„Lincoln-Bibel“ und "Jefferson-Nickel"

Wie ein Unterhachinger Milchverkäufer das amerikanische 5-Cent-Stück „erfand

“ Am Tag, an dem Amerikas neuer Präsident Barack Obama seinen leicht-verhaspelten ersten Amtseid mit der linken Hand auf der alten „Lincoln-Bibel“ (16. Präsident von Amerika) schwor, betrachtete der Münchner Zeitungsverlag-Druckhaus-Pförtner Rolf Heinemann (65) schmunzelnd in seiner Rechten eine kleine amerikanische 5-Cent-Münze mit dem Spitznamen „Jefferson-Nickel“ (3. Präsident von Amerika). Das hatte seinen guten Grund. Denn diese alte Münze aus dem Jahre 1938, vom 21. April genau, die noch heute fast jeder US-Bürger in seiner Tasche trägt, hatte seinerzeit Heinemanns Großvater, Felix Schlag, entworfen. „Als kleiner Bub hatte ich den Traum, eines Tages nach Amerika zu meinem Großvater zu ziehen“, erzählte der in Sindelfingen bei Stuttgart geborene und spätere Agrar-Ingenieur Rolf Heinemann, der heute im Druckhaus von Münchens Zeitungsverlag, in dem auch HALLO gedruckt wird, in der Pförtnerloge arbeitet und im Olympischen Dorf wohnt. „Ich kannte ihn nur von den Fotos meiner Eltern, ich wusste, dass er einen tollen Cadillac fuhr und uns nach dem Krieg laufend Geld und Carepakete schickte. Aber erst, als ich ein Teenager war, begriff ich, wer mein Opa Felix Schlag tatsächlich gewesen ist. Nämlich der Künstler, der das schönste amerikanische Geldstück, eine 5-Cent-Münze, den ‚Jefferson-Nickel‘, kreiert hatte. Und den ich erst, als ich 25 war, kennen lernen durfte. Nur für einen Tag, für nur drei, vier Stunden. Aber im emotionalsten Moment meines Lebens!“ Es war sowieso die gefühlsmäßig bewegteste Zeit in Rolf Heinemanns Leben. Am Tag vor seiner Hochzeit, wenn andere junge Bräutigame es bei ihrem Polterabend krachen lassen, traf er seinen aus der Ferne so bewunderten Großvater. Nicht privat, sondern im Hofbräuhaus, weil der Opa nur kurz in München Station machte und seinen Aufenthalt „münchnerisch gestalten“ wollte. Der 78-Jährige und der 25-Jährige lagen sich mit Tränen in den Augen in den Armen und versprachen einander, sich bald wiederzusehen. Doch daraus wurde nichts. Zu schnell verschwand der alte Mann wieder aus dem Leben seines Enkels. Fünf Jahre später starb er in seiner neuen Heimat Michigan. Und erst danach machte sich sein Enkel auf die „große Suche“ nach seinem Großvater. Heute hat er eine große Dokumentation mit Zeitungsartikeln, Fotos und Briefen, die er eigentlich veröffentlichen könnte, zumal er beruflich ja „an der Quelle“ sitzt. „Ich habe jeden Schnipsel gesammelt, den ich über Felix Schlag finden konnte“, sagt er. „Und ich habe herausgefunden, dass sein Leben nicht nur rosig war und nicht nur aus Cadillacs und Carepaketen für uns bestand! Ganz im Gegenteil!“ Felix Schlag, ein gebürtiger Frankfurter, zog im Jahre 1912 nach München, studierte Bildhauerkunst an der Kunstakademie, bekam aber nach dem Studium kaum lohnende Aufträge. Mit seiner kleinen Familie, Ehefrau Anna und zwei Kindern, lebte er in Unterhaching von den geringen Einkünften aus einem kleinen Milchgeschäft am Pittinger Platz. 1929 verließ er seine Heimat und fuhr mit Anna per Dampfer nach Amerika, ins „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, aber auch dort ging es „Schlag auf Schlag“ bergab: die große Depression, Amerikas erste schwere Wirtschaftskrise, statt Bildhauerkunst Schufterei auf dem Bau. Ein Jahr später kehrte Anna zu den Kindern nach München zurück. Felix allein in New York und noch ganze acht Jahre, bis zum großen und positiven wirklichen „Schlag seines Lebens“! „Noble Qualität“ Anno 1938 schrieb das US-Finanzministerium dann einen Wettbewerb zur Schaffung einer neuen 5-Cent-Münze aus. Auf der Vorderseite sollte Thomas Jefferson zu sehen sein, der 3. US-Präsident und Mitverfasser der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Auf der Rückseite: Jeffersons Domizil in Monticello. 390 Künstler bewarben sich – unter ihnen auch der „Bauarbeiter“ Felix Schlag. Seinem Enkel Rolf hinterließ er später den stolzen Satz: „Ich wollte die noble Qualität dieses großen Staatsmannes zeigen und nicht nur sein Bildnis.“ Tagsüber arbeitete er auf dem Bau, nachts schuf er nach vielen Vorlagen Jeffersons Münze. Am 21. April 1938 verkündeten die Juroren eine echte Sensation: Felix Schlag, Immigrant aus Deutschland, hatte den 3. Präsidenten am besten dargestellt – seine Münze machte das Rennen! Mit einem Schlag war Schlag weltberühmt, wenn auch finanziell nicht „aus dem Schneider“. Denn er erhielt nur ein einmaliges Preisgeld von 1000 Dollar … „Aber der Ruhm brachte ihm lukrative Aufträge“, weiß sein Enkel heute. „Wenn auch nicht für lange, denn der 2. Weltkrieg ließ seine Kunstkarriere wiederum abknicken.“ Umschwung, Umzug nach Owosso, Michigan, Eröffnung eines kleinen Fotoladens. Auskommen: ja. Berühmtheit: null. Erst in den Sechzigern erneutes Medien-Interesse und Münzvereins-Einladungen zu Vorträgen. Sein Enkel fand darüber den Satz: „Diese späte Popularität hat mich mehr gefreut als der Preis damals!“ Die nächste große Freude für Großvater und Enkel war dann 1969 der kurze Besuch des alten Herrn bei seiner Münchner Familie. Und das Kennenlernen von „Grandpa und Grandson“. Und heute nun, im Januar 2009, so viele Jahrzehnte später, das Betrachten des „Jefferson-Nickels“ in Rolf Heinemanns rechter Hand, als der 44. Präsident von Amerika auf der „Lincolns Bibel“ seinen ersten und leicht „verrutschten“ Amtseid schwor. „Da hätte mein Opa Felix“, sagt Enkel Rolf amüsiert, „vermutlich sehr geschmunzelt!“ Ingeborg

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