Wenn der Pflegenotstand die Kleinen und Schwachen trifft – und ihre Eltern

Unterhachinger Familie findet keinen ambulanten Pfleger für schwerkrankes Baby

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Der kleine Leo könnte schon längst zu Hause wohnen, doch der Pflegemangel verbietet es ihm.

Leo ist schwerkrank und an das Krankenhausbettchen gebunden. Dabei könnte er schon längst zu Hause wohnen. Doch fehlt dafür das nötige Personal.

Unterhaching – Wie viel würden Eltern in manchen Situationen dafür geben, dass ihr Kind aufhört, zu schreien – etwa in der überfüllten U-Bahn, im Restaurant oder um drei Uhr morgens. Nicht so die Mutter des kleinen Leo. Sie würde alles tun, um ihren Sohn endlich schreien zu hören. „Wenn ich Kinder weinen höre, finde ich das mittlerweile richtig schön. Dann denke ich mir ,Cool, du zeigst, was mit dir los ist‘“, erzählt die 35-Jährige. Ihre Stimme ist dabei brüchig, die Augen füllen sich mit Tränen. 

Schnell fängt sich die Unterhachingerin aber wieder. Es ist ein kurzer Moment der Schwäche. Er lässt nur ansatzweise erahnen, wie groß seit Monaten die Belastung für die junge Mutter und ihren Ehemann ist. Aber darum soll es an dieser Stelle nicht gehen. „Ich verstehe nicht, warum ich mich selbst bemitleiden sollte. Ich bin nicht die, die leidet“, meint die Frau. Das mag auch einer der Gründe sein, warum sie ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie ist nicht der Protagonist dieser Geschichte. Das ist Leo, der seit seiner Geburt vor zehn Monaten in einer Münchner Kinderklinik stationiert ist. 

Und das, obwohl er aus ärztlicher Sicht das Krankenhaus verlassen und endlich heim kommen dürfte. Aber es gibt kein Pflegepersonal, das ihn zu Hause betreuen könnte. Der Junge kam mit einem Herzfehler zur Welt. „Wir wussten schon vor der Geburt davon. Die Ärzte meinten, nach drei Wochen Krankenhaus könne er mit nach Hause kommen“, erzählt die Mutter. Aber es kam anders. Sein Zustand nach der Geburt war schlechter als erwartet und er musste schneller operiert werden. Zwar ist der Fehler am Herzen mittlerweile vollständig behoben, doch Leo muss weiterhin künstlich beatmet werden. 

Über einen Luftröhrenschnitt erhält der Säugling Sauerstoff. Die Schläuche und das Beatmungsgerät sind 24 Stunden angeschlossen. „Und das ist auch der Grund, warum wir mit ihm nicht nach Hause dürfen“, meint die 35-Jährige. Denn bei künstlicher Beatmung besteht eine Interventionspflicht. 

Eine Fachkraft muss jederzeit vor Ort sein und von einer Sekunde auf die andere eingreifen können, falls Erstickungsgefahr droht. Und an diesen Fachkräften besteht ein eklatanter Mangel. Pflegedienste gibt es zwar. Drei wurden Leos Eltern von den Ärzten in der Klinik empfohlen. Aber auch diesen fehlt es am Personal. Zwei Dienste überlegen derzeit, zu kooperieren, um die Versorgung des Jungen zu gewährleisten. Aber auch in diesem Fall haben die Dienste zu wenig Kräfte. Die Mitarbeiterin eines Anbieters habe zu der Mutter gesagt, sie hätten im letzten Jahr keine einzige Bewerbung bekommen.

 „Wir müssten darauf hoffen, dass es einem Kind wieder so gut geht, dass es die Betreuung nicht mehr braucht“, erklärt die Unterhachingerin. Seit Juni stehen sie auf der Warteliste. Mittlerweile auf Platz eins, dahinter fünf bis sechs weitere Familie mit nicht weniger schwerem Schicksal. Leos Eltern haben schon alles versucht, um ambulante Pflegekräfte zu finden. Die Suche bestreiten sie größtenteils allein, auch wenn sie Tipps von vielen Seiten bekommen haben. Derzeit laufe noch eine Anfrage über einen Dachverband, auch bei anderen Krankenhäusern wisse man Bescheid. „Es dreht sich immer um dasselbe – das Personal“, erklärt die Mutter. Vor einigen Wochen wurde sogar ein Aufruf in einer Radio-Show gestartet. 

„Ich habe mich immer dagegen gewehrt, unseren Fall publik zu machen und in die Öffentlichkeit zu ziehen. Aber uns wurde von mehreren Seiten empfohlen, dass wir doch auf Facebook mal einen Aufruf starten sollen“, erzählt die Mutter. Der Radiosender hatte eine Aktion „Wünsch dir was“. Die junge Frau fühlte sich angesprochen: „Da haben Leute sowas geschrieben wie ,Ich wünsch mir ein Auto‘. Und ich dachte mir eben, ich wünsche mir etwas ganz anderes und habe das so dort gepostet.“ Die Redakteure wurden auf ihren Beitrag aufmerksam und telefonierten mit ihr für die Morningshow. 

Daraufhin meldete sich sogar am gleichen Tag ein Intensivpfleger, der meinte, er könne helfen. „Das war zwar total nett, aber was er angeboten hat, war ehrenamtlich und hätte nicht ausgereicht“, meint sie bedauernd. Auf den Aufruf im Radio sei ihnen eine große Welle an Mitgefühl entgegen gekommen. Das habe sie sehr gerührt. Allerdings hätten viele nicht verstanden, um welche Form der Hilfe es geht. Dass nicht nur jemand zur Betreuung gebraucht wird, etwa wenn die Mutter zum Einkaufen geht, sondern eine ausgebildete Fachkraft, die im Notfall Leos Leben retten kann. 

Die Unterhachingerin zog aus der Aktion eine ernüchternde Erkenntnis: „Was ich fatal fand: Es gab so viele Leute, die helfen wollten, aber es ist nicht die Hilfe, die wir brauchen. Da gibt es so eine große Diskrepanz. Und daran merkt man eigentlich erst, wie hilflos wir einfach sind. Und das in einem der reichsten Länder mit einem der besten Gesundheitssysteme.“ Doch der Fehler liegt in genau diesem System. Derzeit ist die Bundesregierung um Gesundheitsminister Jens Spahn bemüht, die jahrelangen Versäumnisse bei der Vergütung von Pflegekräften wieder aufzuholen. Durch das Pflegepersonalstärkungsgesetz (PpSG), das 2019 in Kraft trat, und den Ende Januar 2020 neu eingeführten Pflegemindestlohn soll dem Mangel entgegengewirkt und das Personal entlastet werden. 

Aber gerade Ersteres konzentriert sich fast vollständig auf die vollstationäre Pflege. In Fällen wie dem von Leo ist das fatal. Denn wenn Pflegekräfte in Kliniken zu besseren Konditionen als bei ambulanten Diensten arbeiten können, wandern noch mehr Kräfte von der ambulanten Pflege ab. Sowohl der Verband Deutscher Alten- und Behindertenhilfe (VDAB) als auch der Sozialverband VdK kritisieren an dem Gesetz, dass es zu einer Unterversorgung in der ambulanten Pflege führe. Trotz der Gesetzesänderungen: Auch auf den Stationen ist die Lage nicht wesentlich besser. Gerade in der Kinderintensiv­pflege wird das deutlich. 

„Es steht die halbe Klinik leer“, erklärt Leos Mutter schockiert. Die Betten sind zwar da, aber dürfen nicht belegt werden, weil die Pfleger fehlen. Eine Fachkraft darf sich maximal um zwei der jungen Intensivpatienten kümmern. Aber was, wenn ein Notfall reinkommt? Die 35-Jährige erzählt, dass sie schon Fälle mitbekommen haben, bei denen Kinder bis nach Ingolstadt oder Nürnberg geschickt wurden, weil die Ärzte trotz größter Bemühungen keinen Platz in einer Münchner Klinik gefunden haben. Die Unterhachingerin fährt jeden Tag zu Leo in die Klinik. Von acht Uhr morgens bis in den Nachmittag ist sie bei ihm. Danach geht es für sie nach Hause zu ihrem anderen vierjährigen Sohn. 

Ihr Ehemann, der bei der Arbeit die Stunden reduziert hat, löst sie am Nachmittag ab und bleibt bis der Säugling abends schläft, bei ihm. Wie wäre das, hätte Leo in München keinen Platz gefunden und wäre etwa ins 200 Kilometer entfernte Nürnberg gekommen? „Dann müsste man sich dort etwas suchen. Aber was ist dann mit unserem anderen Sohn, was mit dem Arbeitgeber meines Mannes?“, fragt die junge Frau. Sie hätten von anderen Familien gehört, die gekündigt wurden, weil sie wegen ihres kranken Kindes nicht mehr regelmäßig einsatzbereit waren. „Das ist dann ein existenzielles Desaster“, stellt sie fest. Auch sie wissen noch nicht, wie es weiter geht. 

Die 35-Jährige ist derzeit noch in Elternzeit, aber diese läuft bald aus. „In München braucht man mit Familie eigentlich seine beiden Gehälter. Aber ich würde auch nicht arbeiten gehen und stattdessen nicht bei ihm sein. Das steht in keinem Verhältnis. Er braucht seine Eltern“, betont sie. Derzeit könne niemand sagen, wie lange Leo noch in dieser Form beamtet werden muss. Eigentlich seien die Voraussetzungen gut. 

„Aber bisher war jede Prognose falsch, weil seine Erkrankung einfach so komplex ist“, meint Leos Mutter. Deshalb tue sie sich schwer, da etwas vorherzusagen. Erst kürzlich hätten sie von einem Kind mitbekommen, das nach 10 Jahre von der Beatmung losgekommen ist. Aber sie würden so unterschiedliche Geschichten erleben. 

Auch von Kindern, die gestorben sind. „Man kann die Fälle nicht vergleichen.“ Von Pflegern würden sie immer wieder Geschichten hören, dass viele Kinder, denen es so wie Leo ging, mittlerweile ein halbwegs normales Leben führen. Auch sie glaube zumindest fest daran, dass ihr Sohn zwar immer krank sein wird, aber nicht mehr so eingeschränkt wie jetzt leben muss. Und für den Weg hin zu einem normalen Leben wäre der erste wichtig Schritt, dass Leo endlich nach Hause kommen kann. 

Iris Janda

Kommentar

Fachkräftemangel ist hausgemacht

Warum die zuständige in der Pflege ein Armutszeugnis sind

Krankenpfleger dürfen sich bei ihrer Arbeit keine Fehler erlauben. Denn dann geht es nicht um eine falsch verschickte E-Mail oder einen vergraulten Kunden. Es geht um Leben. Dass sich diese große Verantwortung nicht im Gehalt widerspiegelt, ist ein Skandal. Den Aufschrei von Kliniken, Fachkräften und Verbänden hat die Bundespolitik lange überhört. 

Nun reagiert sie mit Maßnahmen wie dem neuen Mindestlohn. Nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Problem ist hausgemacht. Jahrelang wurde es versäumt, die Ausbildung und den Job attraktiver zu machen. Das Berufsfeld muss völlig neu gedacht werden. Eine Akademisierung würde den Stellenwert von Pflegern erhöhen. 

Andere Länder machen es vor. Wenn sich politisch nichts tut, wird sich das Problem weiter verschärfen. Viele Pflegekräfte wechseln den Beruf, weil sie die hohe Belastung wegen des Personalmangels nicht länger ertragen. Es ist ein Unding, dass Kinder nicht nach Hause zu ihren Familien dürfen oder in Hunderte Kilometer entfernte Krankenhäuser geschickt werden, weil es keine Pfleger gibt. Das ist ein Armutszeugnis für eines der reichsten Länder der Welt.

Iris Janda

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