Ein wunderschöner und wichtiger Beruf, der kaum Wertschätzung erfährt

Die Leiterin einer ambulanten Kinderkrankenpflege in München über den Pflegenotstand

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Leo aus Unterhaching kann noch keine häusliche Pflege erhalten. Die Fachkräfte sind zu knapp. Der Kleine ist damit kein Einzelfall.

Unterhaching – Vor zehn Monaten kam der kleine Leo aus Unterhaching mit einem Herzfehler zur Welt. Derzeit ist er in einer Münchner Kinderklinik stationiert. Eigentlich könnte Leo mittlerweile zu Hause betreut werden, aber es gibt nicht genug Pflegepersonal, das ihn dort fachgerecht beaufsichtigen könnte. Leo ist ein Beispiel für den Pflegenotstand, der gerade im Bereich der Kinderkrankenpflege drastische Folgen hat. „Im Moment herrscht hier ein Chaos“, sagt die Pflegedienstleiterin und Geschäftsführerin der häuslichen Kinderkrankenpflege Götz, Katja Kuhlmann. 

Sie ist mit Leos Fall vertraut, seit sich seine Mutter an sie gewandt hat. „Ich mache den Job jetzt seit 23 Jahren. So etwas haben ich noch nicht erlebt“, sagt Kuhlmann. „Ich würde sofort zehn neue Mitarbeiter einstellen, wenn es die gäbe.“ Doch zur Zeit bekommt der ambulante Pflegedienst pro Halbjahr nur eine Bewerbung. „Es tut mir unendlich Leid, was gerade mit dem kleinen Leo passiert. So eine Situation hatten wir noch nie. 

Katja Kuhlmann von der häuslichen Kinderkrankenpflege Götz aus München könnte ein Buch über ihre Erfahrungen schreiben.

Wir haben einfach keinerlei Kapazität. Es ist schon schwierig mit den Kindern, die wir bereits betreuen“, so­­ ­Kuhlmann. Die Situation ist mittlerweile beängstigend. Zwei Mal musste bereits ein Intensiv-Kind, das von dem Pflegedienst betreut wird, nach Garmisch geflogen werden, weil es kein Bett in einer Münchner Klinik gab. Das Krankenhaus Schwabing hat eigentlich 15 Intensiv-Betten für Kinder. Durch das mangelnde Personal sind aber nur sechs offen. Und das in einer Großstadt wie München. „Die Lage hat sich seit zwei Jahren extrem verschlechtert“, sagt Kuhlmann. Gründe für den Notstand gibt es ihrer Meinung nach viele. 

Einer davon ist die Einführung der generalisierten Ausbildung vor ein paar Jahren. Für Kuhlmann eine Zäsur. „Davor wurden pro Kurs 30 Schüler zu reinen Kinderkrankenpflegern ausgebildet“, erklärt sie. Durch die generalisierte Ausbildung wird die Erwachsenen-, Alten- und Kinderkrankenpflege nun zusammengelegt. Dadurch fallen nur noch acht Plätze pro Kurs an die Kinderkrankenpflege. Also, selbst wenn mehr Menschen in die Kinderkrankenpflege gehen wollten, haben sie keine Chance, weil die Plätze fehlen. 

Zudem sind die Fachkräfte durch die Zusammenführung schlechter ausgebildet, da auf die spezifischen Bedürfnisse der Kinder nicht mehr so tief eingegangen werden kann. Die Kinderkrankenpflege stelle laut Kuhlmann ganz andere Anforderungen an die Pfleger und Schwestern als etwa die Erwachsenenkrankenpflege. Nicht nur, dass die Mengen an Medikamenten andere sind. Teilweise gebe es auch ganz andere Krankheitsbilder. Für Kinder brauche es zudem eine ganz spezielle Beobachtungsgabe, da sie nicht wie ein Erwachsener äußern können, wo es weh tut.

 „Man geht ja auch mit seinem Kind zum Kinderarzt und nicht etwa zu einem Internisten“, erklärt Kuhlmann. Auch Einfühlungsvermögen und Zeit sind gefragt. „Mit einem Kind muss man vorher ein bisschen reden, bis man ihm etwa eine Spritze gibt. Da ist man nicht wie bei einem Erwachsenen nach zehn Minuten wieder draußen.“ Ihrer Meinung nach könne maximal eine Grundausbildung zusammengelegt werden, dann aber brauche es, wie bei einem Arzt, eine Spezialisierung. Dass die Ausbildung „eine Katastrophe“ geworden ist, ist aber nur eines der vielen Probleme in der Kinderkrankenpflege. 

Es gebe auch ein großes gesellschaftliches Problem. „Wenn ich etwas in der Politik zu sagen hätte, würde ich für alle, die einen Schulabschluss gemacht haben, ein soziales Jahr einführen.“ Denn laut Kuhlmann fehlt es vor allem an sozialem Zusammenhalt in der Gesellschaft. Durch den Zivildienst seien früher viele Mitarbeiter auf den Pflegeberuf gekommen. Heute wissen junge Menschen oft nichts mit sich anzufangen, weil sie zu viele Möglichkeiten haben. „Ein Jahr Schafe züchten in Neuseeland klingt für viele spannender als sich zu Hause um kranke Menschen zu kümmern“, sagt Kuhlmann. Wertschätzung ist ihrer Meinung nach der Schlüssel für eine Veränderung. „Unsere Fachkräfte müssen gut ausgebildet sein, denn sie tragen eine hohe Verantwortung.“ 

Schließlich geht es bei diesem Beruf um Menschenleben. Um kleine Kinder, die an Schläuchen hängen, bei denen man keine falsche Bewegung machen darf. „Hier geht es nicht nur ums Waschen und Füttern. Ein Kind kommt manchmal mit 30 Infusionen gleichzeitig aus dem OP. Und in der ambulanten Pflege haben wir quasi Intensivstationen zu Hause.“ Im Ernstfall muss eine Krankenschwester ein Leben retten — und das alles für ein Nettogehalt von durchschnittlich 1800 Euro. Viele Krankenschwestern — die meisten sind nach wie vor Frauen — können sich nicht mal eine Zwei-Zimmer-Wohnung in München leisten.

 „Ich habe eine Bewerberin aus Regensburg, die seit einem Jahr zu mir kommen möchte, aber keine bezahlbare Wohnung hier findet“, klagt Kuhlmann. Wohnungsnot und schlechte Bezahlung. All diese Faktoren machen den Beruf für junge Leute unattraktiv. Verhandlungen mit Krankenkassen seien allerdings immer schwieriger. „Die Betriebskrankenkassen (BKK) unterstützen uns derzeit noch sehr gut. Aber es gib leider immer mehr Billiganbieter, die den Preis drücken“, so Kuhlmann. Mit einer AOK in Bayern könne Kuhlmann aus diesem Grund nicht mehr zusammenarbeiten. „Die sagen, wenn es um die Bezahlung geht, wortwörtlich zu mir: Wir wissen, dass Sie ein Mercedes sind, aber wir fahren lieber Golf.“ 

Qualität sei ihnen demnach in der Kinderkrankenpflege nicht das Wichtigste. Eine weiteres großes Problem in der Branche sind die Zeitarbeitsfirmen. Diese braucht es nach Meinung von Kuhlmann gar nicht. „Das ist ein völlig unnötiges Verprassen von Geld!“ Wenn Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen ihre Angestellten gut bezahlen würden, dann würden diese nicht zu Zeitarbeitsfirmen abwandern.Das Geld, das ein Krankenhaus für die Firma draufzahlt, sollte Kuhlmann zufolge direkt an die Krankenschwestern gehen, statt an einen „Zwischenhändler“. 

Das rechne sich am Ende auch für das Krankenhaus kaum. Viele würden aber aus Verzweiflung zu Mitarbeitern von Zeitarbeitsfirmen greifen, bevor sie gar kein Personal bekommen und ein weiteres Bett schließen müssen. Nicht nur finanziell würden Zeitarbeitsfirmen Krankenhäuser und ambulante Pflegeeinrichtungen regelrecht aushöhlen. Mitarbeiter von Zeitarbeitsfirmen müssen laut Kuhlmann auch keine Fortbildungen machen und sind demnach schlechter ausgebildet. Auch dass sie nur stundenweise in verschiedenen Einrichtungen eingesetzt werden, sieht Kuhlmann als Nachteil, da sie schlechter eingewiesen sind und keine Bindung zu ihrem Arbeitsplatz aufbauen. 

Eine Lösung könnte die Akademisierung des Berufes sein. Dadurch würde er finanziell aber auch sozial aufgewertet. „Ich war in New York und habe mir das System dort an der Columbia University anschaut. Das hat mir sehr gut gefallen.“ Auch eine eigene Pflegekammer hält Kuhlmann für ratsam. 

„Bisher ist es so, dass wir von den Ärzten regiert werden und auch die Staatsministerin für Gesundheit und Pflege, Melanie Huml, ist dagegen, dass wir eine eigene Kammer bekommen.“ Aber warum eigen­tlich? Schließlich könnten Krankenschwestern durch eine eigene Kammer besser für ihre Rechte einstehen. Das neue Pflegepersonal-Stärkungsgesetz sowie der 2020 eingeführte Pflegemindestlohn seien nur Tropfen auf dem heißen Stein. Zu lange sei davor nichts gemacht worden. Das sei ähnlich wie mit dem Klimaschutz. Das Problem müsse endlich an der Wurzel angepackt werden. 

Dafür brauche es einen Ruck in der Gesellschaft und das Bewusstsein, dass eines der reichsten Länder der Welt, die Pflicht hat, sich um seinen Nachwuchs zu kümmern. Denn wie Kuhlmann bestätigt: „Eigentlich ist es ein wunderschöner Beruf, in dem man so viel bewirken kann. Wir geben den Kindern und ihren Familien ein Stück Lebensqualität zurück. Ich möchte mir nicht ausmalen, was es für die Familien bedeuten würde, wenn es uns einmal nicht mehr geben sollte.“ 

Lydia Wünsch

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