Ein Zuhause für glückliche Kinder, denn „jedes Kind braucht eine Mutter“

Oberhaching: Enzo Giardino baut Kinderheime in der Dominikanischen Republik

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Enzo Giardino (Mitte) mit einigen Kindern, die in seinem Heim leben.

Der Oberhachinger Enzo Giradino engagiert sich mit seiner Organisation Azioni Ninos Felices für Kinder ohne Bleibe in der Dominikanischen Republik. 

Oberhaching – „Jedes Kind braucht eine Mutter“, sagt Enzo Giardino. Während ihm dieser Satz über die Lippen geht, blickt der alte Mann, mit den warmen, braunen Augen aus dem Fenster seines Büros, in dem es nach frisch aufgebrühtem, italienischen Kaffee riecht. Sein Blick liegt dabei so weit in der Ferne, als würde er das, was seine Augen gesehen und zu Taten animiert haben, erneut sehen. Als würde es gerade passieren. In diesem Moment. Tränen schießen dem sonst gestandenen Mann in die Augen, sein Atem ist schwer. Gerade noch bevor ihm die Tränen über die Wangen kullern, hält er sie zurück.

In gebrochenem deutsch, mit italienischem Akzent beginnt der sympathische Mann zu erzählen – Die Geschichte der Kinder der Dominikanischen Republik beginnt zu leben. Über 100 Kinder hat Enzo Giardino. Er ist nicht zwar der leibliche Vater, aber eine Art Vaterersatz, der tief im Herzen mit den Jungen und Mädchen verbunden ist. Mit seinem „Zuhause für glückliche Kinder“, wie er selbst das von ihm errichtete Kinderheim nennt, schenkt er verlorenen und von den eigenen Eltern weggegebenen Kindern ein beschütztes Leben und eine vielversprechende Zukunft.

Denn in der Dominikanischen Republik ist es gang und gäbe, dass die Kinder von ihren Eltern weggeben werden, wenn nicht für sie gesorgt werden kann. Die Kleinen, die manchmal noch nicht einmal das Sprechen erlernen konnten, geschweige denn das Laufen, werden sich selbst überlassen. Schutzlos und ohne Liebe. In das Zuhause für glückliche Kinder finden sie ihren Weg, weil die öffentlichen Kinderheime überfüllt sind. Oder seitens der Behörden kein Geld für das Benzin gibt, um die Kinder abzuholen und zu retten. Dann aber ist Enzo Giardinos Team zur Stelle, um blutenden Seelen Heilung zu ermöglichen.

Enzo Giardino zu Besuch in der Dominikanischen Republik.

Enzo Giardino kommt selbst aus ärmlichen Verhältnissen. Er wuchs auf dem Land auf. Eine Schule gab es dort nicht. Deshalb schickten seine Eltern ihn zu seiner Großmutter, bei der er viele Jahre lebte. Er weiß, was es heißt, weggegeben zu werden – egal aus welcher Not heraus, schlimm ist es immer. Giardino urteilt dennoch nicht über die Eltern: „Ich glaube, die deutsche Kultur kann nicht verstehen, wie stark die Armut in der Dominikanischen Republik die Entscheidungen der Eltern beeinflusst die Kinder fortzuschicken.“ Was in den Köpfen der Kinder vor sich geht, wenn die wichtigste Person im Leben eines Kindes, die Bezugsperson plötzlich weg ist, ob durch Tod oder wegen mangelnden Geldes, welche Angst die Kinder verspüren müssen, kann sich niemand vorstellen.

Das Schicksal der Kinder ließ den Italiener damals schon nicht los und beschäftigt ihn auch heute im Alltag: „1997 war ich das erste Mal da. Ich habe Urlaub gemacht und habe dann aber gesehen, was da außerhalb passiert. Ich habe ein Kind kennengelernt, das in armen Verhältnissen gelebt hat und habe angefangen es zu unterstützen. Privat. Bis ich dann später mehrere Kinder unterstützt habe.“ Die Idee, eine Patenschaft zu übernehmen, habe er entwickelt, als er gesehen habe, wie viele Kinder krank waren, die Eltern sich die Behandlungen aber nicht leisten konnten.

Durch diese Patenschaft konnte die medizinische Versorgung gewährleistet und den Kindern geholfen werden. „Dann habe ich selber zusätzlich ein Kind aus der Dominikanischen Republik adoptiert. Sarah heißt sie.“ Sarah hatte Geschwister, doch konnte Enzo Giardino nicht alle Kinder mitnehmen. Also gründete er 2001 die Organisation „Azioni Ninos felices“, zu deutsch: „Organisation für glückliche Kinder“.

Enzo Giardino baute ein Kinderheim, in dem die Geschwister Sarahs und andere Kinder geschützt aufwachsen konnten. 29 Kinder haben dort momentan ein Zuhause gefunden. Das Besondere an diesem Zuhause ist, dass die Kinder nicht das Gefühl haben, in einem klassischen Heim aufzuwachsen. Sie sind in Gruppen aufgeteilt und jede Gruppe hat ihre eigene „Mama“. Sieben bis acht Kinder sind in einer Gruppe, wachsen also wie Geschwister auf. Ihre Mama kümmert sich um sie. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. 

Das Leben im Haus der glücklichen Kinder soll so normal wie möglich ablaufen, was bedeutet: Hausaufgaben werden gemeinsam gemacht, es gibt Belohnungen, aber auch Strafen gehören dazu. Es gibt Aufgabenverteilungen, wie in jeder anderen Familie auch. Immer mit dabei: Die Mamas, die ihnen wie im wahren Leben dabei zu jeder Zeit mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die Jungs kümmern sich um den Garten, die Hühner, die handwerklichen Tätigkeiten, die Mädchen kochen und waschen beispielsweise. Enzo Giardino ist es wichtig, dass die Kinder in ihrer Entwicklung gefördert und gefordert werden sollen. 

Deshalb können sie sich etwas Taschengeld dazuverdienen, wenn sie auch mal auf die jüngeren Kinder achten und es dann für einen Kinobesuch oder ähnliches ausgeben. Zusätzlich wird ihnen ein breites Freizeitangebot geboten. Sind sie musikinteressiert, dürfen sie ein Instrument erlernen, sind sie pferdeinteressiert, dürfen sie reiten. Dass diese 29 Kinder ein so normales, familiäres Leben führen dürfen, haben sie einzig und allein dem voll Liebe erfüllten Herzen Enzo Giaridinos zu verdanken.

Zwei Monate im Jahr ist er in der Dominikanischen Republik bei den Kindern. Seine Frau, die selbst aus der Dominikanischen Republik stammt, ist ebenfalls ein bis zwei Monate im Jahr dort, um nach dem Rechten zu sehen. Die Kinder freuen sich, wenn Enzo da ist. Er kocht mit ihnen, spielt mit ihnen, ist für sie da. Wie ein Vater. Um so schwerer fällt der Abschied. Jedes Mal.

Als Giardino sich an den letzten Abschied erinnert, beginnt seine Stimme erneut zu zittern, die Augen werden glasig. Giardino nimmt die Brille ab, muss durchatmen. Auch wenn es oft hart sei und er 30 Prozent seines Lebens in die Kinder stecke, sei es ihm jede Sekunde wert. „Die Kinder geben mir so viel zurück. Was will ich mit all den Besitztümern? Eine Flasche Wein? Die ist teuer und kommt dann in den Keller. Was will ich damit, wenn ich stattdessen anderen helfen kann?“ 

Wie Giardino erzählt, spielen die Kinder eine große Rolle in seinem Leben. Per Videochat kann er sie grüßen und wird von ihnen auf den neuesten Stand gebracht. Sie vertrauen ihm. Giardino erzählt, die Kinder haben viel durchgemacht, alles was er und die Mamas ihnen geben, ist Liebe. Die Dankbarkeit der Kinder ist groß, das gibt Giardinio noch mehr Ansporn immer weiter zu machen. Mittlerweile hat er das zweite Haus eröffnet, damit noch mehr Kinder die Chance auf ein Leben bekommen.

Und alles begann mit einem Urlaub. Dass diese Reise, und die damit verbundenen Eindrücke Enzo Giardinos Leben auf gewisse Art und Weise begleiten würden, war ihm damals bestimmt klar. Was ihm aber nicht bewusst war: Diese Reise sollte der Anfang einer ganz großen Reise werden. Die Reise der Kinder. In eine sichere Zukunft.

Melanie Schröpfer

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