Hartmann: „Integrationsarbeit fängt jetzt erst an“

Oberhaching: Integrationsberatung der Caritas hilft

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Nina Hartmann von der Caritas hilft in Oberhaching Migranten bei der Integration.

Nina Hartmann arbeitet als Integrationsberaterin in Oberhaching. Sie hilft Flüchtlingen dabei, hier ­eine neue Heimat zu finden. Wie entscheidend die Arbeit vor Ort ist, merkt sie tagtäglich. Umso wichtiger ist es, dass die finanzielle Förderung weitergeht.

Oberhaching – Mit der Flüchtlingskrise kamen seit 2015 über eine Millionen Schutzsuchende nach Deutschland. Auch Oberhaching bot Geflüchteten ein neues Zuhause.

Übergangsweise ging es in die Traglufthallen, mittlerweile leben die meisten von damals in einer der fünf Gemeinde-Unterkünften. „Die Sprache hat sich bei vielen sehr positiv entwickelt und die meisten arbeiten oder machen eine Ausbildung“, erzählt Nina Hartmann, Psychologin und Integrationsberaterin im Caritas-Büro in Oberhaching. 

Aber: „Die richtige Integrationsarbeit fängt jetzt erst an.“ Denn nun werde daran gearbeitet, dass die Migranten hier eine neue Heimat finden, Freunde haben, in der Gesellschaft ankommen und zu Hause sind. Genau dafür ist die Arbeit der Beratungsbüros in den Unterkünften essenziell.

Hartmann und ihr Kollege kennen viele der Flüchtlinge schon seit ihrer Ankunft 2015. Die Integrationsbeauftragten sind zu engen Bezugspersonen geworden und haben sich im Ort ein Netzwerk zu Schulen, Kindergärten, Ärzten und der Gemeinde aufgebaut. 

„Vieles bekommt man nur mit, weil man da ist“, erklärt Hartmann. Deswegen blickt sie auch sorgenvoll auf die nähere Zukunft. Nach derzeitigem Stand läuft die Finanzierung der Beratungsstellen nur noch bis Ende dieses Jahres.

Die Regierung Mittelfrankens kommt im Rahmen der bayerischen Integrationsrichtlinie für einen Teil der Kosten auf, der Landkreis München übernimmt den Rest. „Derzeit wird auf Regierungs­ebene verhandelt“, erklärt Antja Spilsbury, Verwaltungsleitung der Caritas im Landkreis München.

„Wir müssen bis Ende des ersten Quartals wissen, wie es weiter geht“, so Spilsbury weiter. Für die Regierung stellt sich die Frage, ob die Förderung wirklich noch nötig ist. 

„Die Menschen sind noch da und Integration dauert viele Jahre. Wenn wir sie jetzt allein lassen, bauen wir eine Parallelgesellschaft auf“, appelliert die Fachfrau. 

Allen Trägern sei wichtig, dass sich die Versäumnisse bei der Integration der Gastarbeiterfamilien in den 1960- und 70er-Jahren nicht wiederholen. „Am Anfang muss man mehr investieren, um dann ein gutes, gesamtgesellschaftliches Zusammenleben zu ermöglichen“, sagt Spilsbury.

Vieles was die Berater tun, ist Vermittlungsarbeit. „Es geht um Verständnis auf beiden Seiten. Vieles beruht auf kulturellen Unterschieden und Missverständnissen, die wir versuchen aufzuklären“, meint die Psychologin. 

Diese Missverständnisse abzubauen sei ein langsamer Prozess und bedeute viel Arbeit. Oft stünden gar nicht sprachliche Barrieren, sondern kulturelle Unterschiede im Weg. Es gibt viele Feinheiten im Umgang, die erst vermittelt werden müssen und sich je nach Lebenssituation unterscheiden. 

„Es wichtig, dass beide Seiten aufeinander zugehen“, betont Hartmann. „Wir sind dafür da, um zu unterstützen und eine Brücke zu bauen.“

Parallelgesellschaften vermeiden

Vor allem die soziale Integration in das Gemeindeleben hilft dabei, das Entstehen von Parallelgesellschaften zu vermeiden. „Es ist schwierig, zusammenzukommen“, räumt Hartmann ein, „aber wir schaffen immer wieder Gelegenheiten wie Sommerfeste, Tischtennisturniere, gemeinsames Plätzchen backen.“ 

Anknüpfungspunkte wie gemeinsame Interessen seien ein wichtiger Schlüssel, um zusammenzufinden. „Viele suchen auch einfach ein Gegenüber, mit dem sie sich austauschen können“, meint die Psychologin. 

Gerade allein reisende Väter, deren Familien noch in den Herkunftsländern sind, stehen unter starker psychischer Belastung und fühlen sich oft einsam.

Tagtäglich mit Krisen und Problemen arbeiten – die Tätigkeit als Integrationsbeauftragte verlangt Hartmann und ihren Kollegen emotional viel ab. „Man braucht eine hohe Kommunikationsfähigkeit und Toleranz, aber auch großes Durchhaltevermögen“, stellt die Beraterin fest.

Wie geht man damit um, wenn ein Klient mit Suizid droht oder jemand trauert? – das alles sind emotional herausfordernde Themen. Eine professionelle Distanz sei notwendig und diese könne erlernt werden, meint die Expertin.

„Es ist sehr viel innere Arbeit, um die äußere Arbeit sehr gut machen zu können“, verdeutlicht Hartmann. Dafür müsse aber niemand Psychologin sein, sondern werde speziell von der Caritas geschult. Um nach der Arbeit gedanklich abzuschalten, seien Rituale wie Sport oder ein langer Spaziergang wichtig.

Hartmann hatte eigentlich beruflich einen anderen Weg eingeschlagen: Sie studierte Kommunikationswissenschaften und war lange in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, besonders in der Filmbranche, tätig. 

Auf einer internationalen Schule in Heidelberg wurde ihr schon von kleinauf ein weltoffenes Bild mitgegeben. „Toleranz und Chancengleichheit waren schon immer mein Antrieb“, erklärt sie. 

Später kam dann das Psychologie-Studium hinzu: „Nach der Geburt meiner Kinder wollte ich noch einmal etwas Tiefergehenderes studieren. Presse hat zwar auch viel mit Menschen zu tun, aber mehr mit Selbstdarstellung“, erzählt Hartmann und ergänzt mit einem Lächeln: „Vielleicht sehnt man sich im Laufe des Alters bisschen mehr nach Sinnhaftigkeit.“

Ehrenamtlich Kinder unterstützen

Die Arbeit der Berater vor Ort ist wahnsinnig wichtig – aber ebenso ist es das ehrenamtliche Engagement der Bürger. Aktuell sucht die Caritas in Oberhaching Helfer und Spendengeber für die Hausaufgabenbetreuung von Kindern mit Fluchterfahrung.

Schön wäre es, wenn das noch mit Freizeitaktivitäten verbunden werden kann. Dabei muss niemand Sorge haben, etwas beim Umgang mit den teilweise traumatisierten Kindern falsch zu machen.

„Eine generelle Haltung von Respekt und Distanz zu bewahren, ist immer hilfreich“, erklärt Hartmann. „Natürlich beraten wir auch traumatisierte Menschen zu verschiedenen Themen und vermitteln für eine professionelle Therapie an Traumaexperten.“

Viele der Kinder hätten eine Defiziterfahrung, etwa weil sie eine andere Kultur oder Hautfarbe haben. Deshalb sei es wichtig, mit Unternehmungen dem entgegenzuwirken, so die Expertin: „Wenn man mit den Kindern etwas schönes macht, einen Ausflug, Kunst, Sport oder Gesellschaftsspiele, werden sie unheimlich gestärkt.“

Iris Janda

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