Nicht nur für die Katholiken, sondern für alle da

Neuer Oberhachinger Pfarrer Emmeran Hilger im Porträt

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Stoffesel „Elias“ erhielt Oberhachings neuer Pfarrer Emmeran Hilger in Taufkirchen bei Kraiburg zum Abschied.

Oberhaching hat einen neuen katholischen Pfarrer. Seit September ist Emme­ran Hilger als katholischer Priester für den Pfarrverband zuständig. Ihm liegt besonders am Herzen, auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen ganz individuell einzugehen und eine offene Tür für alle zu haben.

Helle Holzmöbel, ein großer Schreibtisch, dazu eine Sitzgruppe aus Leder – das Büro vom neuen Oberhachinger Pfarrer Emmeran Hilger wirkt schon vollständig eingerichtet. Dabei ist er beim Gesprächstermin erst eine Woche zuvor von Kraiburg am Inn nach Oberhaching gezogen. Ein auffälliges Detail auf dem Schrank hinter dem Schreibtisch ein Stofftier-Esel, der wie ein Messdiener gekleidet ist. „Den haben mir die Ministranten aus Taufkirchen bei Kraiburg zum Abschied geschenkt, er heißt Elias“, erzählt Hilger lächelnd. Mit dem Pfarrer umgezogen sind auch die eindrucksvollen Bilder von Vulkanen, die über dem kleinen Sofa hängen. Sie stammen von seinem Auslandsjahr in Quito, der Hauptstadt Ecuadors, das Hilger nach dem Studium angetreten war. „Die habe ich mir damals von meinem letzten einheimischen Geld am Flughafen gekauft und später Rahmen gelassen. Seitdem begleiten sie mich und haben jeden Umzug mitgemacht.“

Eine Reise war es auch, die ihn den Entschluss fassen ließ, Priester zu werden. 2007 ging Hilger für drei Wochen mit seinem Bruder auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostella. „Schon vorher stellte ich mir die Frage: ,Warum wirst du nicht Pfarrer?‘ Es war klar, am Ende der Pilgertour gibt es von mir ein Ja oder Nein für die Ausbildung. Und ich kam zu dem Entschluss, dass ich mich ein Leben lang ärgern werde, wenn ich es nicht probiere“, erzählt Hilger. „Und dann hat es sich gut angefühlt. Die Grundliebe zum Beruf und den Menschen ist absolut da“, fügt er hinzu.

Der Geistliche stammt aus Traunstein und hat zwei Geschwister. Auch wenn er nicht in einer sehr religiösen Familie aufgewachsen ist, faszinierte ihn als Ministrant schon immer die Liturgie und der Beruf des Priesters. Mit den Jahren ging der Kindheitswunsch verloren, „es hängt eben auch ein Lebenskonzept daran“, meint Hilger. Nach vier Jahren Religionsstudium kam dann doch wieder der Wunsch auf, Pfarrer zu werden. Hilger schloss drei Jahre Theologiestudium an, machte nach der Zeit in Quito seinen Pastoralkurs in Ammerang. Danach arbeitete er drei Jahre im städtischen Pfarrverband in Rosenheim, bevor er vor zwei Jahren nach Kraiburg ging.

An der Stelle in Oberhaching reizte ihn neben der attraktiven Lage auch die unterschiedlichen Kirchen innerhalb des Pfarrverbands, wie er erklärt: „In Oberhaching gibt es noch eine richtige Dorfkirche, in Deisenhofen steht dagegen der Neubau. Das ist eine interessante Aufgabe, diese so unterschiedlichen Pfarreien zu betreuen.“ Und er ergänzt: „In Kraiburg waren es 80 Prozent Katholiken, hier sind unter 50 Prozent katholisch. Das wird auch spannend.“

Menschen mit Gott und untereinander verbinden

Dass ihm nicht nur die Katholiken am Herzen liegen, ist dem neuen Oberhachinger Pfarrer besonders wichtig: „Ich bin nicht nur für die 6000 Katholiken da, sondern für alle 13.000 Einwohner. Ich bin auch für diejenigen Pfarrer, die ausgetreten sind, und auch für die, die an gar nichts glauben. Meine Tür steht für alle offen.“ Ebenso betont er, für alle Pfarreien des Pfarrverbands da zu sein und die verschiedenen Ortschaften zu verbinden.

Seine Aufgabe sehe Hilger ohnehin darin, zu verbinden – sowohl Menschen untereinander als auch mit Gott. Seine oberste Devise dabei ist, auf das zu einzugehen, was sich die einzelne Person ganz individuell wünscht. „Die Frage ,Was willst du, das ich für dich tun soll?‘ liegt mir sehr am Herzen. So lautet auch Jesus Frage an den Blinden bei Jericho in Lukas 18,41. Der Einzelne mit seinem Anliegen und was ich für ihn tun kann, ist mir wichtig“, betont Hilger.Der Geistliche nimmt sich Zeit für die Menschen und für Gott. Deshalb trägt er auch bei seinen Gottesdiensten keine Uhr. „Das bedeutet natürlich nicht, dass die Messe deshalb ewig dauert“, merkt Hilger lachend an und erklärt: „Ich nehme mir eben die Zeit ohne den nächsten Termin schon wieder im Kopf zu haben. 

Gott nimmt sich schließlich immer für uns Zeit, deshalb sollten wir uns auch diese für ihn nehmen. Es braucht im Gottesdienst auch mal Stille und auch mal Langweile – im positiven Sinne. Da ist Zeitdruck hinderlich.“ Gerade zu sich selbst zu kehren und sich auch einmal für sich selbst Zeit zu nehmen, komme oft zu kurz. Da sei es häufig gar nicht wichtig, wie genau der Gottesdienst verfolgt werde, findet Hilger: „Ich freue mich schon, wenn sich jemand nur in den Gottesdienst reinsetzt und vielleicht gar nicht aufpasst, aber am Ende mit einem Gedanken rausgeht, der ihm bei einem Problem weiterhilft. Dann war das für ihn eine gute Stunde und für mich auch.“

Der gebürtige Traunsteiner will mit seiner Messe so viele Menschen wie möglich ansprechen. „Der Gottesdienst muss für den 7-Jährigen ebenso wie für den 37- und 77-Jährigen verständlich sein. Wenn ich drei Generationen damit ansprechen kann, bin ich glücklich“, erklärt Hilger. Das sei selbstverständlich eine große Herausforderung. Deshalb versuche er, dass jeder etwas in den Gottesdienst einbringen kann. Außerdem sei es wichtig, die Predigt verständlich zu machen: „Ich arbeite gerne mit Bildern oder spiele Musik ab, durch die das Gesagte vertieft wird. Denn es ist erwiesen, dass das gesprochene Wort am wenigsten im Gedächtnis bleibt.“

Bei seiner Amtseinführung am 8. September wählte der Priester daher einen geselligen Weg, um den Gottesdienstbesuchern eine Botschaft mitzugeben: Nach der Messe wurden Bierdeckel mit der Zeile „Begegnung geschieht, wo Wege sich kreuzen“ verteilt. Darauf abgedruckt war ein Abbild des Pfarrers, dessen Schatten sich mit einem weiteren Schatten kreuzt. „Dort muss sich jeder selbst hinstellen. Das Begegnen ist mir sehr wichtig, daher auch ein Bierdeckel, weil sich die Bürger auch außerhalb des Gottesdienstes, zum Beispiel in geselliger Runde, begegnen sollen“, verdeutlicht Hilger. 

Auch mit Menschen, die an der Existenz Gottes zweifeln, sucht der Priester gerne die Begegnung: „Solche Leute suchen oft viel mehr nach ihrem Glauben, als manch einer, der jeden Sonntag in die Kirche geht. Außerdem ist Zweifeln ist absolut legitim. Der Zweifel gehört dazu, ebenso bei mir. Auch ich habe erst die absolute Gewissheit, wenn ich einmal sterben sollte. Aber daraus lebe ich ja: Zweifeln und Anfragen.“

Iris Janda

Kommentar

Mehr Mut zur Langeweile - Der Mensch muss sich wieder dem Nichtstun zuwenden

Langeweile ist vom Aussterben bedroht. Aus ihrem gewohnten Terrain – das Warten auf den Bus, die Bahnfahrt zu Arbeit – wurde sie vom Smartphone verdrängt. Die mediale Dauerbeschallung erspart es, sich dem Nichtstun stellen zu müssen. Eine Erleichterung, dem Unangenehmen so aus dem Weg gehen zu können. Dabei täte es jedem gut, ab und zu der Langweile ins Gesicht zu schauen. Noch besser: Sie aktiv zu suchen. Sie gehört zum Menschen dazu, gelangweilt wurde sich schon immer. Und sie hat ihren Zweck. Wann sonst bleibt im durchgetakteten Alltag Zeit, Gedanken schweifen zu lassen, wenn nicht bei der morgendlichen Bahnfahrt? Es ist erwiesen, dass Langeweile die Kreativität fördert. Nichts- tun ist eine Wohltat für die reizüberfluteten Sinne. Durch sie kann der Mensch in sich kehren, Dinge hinterfragen und Handlungen reflektieren. Das wäre auch bei den Trumps dieser Welt angebracht und würde vielleicht sogar die ein oder andere Twitter-Eskapade verhindern. Und schließlich soll sogar eine der wichtigsten Entdeckungen der Geschichte – Isaak Newtons Gravitationstheorie – ihm gekommen sein, als er unter einem Apfelbaum sinnierte. Langeweile sollte deshalb wieder einen festen Platz im Leben haben. Ob dieser nun beim sonntäglichen Gottesdienst oder an einem anderen Ort ist, muss jeder für sich selbst herausfinden.

Iris Janda

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