Altes Handwerk wiederentdecken – und Nachhaltigkeit leben

Oberhaching: Gemeinsam Spinnen im Wagnerhaus

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Beim Spinnen gehört Kommunikation dazu - das merkt man auch bei den Hachinger Spinnern im Oberhachinger Wagnerhaus.

Im Oberhachinger Wagnerhaus wird alle zwei Wochen gesponnen – und zwar Faden. Bei den Hachinger Spinnern wird in gemütlicher Runde dem alten Handwerk nachgegangen.

„Die spinnen doch!“ – diesen Satz würde Gabriele Rüppel gerne öfter über sich und die Hachinger Spinner hören. Stattdessen sagen die Leute auf Märkten oder Straßenfesten oft, sie würden weben. „Es kann sein, dass die Besucher wirklich nicht wissen, was wir machen. Aber ich glaube es liegt vor allem an der Doppeldeutigkeit des Wortes. Viele haben Hemmungen, das so auszusprechen. Dieses Problem gibt es nur im Deutschen“, erklärt Rüppel. Gesponnen wurde seit dem 16. Jahrhundert auch in den Spinnhäusern. Das waren Strafanstalten für verarmte, bettelnde Frauen, die dort als Zwangsarbeit spinnen mussten. Diese negative Belegung färbte auch auf die Tätigkeit ab.

Mit Zwang haben die alle zwei Wochen im Wagnerhaus in Deisenhofen stattfindenden Treffen der Hachinger Spinner überhaupt nichts gemein. Dort finden sich all diejenigen ein, die in gemütlicher Runde spinnen wollen. Entstanden ist der Treff 2003 aus einem Vhs-Kurs heraus. Danach wurde er zunächst privat weitergeführt, bevor es dann in Wagnerhaus ging. Mit dem historischen Bauernhaus aus dem Jahr 1894 gibt es wohl keinen passenderen Ort für das ungewöhnliche Hobby, dem ein mittelalterlicher Charme anhaftet.

Manche der Spinnerinnen sind schon seit über zehn Jahren regelmäßig dabei, eine Teilnehmerin ist recht neu in der Gruppe. „Ich bin aus München und habe nach einer Spinngruppe gesucht. Übers Internet bin ich dann auf die Hachinger Spinner gestoßen“, erzählt sie. Sie hat ein außergewöhnliches Spinnrad, ein sogenanntes Hochzeitsrad. Wie die anderen Teilnehmerinnen ihr erklären, sei es mit diesem Modell aber gerade für Anfänger schwierig. 

Gute Tipps, wie es trotzdem damit klappen kann, haben sie aber auch parat. Es gibt verschiedenste Spinnrad-Modelle, viele kommen aus Australien, Kanada oder Neuseeland, auch deutsche sind dabei. Die meisten aus der Runde haben zusammenklappbare Modelle, die in einer Tasche oder einem kleinen Koffer transportiert werden können. „Die Räder findet man am besten im Internet. So zwischen 500 und 1000 Euro können die schon kosten“, erzählt Martina Kiehl.

Viele kennen solche Spinnräder nur aus Märchen. Bekanntestes Beispiel ist wohl Dornröschen, die sich an der verfluchten Spindel sticht. „Das wird aber in Filmen oder auf Bildern sehr oft falsch dargestellt. Ein Spinnrad hat überhaupt keine Spitze, an der sich Dornröschen hätte stechen können. Nur an einer Handspindel gibt es diese Spitze“, erklärt Martina Kiehl kurz bevor sie selbst mit dem Spinnen loslegt. „Wer sich damit auskennt, fragt sich dann schon, was noch so alles nicht stimmt in den Filmen“, meint sie grinsend.

Wie ein Garn entsteht

Durch die Massenproduktion an billiger Kleidung in Entwicklungsländern gehe der Bezug zum Herstellungsprozess total verloren, erklärt Rüppel. Dass das Garn, das es im Geschäft zum Kaufen gibt, erst aus Wolle oder einem anderen Ausgangsmaterial hergestellt werden muss, sei vielen überhaupt nicht mehr bewusst. Genau das passiert beim Spinnen. Aus der Wolle, die vorher gereinigt und gefärbt wird, wird durch Rotation der Spindel ein Faden gesponnen. Am Ende wird der Faden verzwirbelt, sodass ein Garn entsteht. Die Rotation wird am Spinnrad durch das Bedienen zweier Fußpedale erzeugt. Das ist als Laie gar nicht so einfach, wie der Selbstversuch schnell zeigt. „Für den Einstieg ist eigentlich eine Handspindel am besten“, meint Rüppel.

Dort werde allein der Spinnvorgang geübt. „Jeder kann Spinnen lernen“, betont die Expertin. Es sei alles eine Frage der Übung: „In der Regel heißt es, man braucht ein Kilo Wolle, bis man den Dreh raus hat.“ Schnell gehe das Spinnen wie allein von der Hand und könne auch nebenbei gemacht werden. „Die Tätigkeit hat etwas unglaublich Entspannendes. Ich mache es auch gerne beim Fernsehen, dann schaffe ich wenigstens noch etwas dabei“, erzählt Rüppel lächelnd. Und so sind auch die Treffen der Hachinger Spinner keine stillen Veranstaltungen, bei denen jeder hochkonzentriert auf seinen Faden starrt. Es wird geplaudert, gelacht und auch der ein oder andere Expertentipp zu Techniken oder besonderen Wollsorten ausgetauscht. „Spinnräder sind Herdentiere“, erklärt Louise Felldau lachend. Und weiter: „Kommunikation gehört zum Spinnen einfach dazu.“

Kreativität ausleben

Das ist einer der Gründe, warum sich die Frauen gerne in der Runde treffen. Aber auch die vielen Möglichkeiten, sich durch das Spinnen kreativ auszuleben, begeistern Felldau: „Ich kann meine Wolle so färben, wie ich es möchte. Ich kann sie auch zweifarbig machen und mit Materialien experimentieren. Das macht wahnsinnig Spaß.“ Und lachend erklärt sie: „Viele von uns haben sogar mehr Freude am Spinnen als am Weiterverarbeiten des Fadens.“ Außerdem stünden verschiedenste Wollsorten zur Verfügung, die es so als Garn im Geschäft gar nicht so kaufen gebe. „Und jede Wolle je nach Schafrasse verhält sich anders und fühlt sich anders an. Das macht es so spannend“, verdeutlicht Kiehl.

Diesmal hat sie zum Beispiel die Wolle der britischen Langwoll-Rasse Wensleydale mitgebracht – bunt eingefärbt. Grundsätzlich könne mit allen Materialien, auch aus Naturfasern wie Flachs, gesponnen werden. Damit ist das Handwerk auch für Veganer, die die Nutzung Produkte tierischen Ursprungs ablehnen, geeignet. Die Hachinger Spinner bevorzugen allerdings Schafswolle. Dass das Spinnen sogar die Artenvielfalt erhalte, ist Rüppel wichtig zu betonen. 

„Ich engagiere mich auch für die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen. Darüber bin ich zum Spinnen gekommen. Denn wenn wir alte Nutztierrassen erhalten wollen, müssen sie auch genutzt werden. Und eben nicht nur das Fleisch, sondern auch die Wolle.“ Viele Schäfer würden die Wolle wegwerfen, weil es für sie keine Abnehmer gibt. Dem werde durch das Spinnen entgegengewirkt.

„Außerdem bekommt Kleidung, die ich selbst gesponnen und dann weiterverarbeitet habe, eine ganz andere Wertschätzung. Denn ich weiß, wie viel Arbeit da drinnen steckt. Das trage ich dann viele Jahre, und es hält auch so lange“, erzählt Rüppel. Damit ist das alte Handwerk in Zeiten von Diskussionen um Nachhaltigkeit aktueller denn je. Und das ist doch allemal Grund zu ­Spinnen.

Iris Janda

Kommentar

Weniger Konsum, mehr Wertschätzung: Rückkehr zu den Ursprüngen hilft gegen den Wegwerftrend

Dinge werden heutzutage nicht mehr wertgeschätzt. Schuld daran ist unsere konsumgeprägte Wegwerfgesellschaft. Statt zu reparieren wird einfach neu gekauft. Weil Elek­troartikel, Kleidung und Co. immer günstiger werden, können wir sie leichter neu anschaffen. Und damit sie immer günstiger werden können, werden die qualitativen Standards drastisch gesenkt – und die Dinge gehen deshalb leichter kaputt. Ein Teufelskreis, an dem nur einer seine Freude hat: die Indus­trie. Dafür leidet darunter die Umwelt, die unter den Müllbergen dieser Welt versinkt. Während offensichtliche Wegwerfprodukte wie Einweggeschirr, Strohhalme oder To-Go-Becher mittlerweile sogar teilweise gesetzlich verboten wurden, ist ein Gegentrend in anderen Bereichen noch kaum erkennbar. Bei Smartphones etwa fördern Verträge, bei denen es alle zwei Jahre ein neues Gerät gibt, den Wegwerftrend. Aktivitäten wie das Spinnen können da ein Schritt in die richtige Richtung sein. Kleidung sollte nicht mehr nur eine beliebige Sache in einem Geschäft sein, sondern in ihrer Herstellung Schritt für Schritt erfahrbar werden. Erst dann erhält sie den eigentlichen Wert, der ihr zuseht. 

Iris Janda

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