„Der Mobilfunkausbau ist basisdemokratisch“

Sauerlacher Bürgerversammlung zu Plänen um einen neuen Mobilfunkmast

Dr. Thomas Kurz vom Bayerischen Landesamt für Umwelt beantwortete die Fragen der Sauerlacher.
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Dr. Thomas Kurz vom Bayerischen Landesamt für Umwelt beantwortete die Fragen der Sauerlacher.

Sauerlach – „Die Kunden sind die Architekten des Netzes“ – das erklärte der Experte und Referent Dr. Thomas Kurz den Sauerlachern, die im September zu einer Bürgerversammlung in die Mehrzweckhalle kamen. Der Ausbau des Mobilfunknetzes sei hierzulande eine der wenigen basisdemokratischen Entscheidungen. 

Grund für die Veranstaltung sind die im April bekanntgewordenen Pläne der Deutschen Telekom, einen Mobilfunkmast in Kleineichenhausen zu bauen. Gegen das Vorhaben formte sich die Bürgerinitiative Ortsteile Sauerlach-West (OSW) aus Anwohnern der Ortsteile Eichenhausen, Altkirchen und Endlhausen, die zirka 250 Unterschriften gegen den Bau des 40 Meter hohen Sendemastes sammelte.

Für die Bürgerversammlung wurde bewusst mit Dr. Kurz, zuständig für elektromagnetische Felder beim Bayerischen Landesamt für Umwelt, ein neutraler Sachverständiger geladen, erklärte Bürgermeisterin Barbara Bogner zu Beginn der Veranstaltung. Sie habe Verständnis für die Sorgen der Bürger vor den möglichen Gefahren von Mobilfunkstrahlung. Sie sei selbst ein Mensch, der schnell merke, wenn sich elektromagnetische Felder ändern. 

„Die Leute sagen mir dann, ich spinne, aber ich weiß, ich spinne nicht!“, erklärte sie. Daher wisse sie, dass elektromagnetische Strahlung gefühlt werden könne. Aber „wie schädlich es ist, ist eine ganze andere Sache.“ Experte Kurz versuchte anhand einer Präsentation den rund 60 anwesenden Bürgern eine Einschätzung zu geben zu den Gefahren der Strahlung, die von einem Mobilfunkmast ausgeht. 

So sei nicht nur der Funkmast, sondern auch das eigene Smartphone sowohl Sender als auch Empfänger. Im Zug der Auktion der 3,6 Gigahertz-Frequenz im vergangenen Jahr war gerade in den Medien und der Öffentlichkeit das Thema 5G und dessen Gefahren breit diskutiert worden. Dabei sei es aber in der Regel um 5G im extrem kurzwelligen Bereich gegangen. 

Wenn die Telekom derzeit ihre Netze auf 5G ausbaut, gehe es lediglich um ein Softwareupdate, das von der Leistungsfähigkeit und der Frequenz weiterhin wie LTE betrieben werde. „Es ist nicht entscheidend, ob ein Mast 5G oder LTE nutzt, sondern in welchem Frequenzbereich“, verdeutlichte Experte Kurz. 

Genaue Informationen, welche Frequenzen die Telekom für den Mobilfunkmast in Kleineichenhausen plant, lagen Kurz nicht vor. Er schätze aber, dass eine Multibandstation mit einem Frequenzbereich von 0,8 oder 1,8 Gigahertz geplant sei. 

Es gebe genaue Grenzwert-Vorgaben, die beim Bau eines neues Mobilfunkmastes über ein bundesweites Verfahren überprüft werden. Die vom Bundesumweltministerium festgelegten Grenzwerte orientierten sich an den Empfehlungen der der internationalen Kommission ICNIRP. 

Gerade das stößt aber bei Gegnern des Mobilfunk-Ausbaus auf Kritik. Die Organisation sei industrie- und wirtschaftsnah und würde nicht unabhängig urteilen, kritisierte auch eine Zuhörerin in Sauerlach. „In der Wissenschaft kann es nie ein Nullrisiko geben“, war es Kurz wichtig zu betonen. In der Wissenschaft könne nur eine Risikoabschätzung anhand von Wahrscheinlichkeiten erfolgen. 

Der Großteil der Zuhörer äußerte seine Bedenken um die Gefahren der Strahlung. „Ich will kein Versuchskaninchen sein“, sagte ein Bürger aus Arget aufgebracht. Er verstehe nicht, wie es sich der Staat anmaßen könne, etwas in die Bevölkerung zu geben, zu dem es keine Langzeitstudien gebe. 

Die Regierung würde dadurch das Vorsorgeprinzip missachten. „Ich fühle mich als Mensch vom Staat verarscht“, so der Argeter. „Das Handy kann auch Leben retten“, äußerte sich eine Altkirchnerin als einzige Zuhörerin positiv zum Bau des Mobilfunkmastes. Doch nicht nur beim Mobilfunknetz hake es in den Außenästen Sauerlachs, auch auf den Breitbandausbau warten die Anwohner seit Jahren. Einigkeit bestand unter den Anwesenden darüber, dass dieser so schnell wie möglich kommen müsse.

Man sei in Gesprächen mit der Regierung und werde in die Planung und die Ausschreibung gehen, so Bürgermeisterin Bogner. Bis zum Anschluss werde es aber drei Jahre dauern. „Wir haben Strecken zu überwinden“, erklärte die Rathauschefin. Für den Mobilfunkmast in Kleineichenhausen hat die Telekom bereits einen Pachtvertrag mit dem Besitzer des Grundstücks unterzeichnet. 

Die Gemeinde selbst könne gegen den Bau nicht vorgehen, auch wenn dieser im Juli im Bauausschuss zunächst nicht genehmigt wurde. „Wir haben den Antrag abgelehnt, weil uns die Erschließung zum Grundstück nicht klar war“, erklärte Bürgermeisterin Barbara Bogner den Entschluss. Sollte das geklärt werden, hätte der Ausschuss keine Grundlage mehr, den Antrag abzulehnen. Das letzte Wort hätte das Landratsamt. 

„Wir mussten den Schock erst einmal verdauen“, erklärte ein Mitglied der Bürgerinitiative, das namentlich nicht genannt werden möchte. Der Sprecher sei als Teil eines Staatsministeriums in keinster Weise objektiv gewesen und hätte die Gefahren „völlig verharmlost“. Denn der Staat habe selbst ein Interesse, den 5G-Ausbau voran zu treiben, um mittels der Technik Daten zu sammeln und Bewegungsmuster zu erstellen. 

Sie seien enttäuscht, dass die Initiative nicht auch einen Sprecher stellen durfte. Zahlreiche Studien würden vor den Gefahren von Mobilfunkstrahlung warnen. „Schon 4G schädigt alle Organismen im großen Stil“, so das Mitglied. Außerdem gebe es überall in Sauerlach ausreichend Empfang, ein Notruf könne auch ohne Netz abgesetzt werden. 

Von der Gemeinde erhoffe sich die Initiative, ein Moratorium gegen den Bau des Mobilfunkmastes zu verhängen, bis die gesundheitlichen Folgen geklärt seien. Bislang ließ sich das Landratsamt von so einem Schritt nicht bei der Genehmigung aufhalten. Möglicherweise könnte das bei 5G anders sein, wünscht sich die Initiative: „Wir hoffen, dass es diesmal nicht mit einem Federwisch weggewischt wird.“ 

Iris Janda

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