Und plötzlich eröffnet sich eine neue Welt

Lernwerkstatt für Analphabeten in der Nachbarschaftshilfe Taufkirchen

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Für viele Teilnehmer der Lernwerkstatt für Analphabeten in Taufkirchen war die Schule ein frustrierender Ort.

Zuversicht. Das ist es, was Michael Mrva sähen will. Und die Freude am Lernen. Aus diesem Grund soll nichts in der Lernwerkstatt für Analphabeten im Familienzentrum Taufkirchen an die Schule erinnern. Denn die war früher für viele Teilnehmer ein frustrierender Ort. Darum gibt in der Lernwerkstatt keine Noten, keine Prüfungen und vor allem keinen Druck. Die Teilnehmer müssen nichts bezahlen und sich noch nicht einmal anmelden. Einfach vorbei kommen und sich von Michael Mrva begrüßen lassen, der schon am Telefon Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt.

Seit Januar dieses Jahres leitet Mrva die Lernwerkstatt am Ahornring 119 in Taufkirchen. Die Menschen, die zu ihm kommen, habe die unterschiedlichsten Hintergründe, aber eines vereint sie: Alle können schlecht bis gar nicht lesen und schreiben. „Viele sind am Anfang verunsichert“, berichtet Mrva. Sie trauen sich kaum, den Raum zu betreten und sehen sich ängstlich um. Dann empfängt Mrva sie erst einmal herzlich und zeigt ihnen, dass sie hier richtig sind.

Bei Michael Mrva lernen die Teilnehmer, dass Lesen Spaß machen kann.

Laut Mrva gibt es 6,2 Millionen Menschen in Deutschland, die nicht richtig schreiben und lesen können. Darunter viele, die in Deutschland geboren worden sind oder schon seit über 30 Jahren in Deutschland leben. Die Altersspanne der Teilnehmer geht bei 16 Jahren los und ist nach oben hin offen. Es sind also fast alle Altersgruppen vertreten. Und jeder bringt seine eigene Geschichte mit. Eine Frau, Mitte 70, erzählt, dass ihr Mann früher alles für sie gemacht habe. Er habe Formulare ausgefüllt und ihr sogar vorgelesen. Vor einem Jahr ist er verstorben und nun fühlt sie sich hilflos. In der Lernwerkstatt findet sie ein offenes Ohr. „Was unseren Erfolg ausmacht, ist die Eins-zu-Eins-Betreuung“, sagt Mrva. Für jeden Teilnehmer gibt es einen eigenen Lernbegleiter. Zuerst wird geschaut, wo der Teilnehmer steht. Kann er Buchstaben lesen, hat aber Probleme, daraus Worte zu bilden? Oder können einzelne Worte gelesen werden, aber andere nicht? Je nachdem, wo die Person steht, wird dann ganz individuell geholfen. „Einmal kam eine Dame mit einem Prospekt, das sie nicht verstanden hat. Nachdem wir gemeinsam analysiert haben, worum es dabei ging, war sie total glücklich und erleichtert“, erzählt Mrva. Als habe sich das Tor zu einer Welt geöffnet, die vorher für sie verschlossen schien.

Die meisten Teilnehmer sind Mrva zufolge in ihrem Alltag einem enormen Druck ausgesetzt. Aus Scham, nicht lesen zu können, mogeln sie sich durch ihren Tag. Niemand solle etwas von ihrer Schwäche mitbekommt. Das geht schon beim Lesen von Straßenschildern oder der S-Bahn-Beschilderung los. „Es ist unglaublich, was die Teilnehmer sich alles einfallen lassen müssen, um nicht aufzufallen“, sagt Mrva. Wenn nach dem Weg gefragt wird, heißt es etwa, man könne das Straßenschild nicht lesen, weil man seine Brille vergessen habe.

Ein weiterer Teilnehmer, Mitte dreißig, konnte sich in der Schule schlecht konzentrieren. Trotzdem schaffte er mit Ach und Krach den Hauptschulabschluss und muss heute in seinem Job regelmäßig Protokolle schreiben und Formulare ausfüllen. Da er dies mehr schlecht als recht machte, wurde sein Chef auf ihn aufmerksam. Er las dann von der Lernwerkstatt in der Zeitung und empfahl seinem Mitarbeiter, hinzugehen. „Das ist auch so ein Punkt“, sagt Mrva. „Viele unserer Teilnehmer können die Flyer, die wir verteilen oder die Werbung, die wir machen, nicht lesen. Also hoffen wir, dass Angehörige, Bekannte oder Chefs auf uns aufmerksam werden.“ Ein heikles Thema, denn meist versuchen die Teilnehmer ja gerade das zu verbergen.

Viele der Menschen hätten Mrva zufolge zwar kognitive Schwierigkeiten, aber das sei nie der einzige Grund, wieso sie nicht lesen und schreiben gelernt haben. „Einige machen sich selbst wahnsinnigen Druck. Dann halten sie sich für dumm, weil sie etwas nicht können, das anderen offensichtlich so viel leichter fällt“, erklärt Mrva. Und da geht der Teufelskreis los, es entsteht eine regelrechte Blockade, die es dann in der Lernwerkstatt aufzulösen gilt.

Oft hat Mrva das Gefühl, seine Teilnehmer müssten erst einmal etwas loswerden, wenn sie zu ihm kommen. Einen emotionalen Ballast abwerfen, der über die Jahre hinweg immer schwerer geworden ist. Eine Dame sei einmal ganz aufgeregt in die Lernwerkstatt gekommen. Sie wurde gerade von einem Autofahrer beschimpft, weil sie mit dem Fahrrad eine falsche Abzweigung genommen hatte. Sie hatte ein Straßenschild nicht erkannt. Gemeinsam mit Mrva suchte sie das Schild im Internet und fand heraus, was es bedeutet. Erst danach fühlte sie sich besser. Die Unwissenheit schmerzt und legt sich wie eine Decke über das Selbstwertgefühl der Menschen. „Dann denken sie jedes mal, sie sind schuld, wenn etwas nicht klappt. Oder jemand anderes sie beschimpft“, sagt Mrva. Ihr kleines Selbstwertgefühl wird dann jedes Mal noch ein bisschen kleiner. Dabei kann jeder lesen und schreiben lernen, da ist sich Mrva sicher. Es braucht neben viel Übung nur Geduld und Zuversicht.

Lydia Wünsch

Die Lernwerkstatt findet jeden Freitag bei der Nachbarschaftshilfe am Ahornring 119 in Taufkirchen statt. Wer sich informieren möchte, erreicht Michael Mrva unter der Telefonnummer 0151/23332613. Es werde auch noch Ehrenamtliche gesucht, die gerne als Lernbegleiter tätig wären.

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