Tillack: „Jeder Mensch kann von innen heraus toll sein, ganz egal wie er aussieht“

Alexander Tillack im Porträt über seine Arbeit als Streetworker in Taufkirchen

Streetworker Alexander Tillack aus Taufkirchen
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Alexander Tillack ist der neue Streetworker in der Gemeinde Taufkirchen und damit der Ansprechpartner für alle Belange, die Jugendliche auf dem Herzen haben.

Alexander Tillack ist seit August der neue Streetworker in Taufkirchen. Er hilft Jugendlichen bei Problemen und weist durch sein auffallendes Aussehen gleichzeitig ganz nebenbei auf die Sache mit den Vorurteilen in der Gesellschaft hin.

Taufkirchen - Wenn Alexander Tillack in den Spiegel blickt, sagt er, sieht er einen schönen Menschen. Oberflächlich: Viele Piercings. Viele Tattoos. Eines davon sticht besonders hervor. „Broken“, englisch für „gebrochen“, direkt über der Augenbraue. Sein Körper ist so bunt wie sein Wesen. Blickt Tillack in den Spiegel, fühlt er jedoch mehr, als das, was nur an der Oberfläche zu sehen ist. Er spürt viele Versionen von sich, viele Emotionen und dabei 100 Prozent sich selbst. Jede seiner Facette ist unterschiedlich. Die Summe daraus ergibt ihn, Alexander Tillack, den neuen Streetworker in der Gemeinde Taufkirchen.

In jeder einzelnen Version und in seiner gesamten Vielfalt ist er authentisch. Und das ist ihm eine große Hilfe. Tillack ist als Streetworker ein Ansprechpartner für Jugendliche, die Probleme haben. Er spricht mit ihnen, hört zu und hilft – dieses Angebot nehmen die Kids auch an. Er ist der „Neue“ im Ort. Neu zu sein, bedeutet anfangs oft, (noch) nicht dazu zugehören, sich anders zu fühlen. Und „anders“ ist Tillack allemal. Damit, so sagt er, öffnet er aber viele Türen bei den Jugendlichen.

Seit drei Monaten ist der Diplom Sozialpädagoge nun in Taufkirchen eingesetzt. Zuvor war er als Schulsozialpädagoge am Holzkirchner Gymnasium tätig und ist es auch noch. Im November ändert sich das aber. Dann wird er vollständig für die Jugendlichen der Gemeinde Taufkirchen da sein. Bisher sah sein Arbeitsalltag so aus, dass er in der Holzkirchner Schule war, danach ging es für ihn nach Taufkirchen. „Da bin ich dann herumgegangen und habe geschaut, was passiert. Das war ein routinierter Arbeitsablauf.“

So richtig los geht es in der Arbeit als Streetworker normalerweise aber erst um 17 Uhr – da hatte Tillack seine achteinhalb Stunden aber schon abgearbeitet. Trotzdem sind ihm in den drei Monaten schon viele Teenager begegnet. Im Vergleich zu seiner Arbeit an der Schule, liegt der Fokus der Probleme bei den Jugendlichen in Taufkirchen nur selten bei dem Thema Leistungsdruck. Vielmehr sind es häusliche Schwierigkeiten, die die Jugendlichen umtreiben.

„Das meiste, womit ich zu tun habe, sind Problematiken im Elternhaus. Das heißt, dass da nicht ganz so emotional vorbildliche Verhältnisse zwischen Eltern und Kind herrschen.“ Auch sieht Tillack bei den Taufkirchner Jugendlichen sehr viele psychische Belastungen – in jeglicher Hinsicht.

„Aber dafür gar nicht solche Dinge wie: ‚Da lauert mir jemand auf und will mich abstechen‘ oder so etwas – obwohl es das natürlich gibt“, sagt er.

Wenn Alexander Tillack bald nur noch in Taufkirchen arbeiten wird, geht es, so wie in den letzten drei Monaten auch, darum, Präsenz zu zeigen. „Anfangs – und das kann schon bis zu einem Jahr dauern, gehe ich sehr viel herum und zeige mich, sodass die Jugendlichen sich an mich gewöhnen und als Bestandteil der Gemeinde sehen.“

Dafür hat Tillack eine feste Route. Entlang des Grünzugs, an den Bänken vorbei und den Tischtennisplatten, sind die Jugendlichen anzutreffen. Auch geht er an der Grund- und Mittelschule entlang, weiter Richtung Sportpark. „Und klar, am Skaterpark und in der Umgebung ist ganz viel los.“ Im Ortsteil Taufkirchen am Dorf ist er sehr selten. „Da ist auch eigentlich niemand.“

Momentan geht Tillack also auf die Teenager zu, stellt sich vor und gibt ihnen seine Karte. „Wenn sie etwas auf dem Herzen haben, können sie sich melden. Ganz einfach auch über WhatsApp.“ Dabei ist Tillack immer im Bewusstsein, dass er derjenige ist, der die Jugendlichen anspricht und eventuell auch stören könnte. „Der andere möchte das vielleicht auch gar nicht. Deshalb gehe ich immer mit ein wenig Demut auf die Teenager zu. Gleichzeitig mische ich das aber mit Lockerheit und Coolness – dabei muss ich mich gar nicht verstellen“.

Tillack sagt: „Als Streetworker macht es nun mal keinen Sinn, mit Anzug und Krawatte aufzutreten.“ Er lacht beherzt. Denn um seinen Hals baumelt am Tag des Interviews eine schwarze Krawatte.

Ungefähr ein Jahr wird es dauern, meint Tillack, bis er wirklich bekannt im Ort und vor allem bei den Jugendlichen ist. „Dass ich herumgehe und draußen auf die Jugendlichen zugehe, wird immer präsent sein, aber in einem Jahr oder schon in ein paar Monaten nicht mehr der alleinige Hauptteil. Dann werde ich wahrscheinlich von einem Termin zum nächsten hoppen.“

Denn Tillack ist bei seiner Arbeit nicht nur Ratgeber, manchmal ist er einfach nur der aufmerksame Zuhörer. Auch ist er aktiv in der Lösungsfindung. So begleitet er Jugendliche beispielsweise zu Bewerbungsgesprächen oder Wohnungsbesichtigungen. Er ist da. Und das ist etwas, was Jugendliche, deren Kopf sich manchmal anfühlt, wie eine riesige Baustelle, ein Feld aus Schutt und Unordnung, gut gebrauchen können.

Die Arbeitszeiten können so gelegt werden, wie es am besten passt. Sinn macht es aber nachmittags bis abends draußen zu sein. Gern gesehen ist auch mal eine Nachtschicht oder am Wochenende zu arbeiten. Festgelegte Arbeitszeiten gibt es in der Streetwork nicht. Von den Jugendlichen wird Tillack als Kumpel gesehen. Sie nennen ihn Alex.

„Manchmal muss man akzeptieren, dass es einem schlecht geht“

Rasch hat er einen guten Draht zu den Teenagern, was wohl auch daran liegt, dass er selbst erst 27 Jahre alt ist. „Ich verbrüdere mich sehr schnell mit Leuten, aber dennoch sind Nähe und Distanz sehr wichtig. Ich wahre den professionellen Abstand und lehne beispielsweise eine Einladung auf ein Bier dankend ab. Auch wenn es mir leidtut, weil es sehr nett gemeint ist.“

Alexander Tillack kann die Jugendlichen deshalb so gut verstehen, weil auch er diese Tage kennt, an denen es eben nicht so gut läuft. „Manchmal muss man sich auch eingestehen, dass gewisse Situationen unschön sind und akzeptieren, dass es einem schlecht geht. ‚Segne die Wunde‘ nennt sich das. Es gibt eben Momente, Situationen und Tage, an denen man von diesem ‚Da ist Licht am Ende des Tunnels‘ einfach nichts hören will. Und das verstehe ich.“ Da hilft den Betroffenen, wenn ihnen wirklich aktiv zugehört wird. Doch wie schafft Tillack es, eine Grenze zu ziehen? Die Probleme nicht zu sehr an sich heranzulassen?

„Je besser man weiß, wie man jemanden helfen kann, egal wie unglücklich die Situation gerade ist, desto sicherer fühlt man sich und kann von sich behaupten, das gut gemacht zu haben. Und dann hast du zu Hause eigentlich gar keinen Grund mehr, auch schlecht drauf zu sein.“

Tillacks Arbeit ist so bunt und so facettenreich wie er selbst. Denn er hat zusätzlich ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem er sich wöchentlich mit zehn bis 15 Jugendlichen am Grünzug oder im Jugendkulturzentrum „Next Level“ trifft. Dabei stellt er Leinwände und Farben zur Verfügung und alle können einfach los malen. Hier trifft Tillack noch mal auf eine „ganz andere Klientel. Von sehr extrovertierten bis hin zu sehr introvertierten Menschen. Leute, die – zumindest äußerlich – nicht angepasst sind. Die haben natürlich noch mal ganz andere Probleme als die Jugendlichen im Sportpark oder beim Fußballspielen.“

Um die Jugendlichen zu öffnen, spielt der Faktor Zeit eine große Rolle. Je mehr Zeit da ist, desto mehr öffnen sich die Teenager. „Bei mir geht das aber doppelt so schnell, weil ich eben so aussehe, wie ich aussehe. Ich bin nicht nur ein potentieller Pädagoge von vielen, sondern auch noch ein ganz bestimmter Typ – entweder mag man diesen Typ oder halt nicht.“

Die Kunst ist Tillack wichtig, denn daher kommt er; von der Tintenkunst. Nach der Schule fing er zunächst an, Philosophie zu studieren, brach ab und machte eine Ausbildung zum Tätowierer. Wege verlaufen nicht geradlinig – Tillack ist der beste Beweis dafür, dass das auch gut ist und die Kunst des Lebens darin besteht, zu leben. Alexander Tillack trägt sein Leben nach außen. Er trägt es auf der Haut, sodass es jeder sehen kann.

Bei seiner Arbeit im Tattoostudio wurde er sehr früh mit sehr großen Problemen konfrontiert, denn die Kunden erzählten offen von ihren Drogeneskapaden. Heute sind die Probleme, die an ihn herangetragen werden zwar immer noch groß, aber das „Rollenbild ist klar. Jetzt bin ich der, der genau dafür arbeitet. Da helfen mir wahrscheinlich auch meine Erfahrungen aus dem Tattoostudio.“ Tillack erinnert sich zurück: „Damals habe ich mich zwangsläufig mit diesen Kunden identifiziert. Ich war in diesem Tattoo-Genre so drin.“

Er landete mit in dem Topf dieser Menschen, die gesellschaftlich andere Ansichten hatten. „Und das wollte ich irgendwann nicht mehr.“ Wenn Tillacks Hände sein gesprochenes Wort mit Gestiken versehen, untermalen seine Ketten an den Armen noch mal akustisch die Deutlichkeit.

Er sagt:„Ich habe mich eigentlich immer so als intellektuellen Typen, als Künstler und schrägen Vogel betrachtet. Ich wollte mich da ganz klar distanzieren.“

Alexander Tillack ist so gar nicht das, was so mancher im ersten Moment vermuten könnte. Er ist nicht laut, nicht unhöflich, er ist nicht aufbrausend. Tillack ist alles andere. Und vor allem ist er warmherzig. Er zeigt durch sein Äußeres, dass es eben so überhaupt nicht auf das Äußere ankommt. Sondern darauf, ob das Herz am rechten Fleck sitzt.

Aber Tillack weiß auch um seine Wirkung. „Ich habe schon das Bewusstsein, dass ich mich inszeniere. Und das mache ich irgendwo auch ganz gewollt. Das macht glaube ich jeder, der so extrem tätowiert und gepierct ist, wie ich. Manchmal frage ich mich schon auch, ob ich das für mich oder für die Welt tue. Die Antwort ist: Es ist ein Teil von beidem. Denn ich fühle mich total wohl, so wie ich mich darstelle.“ Wenn Alexander Tillack in den Spiegel guckt, ist er ab und an nur eine Facette von sich, die er spielt. Trotzdem ist er authentisch.

Der Streetworker erregt mit seinem Aussehen in jedem Fall Aufmerksamkeit. Die will er für sich nutzen: „Ich kann ein Vorreiter sein, der wirklich etwas in der Welt, in der Gesellschaft bewegt. Insofern, dass ungefähr 150 Fünftklässler mit dem Wissen aufwachsen, dass Typen, die aussehen wie ich, total lieb und normal sein können. So wird sich etwas verändern. Denn diese Fünftklässler werden niemals Vorurteile haben. Es ist schon mein Ziel, dass ich, ganz automatisch, dadurch, dass ich bin wie ich bin, mitgebe, dass jeder Mensch von innen heraus einfach toll sein kann, egal wie er aussieht.“

Melanie Schröpfer

Alexander Tillack ist über das Jugendkulturzentrum „Next Level“ an der Eschenstraße 7 zu erreichen, oder telefonisch unter 0152 52 58 28 36 sowie per E-Mail an a.tillack@vjf-ev.de

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