Gefangener in den eigenen vier Wänden

Unterhachinger kann Wohnung nicht mehr verlassen

Alexander Sachstetters Leben ist wegen der Krankheit MS komplett eingeschränkt. Bewegen kann er sich nur noch innerhalb seiner Wohnung.
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Alexander Sachstetters Leben ist wegen der Krankheit MS komplett eingeschränkt. Bewegen kann er sich nur noch innerhalb seiner Wohnung.

Unterhaching – Den 45-jährigen Alexander Sachstetter hat ein schweres Schicksal ereilt. Vor etwa zehn Jahren stellte er plötzlich ein Taubheitsgefühl in den Gliedern und Anzeichen von extremer Erschöpfung fest. Anfangs hatte er sich noch nichts dabei gedacht, doch der Gang zum Arzt sollte sein Leben für immer verändern. Die Diagnose: Multiple Sklerose (MS). Aufgrund seiner Krankheit ist es ihm nur noch extrem eingeschränkt möglich sich fortzubewegen. 

Freies Laufen ohne Gehhilfe beziehungsweise ohne die Möglichkeit, sich irgendwo festzuhalten, ist nicht mehr machbar. Einen Beruf kann er schon lange nicht mehr ausüben. Das große Problem: Sachstetter wohnt in einer kleinen Einzimmerwohnung alleine im zweiten Stock. Das Gebäude besitzt zwar einen Fahrstuhl, dieser ist aber seit rund 30 Jahren außer Betrieb. Die Treppen zu seiner Wohnung sind unpassierbar für ihn. 

Seit seinem ersten Sturz im Treppenhaus ist die Angst einfach zu groß, wieder zu fallen und sich vielleicht zu verletzen. Die Vorstellung, hilflos am Boden zu liegen und nicht mehr rauf zu kommen, ist für ihn ein Horror. Im Grunde ist er gefangen in seinen eigenen vier Wänden — und das schon seit einem halben Jahr. Arztbesuche finden überwiegend per Videoübertragung statt, Einkäufe werden über Bringdienste getätigt. Auch Ergo- und Physiotherapie finden bei ihm wöchentlich zu Hause statt. 

Alle zwei Wochen kommt eine Haushälterin zu ihm nach Hause, die ihm die Post hochbringt und nach dem Rechten schaut. Aus diesem Grund sucht er dringend eine neue Wohnung. Dazu hat er sich vor anderthalb Jahren bei der Gemeindeverwaltung gemeldet und für eine behindertengerechte Wohnung auf die Warteliste setzen lassen. Doch die Anzahl der Wohnungsbewerber steigt stetig an, während in den Wohnanlagen der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Unterhaching (GWU) nur selten ein Mieterwechsel stattfindet. 

Dies führt letztlich dazu, dass die Wartezeiten viele Jahre betragen können. Und auch eine fachärztliche Bescheinigung, welche die Zuweisung einer behindertengerechten Wohnung als dringlich einstuft, kann die Situation leider nicht beschleunigen. Dabei sagt Sachstetter selbst, es müsse nicht mal unbedingt eine behindertengerechte Wohnung sein. „Die Wohnung muss ohne Stufen erreichbar sein. Es muss nicht unbedingt eine Erdgeschosswohnung sein, sofern ein Aufzug vorhanden ist — und funktioniert.“ 

Außerdem weist er darauf hin, dass er Unterhaching nicht verlassen möchte. Dies wird ihm auch aus ärztlicher Sicht geraten, da sein soziales Umfeld wesentlich zum Krankheitsverlauf beitragen kann. Persönlichen Kontakt zu Freunden und Familie hat er nicht mehr sehr oft. Ein Umzug in eine andere Gemeinde würde dies noch weiter minimieren. Trotz seiner misslichen Lage gibt er die Hoffnung nicht auf und lässt den Kopf nicht hängen. 

„Viele verstehen nicht, dass ich immer noch lachen kann. Aber lache ich nicht, ändert es ja nichts. Ich kann sogar sagen, dass ich froh bin, MS zu haben. Sonst hätte ich nicht meine gute Freundin kennengelernt! Es ändert sowieso nichts daran, die Krankheit ist nun ein Teil meines Lebens, ob ich möchte oder nicht“, erklärt Sachstetter. Kennengelernt haben sich die beiden im Krankenhaus. „Wir haben den gleichen Humor. Anfangs hat sie noch einen kleinen Schubs gebraucht, dass man sie in die richtige Richtung lenkt. Auch sie hat MS. Sie ist zwar wesentlich jünger als ich aber jetzt sind wir Freunde“, führt er fort. Auch wenn Sachstetter in seiner Situation immer noch etwas Gutes sehen kann, steht fest, dass es so nicht weitergehen kann. Für baldige Hilfe wäre er höchst dankbar.

Jens Verhey

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Krankheit des zentralen Nervensystems, welche das gesamte Gehirn und Rückenmark betreffen kann. Die Krankheit kann sehr unterschiedlich verlaufen, vor allem in ihrer Ausprägung. So ist bei milder Erscheinungsform eine Beeinträchtigung im Alltagsleben kaum spürbar, bei der schwereren hingegen ist die körperliche und psychische Gesundheit erheblich betroffen. Meistens beginnt sie schubförmig mit zeitweise beschwerdefreien Phasen und geht später in einen sekundär fortschreitenden Verlauf über. 

Das Krankheitsbild äußert sich in der Regel durch Muskelschwäche oder Lähmungen, einer Minderung der Sehschärfe, einer krampfhaften Erhöhung der Muskelspannung sowie durch Gefühlsstörungen oder Missempfindungen. Schätzungsweise sind zirka 2,5 Millionen Menschen weltweit von dieser Krankheit betroffen, davon rund 200.000 in Deutschland. Bislang lässt sich MS nicht heilen, aber behandeln, um Schübe zu verhindern oder zu verzögern.

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