie es sich Hoffmeister wünscht. Schließlich ist es schwer, neue Netzwerkpartner zu finden, bei denen diese Vertrauensbasis da ist. Vertrauen – auch etwas, das für die Spender sehr wichtig ist. Daher sei das genaue Belegen jeder Investition beim deutschen Finanzamt auch so wichtig. „Die Deutschen sind sehr großzügig mit Spenden, wenn sie eben auch genau wissen, wo das Geld hin fließt. Und das ist auch richtig so“, betont Hoffmeister.

Große Hilfe durch Spendenlauf

Und die Menschen vertrauen ihm – aus gutem Grund. Er reist als erster Vorstand von Dandelion einmal im Jahr auf die Philippinen, skypt wöchentlich mit dem Hauptverantwortlichen vor Ort, kennt jeden Projektleiter und sogar manche der Spendenempfänger persönlich. Gerade beim Spendenlauf am Gymnasium Höhenkirchen-Siegertsbrunn, der erst Ende Juli stattfand, zeigt sich die Großzügigkeit der Bürger. Der Lauf fand nun schon im sechsten Jahr – seit der Gründung der Schule – statt. Es machen immer 800 bis 1000 Schüler mit. Diese können sich von Familienmitgliedern, Bekannten oder auch Firmen sponsern lassen. „Die Unternehmen zahlen natürlich dann höhere Beträge, aber das meiste kommt tatsächlich durch die kleinen Beträge privater Spender zusammen.“ Jedes Jahr seien es insgesamt zwischen 15.000 und 20.000 Euro. „Ich bin immer wieder überrascht von dem vielen positiven Feedback und der Spendenbereitschaft – und ich bin sehr dankbar, den Spendern sowie meiner Chefin und dem Kollegium gegenüber“, zeigt sich Hoffmeister erfreut. „Ohne Höhenkirchen hätte unser Projekt in dieser Form nie funktioniert, der Lauf ist schon immer unsere Haupt­einnahmequelle“, so der zweifache Vater weiter. 

Neben ungefähr 80 Prozent an Mikrokrediten fließt die übrige Arbeit des Vereins in Bildungsprojekte. Unter anderem haben sie schon Massage- und Nähmaschinenkurse angeboten. Für diese Kurse die richtigen Leute zu finden, sei nicht so leicht. „Die Menschen sind nicht dumm, aber es gibt viele Analphabeten, die kann man keine Theorieprüfungen machen lassen“, verdeutlicht Hoffmeister. Aber auch bei den Kursen zeigen sich große Erfolge, einige aus dem Nähkurs konnten später dadurch als Selbstständige arbeiten. Trotz der vielen Erfolge, jedem könne nicht geholfen werden. 35 Prozent können sich auch mit Mikrokrediten nicht langfristig aus ihrer Lage befreien. „Das frustriert schon, aber wir können nicht jedem helfen. Die Ressourcen sind begrenzt, wir werden mit vielen Einzelschicksalen konfrontiert und müssen daraus selektieren. Das bereitet mir schon manchmal die ein oder andere schlaflose Nacht“, räumt Hoffmeister ein. „Ich bin nicht Superman am Ende vom Tag“, erklärt er. Aber dass Dandelion über 200 Menschen jährlich durch die Mikrokredite zu einem besseren Leben verhilft, ist allein schon heldenhaft genug.

Weitere Informationen finden Interessierte unter: http://www.handsoncharity.org/de/startseite-de/.

Iris Janda

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