Dort, wo es Vergangenheit zum Anfassen gibt

Im Heimatmuseum Unterhaching ist Archäologie hautnah erlebbar

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Cornelia Renner und Harald Nottmeyer vom Unterhachinger Heimatmuseum lösen Keramikstücke und Leichenbrand aus einem Erdblock.

Das Unterhachinger Heimatmuseum bietet derzeit Besuchern die Möglichkeit, bei archäologischen Arbeiten zuzusehen. Bei den Funden handelt es sich um 3000 Jahre alte Urnen.

„Nur keine Scheu, das ist nur Kalzium“, erklärt Harald Nottmeyer grinsend. Aber als Laie ist es im ersten Moment ein komisches, befremdliches Gefühl, 3000 Jahre alten Leichenbrand vor sich liegen zu haben. Da wird nur zögerlich das ein oder andere Stück in die Hand genommen und genauer betrachtet. Schließlich bleibt im Hinterkopf, dass die porösen Stücke einmal zu einem Mensch gehört haben. Nottmeyer wühlt dagegen ohne Hemmungen durch die Überreste: „Ich habe schon so viele Skelette in meinem Leben gesehen, das ist für mich ganz normal.“ Der Leiter des Heimatmuseums arbeitet als Erbermittler, war aber viele Jahre als Althistoriker und Archäologe tätig. Seit 2003 engagiert er sich ehrenamtlich für den Förderverein Unterhachinger Heimatmuseum.

Aber auch ihn lässt nicht jeder Fund kalt. „Ich war vor einigen Jahren bei einer Ausgrabung in Neuburg an der Donau dabei. Dort wurden im Lehmboden gut erhaltene Skelette gefunden. Es war die Leiche einer Schwangeren dabei, im Bauchraum konnte man die kleinen Knochen des Fötus erkennen. Und man sah im Gesicht eine Einschussstelle, vermutlich von einem Pfeil oder einer Armbrust“, erzählt Nottmeyer und fügt hinzu: „Das macht schon nachdenklich. Was ist dieser Frau passiert? Wieso wurde sie umgebracht?“ Er finde es wichtig, dass sich die Menschen mehr für die Vergangenheit interessieren. Denn aus ihr könne viel auch für die Konflikte der heutigen Zeit gelernt werden. 

Derzeit bietet das Heimatmuseum die Möglichkeit, Archäologie hautnah zu erleben. Am 8. September konnten Interessierte dabei zusehen, wie Nottmeyer zusammen mit der Archäologin Cornelia Renner 3000 Jahre alte Keramikgefässe und darin befindlichen Leichenbrand aus Erdblöcken befreiten. Die Blöcke wurden bereits 2002 bei Bauarbeiten in der Pater-Rupert-Mayer-Straße und in der Witney­straße gefunden. „Es kann sich immer verzögern, bis uns solche Funde zur Verfügung gestellt werden, weil erst die Besitzrechte geklärt werden müssen“, erklärt Nottmeyer. „Aber die Firma Schrobenhauser hat uns dankenswerter Weise die Blöcke überlassen.“ Es müsse sich um ein Urnenfeld, vermutlich aus der späten Bronzezeit, handeln, meint der Experte.

Der Leichenbrand wurde in Erdblöcken gefunden, die 2002 bei Bauarbeiten in Unterhaching zum Vorschein kamen.

Die sogenannte Urnenfeldkultur folgt auf die Hügelgräberkultur der mittleren Bronzezeit, in der noch überwiegend Körperbestattungen stattfanden. In der späten Bronzezeit etwas 1300 bis 800 vor Christus wurden die Leichen auf einem Scheiterhaufen verbrannt und der Leichenbrand dann in Urnen aus Keramik oder Bronze beigesetzt. „Oft wurden Beigaben wie Schmuck oder Schwerter mit in die Urne gegeben. Diese wurde dann mit einer Steinplatte oder später auch einem Deckel verschlossen“, erzählt Nottmeyer. Woran genau die Menschen damals glaubten, könne nicht belegt werden. „Aber es ist klar, dass sie die Vorstellung eines Jenseits hatten, sonst hätten sie keine Beigaben dazugelegt“, meint die Fachfrau Renner. Die Archäologin ist nun seit einem Jahr in Unterhaching und engagiert sich ebenso wie Nottmeyer ehrenamtlich für das Heimatmuseum. Außerdem kümmert sie sich derzeit für die Gemeinde um das Ortsarchiv. Mit Renner möchte der Förderverein nun vermehrt auch archäologische Projekte realisieren. Die Sonderaktion ist ein erster Versuch, den Bürgern das Fachgebiet näher zu bringen.

Arbeit mit Spachtel und Zahnbürste

Dass die Leidenschaft beider Experten der Archäologie gilt, ist spürbar, als sie gemeinsam einen der Erdblöcke bearbeiten. Neben Spachteln kommen auch handelsübliche Handzahnbürsten zum Einsatz, um vorsichtig Keramikteile und Leichenbrand aus der Erde herauszulösen. „Der Boden arbeitet über die Jahre“, erklärt Nottmeyer, deswegen seien die Urnen mit der Zeit zerdrückt worden. „Wir haben einmal den Fehler gemacht und einen Erdblock – nur ganz kurz – in Wasser gelegt. Da hat sich direkt das Keramik aufgelöst. Es ist sehr fragil, mehr als die Knochenstücke“, erzählt Renner während sie vorsichtig ein Stück der Urne freilegt. Mit ein bisschen Übung könnten auch Laien einfach erkennen, was Erde, Keramikstück und Leichenbrand ist, meint Renner. Und tatsächlich, nach kurzem Zusehen erkennt man auch ohne Erfahrung die Unterschiede. 

Da fragt Renner gleich scherzhaft nach: „Haben Sie nicht Interesse, dem Förderverein beizutreten?“ In der Tat suche der Verein immer nach neuen Mitgliedern, die Interesse an Geschichte haben und sich auch aktiv einbringen möchten. Derzeit habe der Verein 70 bis 80 Mitglieder, davon seien laut Renner aber nur acht bis zehn aktiv. „Wir können immer Hilfe gebrauchen!“ Vor allem durch das Engagement von Leiter Nottmeyer wurde das Heimatmuseum in seiner heutigen Form erst möglich gemacht. 

Interessierte können immer am zweiten und vierten Sonntag im Monat von 13.30 bis 16.30 Uhr die Dauerausstellung im Heimatmuseum an der Hauptstraße 51 besuchen. Sie zeigt die Geschichte Unterhachings von der Steinzeit bis in die Moderne. Zu sehen sind unter anderem seltenen Funden wie einer rund 5700 Jahre alten Kupferbeilklinge und verständliche Infotafeln. Und wer auch archäologische Luft schnuppern möchte, hat bei der nächsten Schauöffnung am 6. Oktober die Möglichkeit, den Experten bei der Arbeit zuzusehen und auf die Spuren der Vergangenheit zu gehen.

Iris Janda

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