Der Arzt, den der Tod auf die lange Reise schickte

Lesung „Der fremde Deutsche“ in der Vhs Taufkirchen

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„Wir Deutschen“, sagt der Mann im Arztkittel und mit dem ansteckenden Lachen, wenn er über das spricht, was in unserem Land gerade passiert. Auf seinem Namensschild steht „Dr. Umes“. Und wer weiß, dass sich dahinter der Name Umeswaran Arunagirinathan verbirgt, der ahnt, dass es sich bei dem 40-Jährigen um einen außergewöhnlichen Deutschen handelt. „Dr. Umes ist einfacher auszusprechen. Außerdem nennt meine Mutter mich so, es fühlt sich irgendwie familiär an“, sagt er und lacht. Dabei ist seine Geschichte zum Weinen. Dr. Umes ist ein Mann der Widersprüche. In seiner Lebensgeschichte liegen Glück und Unglück nicht nah beieinander, sie vermischen sich. Als Zwölfjähriger floh Umes von Sri Lanka nach Deutschland. Ohne seine Eltern. Alleine. Mit fünf Geschwistern war er zwischen Reisplantagen, Kokospalmen und Minenfeldern aufgewachsen. Dann starb die älteste Schwester an Nierenversagen. Durch eine Transplantation hätte sie überlebt, aber im Krieg gab es nicht genug Ärzte. Noch ein Kind zu verlieren, kam für die Eltern nicht in Frage. Und gerade junge Männer sterben schnell im Krieg. Die Mutter fand einen Schlepper. Das Geld, 15.000 Mark, konnte sie nur aufbringen, indem die Familie ein Grundstück verkaufte. Außerdem nahm ein Onkel in Hamburg einen Kredit von 10.000 Mark auf. Dieser Onkel sollte auch das Ziel der Reise werden.

„Es gibt viele Kinder, die bei der Flucht sterben“, sagt Umes. Jahre später traf er in Deutschland auf der Straße eine Frau. Als sie ihn sah, fing sie sofort an zu weinen. Er erinnerte sie an ihren Sohn, der auf der Flucht gestorben ist. Im Container erstickt. Umes hatte Glück – auch wenn seine Reise nicht wie geplant eine Woche dauerte; sondern acht Monate. Seine Mutter sah er erst 16 Jahre später in London wieder. Er hat sie bis heute nie gefragt, was sie damals empfand, als sie ihren Sohn ins Ungewisse schickte. „Dann wird sie zu emotional“, sagt Umes nur. Auch ein Happyend heilt so manche Wunde nicht. Es gibt Dinge im Leben, die muss man ausblenden, um weiterleben zu können. Und Umes ist Meister darin, sich auf das Positive zu konzentrieren. Das Glück vom Pech zu trennen, auch wenn beides so eng miteinander verbunden ist. Schmerz beschreibt Umes so: „Wenn man einen Nierenstein hatte, dann ist jeder Bauchschmerz, den man danach fühlt, nur noch halb so schlimm.“ Ähnlich verhält es sich für ihn mit Krieg und Flucht. Keine Flucht kann so schlimm sein, wie der Krieg, den man zuvor erlebt hat.

Heute ist Umes 40 Jahre alt, Notarzt und angehender Herzchirurg. Zwischen den Hochhäusern und Wohnblöcken von Hamburg ist er erwachsen geworden. Das Tor zur Welt – für ihn war das kein Klischee. „Diese Stadt hat mir das gegeben, wonach ich immer gesucht habe.“ Frieden. Geborgenheit. Sicherheit.

Aber so schnell ging das natürlich nicht. Umes muss lachen, wenn er gefragt wird, ob gleich alles gut war in Hamburg. „Ich konnte kein Deutsch. Es prallten zwei Welten aufeinander.“ Als geduldeter Kinderflüchtling in der deutschen Großstadt war erst einmal alles anders. „Ich dachte nur: Wow, was ist das eigentlich? Wie lebe die Menschen hier?“ Doch Umes war neugierig auf die neue Welt. „Die Schule hat den Grundstein für mein weiteres Leben gelegt.“ Als eines Tages ein Abschiebebescheid kam, ging seine gesamte Schule für ihn auf die Straße und kämpfte dafür, dass er bleiben konnte. Zu diesem Zeitpunkt ist Zuhause schon lange nicht mehr Sri Lanka. Auch wenn es immer noch negative Erlebnisse in Deutschland gibt. Wenn ein Patient ihn für die Reinigungskraft hält. Oder wenn er im Fitnessstudio mit „Du nix Sauna?“, angesprochen wird. Aber dann denkt Umes daran, wie viele Leute ihn mögen. Sie kochen Marmelade für ihn, wenn er zu Lesungen fährt. „So viele Menschen haben mir Türen geöffnet!“, sagt er. Das zu wertschätzen, ist ihm wichtig. Das Gute muss mindestens genauso laut ausgesprochen werden wie das Negative, findet er. „Niemals waren die Kräfte so stark, dass sie mich aufhalten konnten. Nein, die Liebe, die mir entgegen schlug, war viel stärker.“ Als Junge schickte ihn der Tod auf die gefährliche Reise. Heute rettet Dr. Umes selbst als Notarzt Leben. Er hat zwei Bücher veröffentlicht, das dritte ist in Arbeit. Bei einer Gedenkstunde für die Opfer von Flucht und Vertreibung hielt er auf Einladung von Horst Seehofer eine Rede vor Bundeskanzlerin Angela Merkel. Dankbarkeit gegenüber dem Land, das ihn aufgenommen hat, ist sein zentrales Thema. Niemals lenkt er den Blick auf seinen eigenen Mut. Auf sein Durchhaltevermögen. Seine Ängste. Auch als ein genervter Sachbearbeiter bei der Ausländerbehörde ihm einmal sagte, er solle doch einfach nach Hause gehen. „Was wollen sie eigentlich von uns? Sie sind hier doch nur geduldet!“, wurde Umes entgegen geschleudert. Und wie reagierte er in diesem Moment? Umes bedankte sich für die Unterstützung und ging. Nach Hause. In seine Wohnung. In Deutschland.

Immer wenn er sich über solche Situationen ärgert, holt er einen Brief hervor, den er einmal von einer Frau bekommen hat. „Es gibt auch noch Menschen, die keinen Unterschied machen zwischen hell- und dunkelhäutig“, steht darin. Das reicht ihm, um wieder auf die helle Seite seines Lebens zu gelangen. Seit dem August 2008 hat Umes die deutsche Staatsbürgerschaft und ist damit auch im juristischen Sinne in Deutschland zu Hause. „Wir Deutschen“, sagt er seitdem mit mehr Stolz als so mancher, der hier geboren ist. 

Lydia Wünsch

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