Protestantischer Pfarrer mit katholischem Herz

Unterhachinger Pastor Fabian Ludwig bietet eine offene Tür für alle

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Pastor Fabian Ludwig vor dem neugebauten Gemeindezentrum der Heilandskirche in Unterhaching.

Am Pfingstsonntag wurde Pfarrer Fabian Ludwig bei einem feierlichen Gottesdienst in der Heilands­kirche eingeführt. Die ­Leitlinie in seinem Glauben ist die Liebe.

„All you need is love“ – die Beatles hätten 1967 mit ihrem Welthit nicht treffender die Essenz des Lebens auf den Punkt bringen können. So sieht es Pfarrer Fabian Ludwig, der seit Anfang Juni die evangelisch-lutherische Heilandskirche in Unterhaching leitet. „Die Liebe ist der Kern dessen, was ein Christ fähig sein muss, zu glauben“, erklärt Ludwig. Wenn man das verstanden habe, sei es nicht schwer, Anknüpfungspunkte mit unterschiedlichsten Menschen zu finden. Seine liebste Bibelstelle ist daher auch 1 Johannes 4,16b: „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Diese Stelle ist ihm sehr ans Herz gewachsen und zieht sich durch sein Leben. Beispielsweise wurde sie auch bei seiner Trauung vorgetragen.

Ludwig wurde in Dachau geboren, ist aber in Rosenheim aufgewachsen. Er studierte in München Theologie, absolvierte ein freiwilliges soziales Jahr in El Salvador und setzte zeitweise sein Studium in Chicago fort. Pfarrer zu werden, hatte Ludwig zunächst überhaupt nicht vorgehabt: „Ich habe das Theologiestudium gar nicht mit dem Gedanken begonnen, Pfarrer zu werden. Ich hatte meinen Religionslehrer immer sehr bewundert, ein sokratischer Typ, der auf alles eine Antwort wusste. Das wollte ich auch können.“ Nach dem Studium war er dann zunächst im Kulturmanagement tätig. „Das spielte sich für mich zu sehr auf der Metaebene ab, es ging mir dort zu wenig um Menschen.“ So beschloss er, Pfarrer zu werden und holte sein Vikariat nach. Dazu war er mit seinem Mentor zunächst in Waldperlach und später in Neuperlach tätig. Danach schlossen sich drei Jahre Probedienst in der Kirchengemeinde Immanuel-Nazareth in Denning-Bogenhausen an.

Mit seiner Ehefrau und seinen zwei Söhnen – ein und drei Jahre alt – ist er im Mai aus der Maxvorstadt ins Pfarrhaus in Unterhaching gezogen. „Ich lebe zum ersten Mal in einem Pfarrhaus, es wohnt sich schön hier, aber manches ist auch gewöhnungsbedürftig“, meint Ludwig. „Manchmal schauen Leute in deinen Garten oder es klingelt jemand zu komischen Zeiten bei uns. Aber das ist alles eine Sache der Gewöhnung“, so der Pfarrer weiter. Natürlich vermisse er auch die Vorzüge des städtischen Lebens. „Aber man ist hier auch nicht aus der Welt. Unterhaching hat schon wahnsinnig viel, es gibt alle möglichen Geschäfte, Grünflächen, Spielplätze. Und es ist noch ein richtiger Ortskern vorhanden“, zeigt sich Ludwig begeistert. Gerade mit Familie sei es in Unterhaching schön zu leben: „Es fühlt sich gut an, hier zu sein.“

Nun möchte der Pfarrer zunächst herausfinden, wie die Gemeinde tickt. Gemerkt hat er bisher, dass es in der Gemeinde einen wahnsinnig guten Zusammenhalt gibt und auch während der Zeit, als die Pfarrerstelle vakant war, viel auf die Beine gestellt wurde. Er hofft, dass dies so beibehalten wird: „Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn alles auf den Pfarrer hin geeicht ist.“ Generell liege ihm die Familienarbeit sehr am Herzen. Dabei gehe es ihm nicht nur um das klassische Vater-Mutter-Kind-Modell, sondern auch um Patchwork-Familien, Großeltern und gleichgeschlechtliche Paare. „Familien sind ein guter Anknüpfungspunkt, um die Gemeinschaft zu stärken“, fügt er hinzu. Außerdem lege er viel Werk auf die Ökumene und karitatives Arbeiten. Auch spirituelle Übungen würde Ludwig gerne anbieten: „Ich komme sehr stark vom Herzensgebet her und mache gerne Yoga und Meditationsübungen.“ Auch theologische Kurse oder Gesprächsgruppen finde er interessant. „Man muss schauen, worauf die Leute Lust haben und auch, was die Arbeitszeit hergibt“, erklärt der zweifache Vater.

Dass er gerne meditiert, passt zum ruhigen Gemüt des Pfarrers. Ludwig wirkt tiefenentspannt und mit sich im Reinen – und das trotz der noch laufenden, letzten Bauarbeiten am neuen Gemeindezentrum in der Liebigstraße. Immer wieder stünden Arbeiter auch unangekündigt vor der Tür oder es täten sich neue Probleme auf. So etwa zum Gesprächstermin, als zwei Handwerker nach der Lüftungsanlage sehen müssen. Aber davon ist Ludwig nicht aus der Ruhe zu bringen. Auch, dass in seinem schlicht eingerichteten Büro noch nicht die angedachten Tische stehen, nimmt er gelassen. Zu seinem Gemüt passt ebenso ein Detail auf seinem Schreibtisch, das deutlich aus der Reihe tanzt: Wie aus einer Zeitkapsel aus den 90ern gefallen steht dort eine Lavalampe, deren rote Flüssigkeit gleichsam vor sich hin fließt – und damit eine überaus entspannende Wirkung auf den Betrachter hat.

Bei der Frage nach seinem theologischen Ansatz muss Ludwig weiter ausholen: „Ich komme eigentlich stark vom Kulturprotestantismus. Aber bei mir ist das eine komische Mischung, ich komme aus einer ökumenischen Familie.“ Sein Vater war Katholik, ist dann aus der Kirche ausgetreten und habe nun einen großen Hass auf die Institution, seine Mutter ist evangelisch, sein Opa altkatholisch und seine Oma römisch-katholisch. „Ich habe quasi mit der Muttermilch aufgenommen, dass es nicht die eine Wahrheit gibt und nicht die eine Art, Christ zu sein“. Er habe entdeckt, dass ihm das Evangelische an manchen Stellen zu wenig sei, gerade das Sinnesfreudige an den katholischen Riten schätze er. „Wenn ich könnte, würde ich gerne wieder das Weihrauch-Fass schwenken. Es gibt keinen Grund, warum wir es nicht tun sollten“, macht Ludwig deutlich. „Ich befinde mich im Spannungsfeld zwischen kulturprotestantischem Verstand und sinnesfreudigem, katholischen Herzen“, fasst er zusammen.

Seine ökumenische Prägung mag auch der Grund sein, warum der Pfarrer Andersdenkenden so offen gegenübersteht. „Ich hab ein großes Herz für Zweifler. Ich selber bin auch nicht von heute auf morgen auf den Weg gekommen. Ich bin sehr stark auch von Zweifeln geprägt worden. Für mich war nie was wirklich eindeutig.“ Er finde es spannend, im Gespräch mit Zweiflern zu erfahren, wo es hakt. Bei ihm sei das die Sprache gewesen: „Viele religiöse Begriffe sind heute nicht mehr zeitgemäß. Das geht bis hin zum Wort Gott“, erklärt er. Eine Diskussion darüber mit Atheisten zu führen, sei wahnsinnig spannend. Je mehr er sich auf das Philosophieren mit diesen einlasse, desto mehr würden sie sich öffnen. „Am Ende sind viele zumindest bereit zu verstehen, was ich mit Gott meine“, macht Ludwig deutlich. Oft gelinge es ihm zumindest, für Toleranz zu werben. Es sei immer bereichernd, mit solchen Leuten ins Gespräch zu kommen. „Das ist mir manchmal lieber als mit der ganz überzeugten Sorte.“

Den Rückgang der Kirchenmitglieder erklärt sich der neue Unterhachinger Pfarrer als Nachwirkung der 68er-Generation. Diese habe mit ihrer Elterngeneration, allem Alten und eben auch der Religion gebrochen. Kinder aus seiner Generation seien dann mit unreligiösen Eltern aufgewachsen. Um Menschen wieder zur Kirche zu bringen, spiele für ihn Sprache eine ganz große Rolle. „Biblische und theologische Namen und Wörter sind nicht mehr anschlussfähig. Deshalb muss mehr Übersetzungsarbeit geleistet werden,“ erklärt Ludwig. Außerdem sei es bedeutsam, ein offenes Haus anzubieten und Feste zu feiern, die auch in die politische Gemeinde hinein Strahlkraft haben. „Mir ist es wichtig, für eine offene Kirche zu werben und einen Glauben, der niederschwellig zugänglich ist“, macht der Theologe deutlich. Um gerade auch Jugendliche zu erreichen, wurde ihnen im neuen Gemeindezentrum nicht etwa im Keller, sondern ganz oben Platz eingeräumt. In dem Jugendraum gibt es eine kleine Küchenzeile, Couch, Kicker und – das Highlight – eine Dachterrasse fürs gemeinsame Feiern. Außerdem sollen weitere Unterhaltungsangebote wie Fernseher und Playstation noch folgen. „Es geht nicht nur um Singen und Beten, sondern das Angebot soll für die jungen Leute aus dem Leben gegriffen sein“, meint Ludwig. Wichtig ist ihm ebenso, dass das neue Gemeindehaus ein Ort zum Verweilen für alle ist. Seine Botschaft an die Unterhachinger: „Kommt rein und macht mit!“

Iris Janda

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