Mit der Unterschrift ist die Welt nicht gerettet

Oberhachings Bürgermeister Stefan Schelle zum Volksbegehren „Artenvielfalt — Rettet die Bienen“

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Oberhachings Bürgermeister Stefan Schelle zum Volksbegehren.

„Freiheit heißt nicht, frei sein von etwas, sondern für etwas“, zitiert Oberhachings Bürgermeister Stefan Schelle (CSU) den ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck im HALLO-Interview. Frei sein bedeutet demnach für Schelle, Verantwortung zu übernehmen. Seit 17 Jahren machte er das als Bürgermeister für die Gemeinde Oberhaching und findet nach wie vor: „Es ist ein geiler Job — Wenn man die Menschen mag und es liebt, zu gestalten.“ Und gestalten will Stefan Schelle. Vor allem, wenn es um das Thema Klima- und Artenschutz geht. Trotzdem war er selbst als gelernter Landwirt und studierter Agrarwissenschaftler nicht für das Volksbegehren „Artenvielfalt — Rettet die Bienen“.

Das heißt aber nicht, dass dem Bürgermeister Klimaschutz nicht wichtig ist. Im Gegenteil. „Das Thema ist uns schon sehr lange wichtig“, sagt er. Und es sei auch gut, dass die Diskussionen darüber durch das Volksbegehren sowie durch die derzeitige Schüler-Aktion „Fridays for future“ neuen Schwung bekommen hat. Dennoch findet Schelle: Alleine mit der Unterschrift hat man noch lang keine Biene gerettet.

„Ich bin für das Thema“, sagt er, aber das Volksbegehren habe es sich ein bisschen zu einfach gemacht. Seiner Meinung nach ist es nicht der richtige Weg, die Landwirte gesetzlich zur biologischen Produktion zu verpflichten. „Wenn ich Bioprodukte haben möchte, muss ich sie zunächst mal kaufen“, so Schelles Meinung. Die Landwirte produzieren, was sich verkauft. Wenn viele Käufer sich lieber die günstigen, in Plastikfolie verpackten, Lebensmittel beim Discounter holen, sollte man auch keine Unterschrift beim Volksbegehren leisten. Denn dazu gehöre auch, sich selbst erst einmal bewusst regional und saisonal zu ernähren — Und dafür gegebenenfalls mehr Geld auszugeben. Und da sind wir wieder beim Thema Freiheit. Der Mensch habe die Freiheit zu sagen: Ich kaufe lieber Bio und esse weniger Fleisch. Denn eine biologische Bewirtschaftung mache nur Sinn, wenn es dafür genug Abnehmer gibt. „Wir dürfen außerdem nicht nur mit der Landwirtschaft darüber reden“, so Schelle „sondern mit der breiten Bevölkerung.“ Und dabei geht es um die konkrete Umsetzung. Was kann dabei eine Gemeinde tun? In Oberhaching setzt man das Thema breit an. Das beginnt bereist bei der Mobilität. Die S-Bahn fährt zu den Stoßzeiten im 10-Minuten-Takt, direkt zum Ostbahnhof. Der Meridian fährt halbstündig zum Hauptbahnhof. Der zweigleisige S-Bahnhausbau hat die Gemeinde sechs Millionen Euro gekostet. „Ab 2019 sind wir dann auch im Innenraum des MVV“, freut sich Schelle. Dadurch werden die Ticketpreise günstiger.

Bürger sollten mehr auf ihr Auto verzichten, dafür braucht es alternative Angebote. „Wir sind auch sehr aktiv beim Thema Radverbindungen.“ So soll es eine Radverbindung nach Sauerlach geben, auf der man ganzjährig fahren kann. „Ich kann außerdem nur empfehlen, mal nach München von Deisenhofen über die Kugler-Alm mit dem Rad zu fahren. Da ist man furchtbar schnell da“, so Schelle. Schon jetzt fahren auf diese Weise 1.800 Leute pro Tag in die Arbeit. Auch das Mietradsystem wird derzeit in Oberhaching installiert und soll im Mai vorgestellt werden. 80 Millionen Euro sind zudem bereits in die Geothermie investiert worden. “Ganz Oberhaching wird einmal mit regenerativer Wärme versorgt werden“, ist Schelle überzeugt.

Auch einen runden Tisch wie ihn Ministerpräsident Markus Söder nun für den Artenschutz abhalten will, gibt es in Oberhaching schon lange. Um genau zu sein, seitdem Stefan Schelle vor 17 Jahren das Amt angetreten hat. An diesem Tisch wird gemeinsam mit Grundstücksbesitzern, dem Bauernverband und dem Bund Naturschutz über eine nachhaltige Umweltpolitik gesprochen.

Was die Bebauung betrifft hat Oberhaching strenge Vorgaben. Eine zwei Meter hohe Sichtschutzwand, eine betonierte Einfahrt mit Überwachungskamera? Nicht in Oberhaching. Nach der Satzung gibt es maximal einen Gartenzaun von 1,20 Metern und eine blühende Wiese, auf der viele verschiedene Insektenarten sich wohlfühlen. Dass der Bürgermeister sich dafür Sätze wie „Herr Schelle, Sie zwingen mich zur Nachbarschaft“, anhören darf, löst bei ihm nur ein freundliches Lächeln aus. Denn genau das ist die Idee. „Wir wollen Nachbarschaft.“ Die Kinder können aus ihrem Haus heraus laufen und durch den Garten der Nachbarn wieder herein. „Das ist Lebensqualität — und Bauen ist niemals Privatsache.“ Ein stimmiges Ortsbild gehört für Schelle auch dazu. Und letztlich dient es dem großen Ganzen. „Ich hoffe jedenfalls, die Gespräche am runden Tisch von Herrn Söder bringen auch Ergebnisse, mit denen man wirklich etwas erreicht“, sagt der Bürgermeister.

Dennoch sollte jeder für sich herunterbrechen, wie er selbst mithelfen kann. Mal zwei Tage auf das Smartphone verzichten, um Strom zu sparen? In der Schulkantine biologisches Essen anbieten und dafür mehr zahlen? Das sind für Schelle die unbequemen Wahrheiten, die auch angesprochen werden müssen.

In der Oberhachinger Ortsgestaltungssatzung steht jedenfalls schon drin, dass Vorgärten begrünt werden müssen. Dafür brauche es Toleranz. Wenn die Gemeinde zum Beispiel den Kreisverkehr mit Blühflächen für Insekten säht, dann sieht das eben im April nicht so schön aus, wie künstlich hergestellte Kreisverkehre, von denen aber keine Biene etwas hat. Darum auch das Credo des Bürgermeisters „Der Gedanke, irgendjemand muss, aber ich nicht, den müssen wir alle aus den Köpfen bekommen.“

Lydia Wünsch

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