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„Diese Arbeit muss man mit Liebe machen“

Schulbegleiter an der Grundschule Taufkirchen

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Wenn jeder Mensch überall dabei sein kann. Das ist Inklusion. Schulbegleiter können dabei helfen.

Im Zuge der Inklusion erhalten immer mehr Kinder mit Behinderung eine Schulbegleitung. So sollen sie in den normalen Alltag einer Regelschule integriert werden. Auch an der Grundschule in Taufkirchen. Gegenüber HALLO erzählt Tanja Richter von ihrem Alltag als Schul- begleiterin.

Wild schlägt Tommy* um sich. Er ist außer sich vor Wut. Seine Klassenlehrerin weiß nicht, wie sie ihn beruhigen soll. Und auch der Rest der Klasse blickt stumm auf den rasenden Tommy. „Das ist unfair!“, schreit er schließlich und rennt weinend aus dem Klassenzimmer — seine Schulbegleiterin Tanja Richter ist sofort hinter ihm her. Sie findet ihn zusammengekauert in einer Ecke. Wie konnte es nur schon wieder so weit kommen? Tommy hat selbst keine Erklärung dafür, er weiß nur, dass er sich schlecht fühlt. „Tanja, ich weiß nicht, was ich machen soll. Die Wut geht einfach nicht weg“, sagt er zerknirscht. Dann erzählt er, was passiert ist...

Morgens um acht Uhr in der Grundschule Taufkirchen. Im Klassenzimmer tummeln sich die Erstklässler. Es werden Jacken ausgezogen, Schulsachen herausgeholt, noch schnell ein Bissen vom Frühstücksbrot genommen — Chaos pur. Und schon ist es passiert: Da schubst Michi die kleine Loretta aus Versehen, ohne sich dafür zu entschuldigen. Tommy beobachtet die Situation. Er findet, Michi sollte sich bei Loretta entschuldigen, doch der denkt gar nicht daran. Irgendwann reicht es Tommy, er rennt auf Michi zu und haut ihm auf den Hinterkopf. In diesem Moment kommt die Lehrerin herein und schimpft Tommy. So schaukeln sich die Situationen regelmäßig hoch, am Ende sitzt Tommy meist weinend in der Ecke.

Doch zusammen mit Tanja Richter kann er den Konflikt lösen. Nachdem sie geredet haben, gehen sie zurück ins Klassenzimmer. Tommy entschuldigt sich bei Lehrerin und Schüler und der Unterricht kann für ihn beginnen. So beschreibt Tanja Richter ihren Alltag mit Tommy. „Situationen wie diese habe ich regelmäßig zu lösen“, sagt sie. Richter arbeitet für Myschoolcare, ein privater Träger, der sich um die Vermittlung von Schulbegleitern kümmert. Bei ihm wurde ADHS diagnostiziert. Außerdem hat er eine sozial-emotionale Störung. Seit September 2018 geht Tommy in die erste Klasse der Taufkirchner Grundschule, genauso lange ist Richter für ihn da. Sie ist dabei, wenn er im Unterricht sitzt, wenn er Sport hat und wenn er in die Pause geht. „Ich bin quasi sein ständiger Schatten“, sagt sie lachend. „Die Chemie zwischen Tommy und mir hat einfach von Anfang an gestimmt. Da war sofort eine Vertrautheit und ich mag ihn unglaublich gerne.“ Dennoch musste Richter erst lernen, wie sie mit solchen schwierigen Situationen umgeht. Eigentlich ist sie gelernte Bürokauffrau, wollte aber immer schon mit Kindern arbeiten. Seitdem ihre Kinder mit elf und 13 Jahren relativ selbstständig sind, erfüllt sie sich diesen Traum als Schulbegleiterin. Pädagogischen Backround hat sie vor allem durch die Erziehung ihrer eigenen Kinder. „Als es das erste Mal zu einem Wutaus- bruch von Tommy kam, war ich schon überrascht. Ich habe dann verschiedene Methoden ausprobiert. Mal war ich strenger, mal sanfter — um zu sehen, was funktioniert.“ Das Wichtigste ist ihrer Meinung nach, sich auf die Kinder einzulassen. Mittlerweile sind Tommy und Richter ein eingespieltes Team. „Ich kenne alle Situationen, die schwierig für ihn werden können und kann morgens schon in den ersten Minuten abschätzen, wie sein Gemütszustand ist.“ Momente, in denen Tommy um sich schlägt, gibt es immer weniger. Im Unterricht sitzt Richter einen Meter schräg hinter Tommy, greift ein, wenn es unbedingt nötig ist. Das ist interessanterweise oft bei banalen Tätigkeiten der Fall, etwa wenn er was einkleben muss oder seine Sachen zusammen packen soll. Selten bei den schwierigen Mathe-Aufgaben. Sobald Tommy sich herausgefordert fühlt, kann er sich konzentrieren. Bei Unterforderung hingegen schaltetet er ab und verzieht sich in seine eigene Welt. Das sei Richter zufolge typisch für ADHS-Kinder. „Oft ist Tommy verträumt und mit dem Kopf woanders, dann muss er von mir zurückgeholt werden, bevor er zu viel vom Unterricht verpasst.“ Seine Proben muss er allerdings alleine schreiben. Da ist eine klare Grenze für die Schulbegleiterin. „Was man aber auf jeden Fall vermeiden sollte, ist Kinder mit ADHS abzustempeln“, betont sie. Oft stecke viel Potenzial in ihnen. Aber nicht nur Kinder mit ADHS erhalten im Zuge der Inklusion Schulbegleitung. „Wir vermitteln Schulbegleiter für Kinder mit unterschiedlichen Diagnosen“, sagt Marco Bartl, Leiter von Myschoolcare. „Wir haben Kinder mit körperlichen Behinderungen wie zum Beispiel eine Querschnittslähmung. Oder auch Kinder mit geistigen Behinderungen wie Down-Syndrom oder Entwicklungsverzögerungen sowie Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung“, erklärt er. Finanziert wird die Schulbegleitung häufig über Stiftungen. Noch mehr Unterstützung wünscht sich Bartl allerdings von der Politik. Nach den derzeitigen Regelungen bekommen Schulbegleiter keine Vergütung, wenn das Kind krank ist und auch der Stundensatz für Schulbegleiter sei mit 12 bis 14 Euro nicht sehr hoch. „Das macht es nicht gerade leichter, gute Schulbegleiter zu finden.“ Es bräuchte gesetzliche Regelungen, damit seine Schulbegleiter abgesichert sind. Eine Ausbildung im Bereich der Kinderpflege ist für die Tätigkeit zwar erwünscht, aber nicht zwingend notwendig. „Häufig haben wir Mütter, die nach einer längeren Pause wieder in den Berufsalltag einsteigen wollen“, sagt Bartl. So wie bei Tanja Richter. „Man sollte diesen Job vor allem mit Liebe machen“, sagt sie dazu. Es ist die Motivation, den Kinder helfen zu wollen, die sie antreibt. „Mir macht es riesig viel Spaß, es ist eine wahnsinnig bereichernde Arbeit.“ Aber auch sie sagt: „In der Politik muss in Sachen Inklusion noch einiges passieren. Sie hat die Inklusion gefordert, nun darf sie die Schulen nicht alleine lassen.“

Lydia Wünsch

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