Unspezifische Symptome medizinisch nicht erklärbar

Dr. Tobias Weinmann im Interview zum Thema Mobilfunkstrahlung

Dr. Tobias Weinmann arbeitet an der LMU im Institut und Poliklinik für Arbeits-,- Sozial- und Umweltmedizin.Im Interview beantwortet er Fragen um das Thema Mobilfunkstrahlung.
+
Dr. Tobias Weinmann arbeitet an der LMU im Institut und Poliklinik für Arbeits-,- Sozial- und Umweltmedizin.Im Interview beantwortet er Fragen um das Thema Mobilfunkstrahlung.

Sauerlach – Dr. Tobias Weinmann arbeitet an der LMU im Institut und Poliklinik für Arbeits-,- Sozial- und Umweltmedizin. Dort wurde 2006 mit der Studie „MobilEe“ an Kinder und Jugendlichen zwischen acht und 17 Jahren der Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlung und gesundheitlichen Beschwerden untersucht. Um die Strahlung zu messen, trugen die Probanden 24 Stunden ein Messgerät. Während des Zeitraums führten sie Tagebuch über ihr körperliches Befinden.

HALLO: Herr Dr. Weinmann, welche Erkenntnisse konnten Sie aus Ihrer Studie gewinnen?

Zum einen haben wir festgestellt, dass die Strahlenexposition, der die Probanden ausgesetzt waren, weit unter den gültigen Grenzwerten lag. Dieses Ergebnis ist typisch für solche Studien. Außerdem haben wir den Zusammenhang zwischen gemessener Exposition und angegebenen Beschwerden untersucht. Es konnte kein Zusammenhang festgestellt werden.

Kritiker bemängeln, dass die Regierung die Grenz­wertempfehlung der Kommission ICNIRP übernimmt, die sich angeblich von wirtschaftlichen Interessen beeinflussen lasse. Können Sie diesen Vorwurf nachvollziehen?

Die Grenzwerte basieren auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Die Einschätzungen dazu sind von verschiedenen Institutionen sehr ähnlich. Und selbst wenn die Grenzwerte gesenkt werden würden, wäre es immer noch unrealistisch, dass sich die Strahlung von Smartphones und Basisstationen nur ansatzweise in der Nähe dieser bewegen würde.

Falls die Grenzwerte doch überschritten werden würden, was wären die Folgen?

Dann würde man sogenannte thermische Wirkungen erwarten, die auf einer Störung der Wärmeregulation des Körpers beruhen. So ist beispielsweise bekannt, dass eine langanhaltende Überwärmung im Augenbereich die Entstehung von grauem Star begünstigt. Unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel und allgemeines Unwohlsein zählen jedoch nicht zu diesen thermischen Wirkungen und sind medizinisch nicht erklärbar.

Dennoch beklagen viele Bürger diese Beschwerden als Folge von Mobilfunkstrahlung. Wie ist das zu erklären?

In der „Quebeb“-Studie wurde 2007 dieses Phänomen untersucht. Es hat sich gezeigt, dass vermehrt die Bürger Beschwerden haben, die sich große Sorgen wegen Gefahren durch Mobilfunkstrahlung gemacht haben. Daher geht man nach aktuellem Forschungsstand davon aus, dass ein psychologischer Effekt eher eine Rolle für solche Symptome spielt. Das kann man sich auch gut vorstellen, dass so ein chronischer Stress zu den Symptomen führt. Aber dann ist die Ursache nicht der Sendemast, sondern die Sorge darüber.

Wieso bereitet das Thema so vielen Menschen Sorgen?

So etwas wie Strahlung ist schwierig, weil man es nicht sehen kann, es ist da, aber nicht greifbar. Außerdem fällt es Laien manchmal schwer nachzuvollziehen, warum Studien zur gleichen Fragen unterschiedliche Ergebnisse liefern. Für Forscher ist das normal, weil die Wissenschaft immer ein Ringen um Erkenntnis ist. Dass das dann für Verunsicherung sorgt, kann ich nachvollziehen.

Was sagen Sie zu den Vorwürfen, Experten von Bundesämtern wären nicht objektiv und würden Gefahren herunterspielen?

Da würde ich widersprechen. Ich erlebe das Landesamt für Umwelt als sehr seriös. Da würde ich dann eher Belege sehen wollen, dass da etwas vertuscht werden soll. Man kann Behörden kritisch hinterfragen, aber wer das Gesamtbild ansieht, die unabhängige Forschung an den Universitäten, die Bundesämter und die WHO, dann überschneidet sich das deutlich.

Aber es gibt auch Studien, die gegenteilige Ergebnisse liefern ...

Ich weiß, dass es pseudowissenschaftliche Versuche gibt, die dazu neigen, Zusammenhänge zu erkennen. Das ist ein Phänomen, das vor allem im Internet existiert. Damit will ich nicht sagen, dass jede Studie dieser Art zwangsläufig unseriös ist. Aber ich empfehle die Einschätzungen offizieller Stellen. Man kann Experten hinterfragen, aber sollte nicht in Verschwörungsglauben abdriften.

Wenn die Strahlung ungefährlich ist, warum gibt es dann auch von offiziellen Behörden Empfehlungen, das Smartphone wenig am Körper zu tragen oder nachts auszuschalten?

Die Exposition ist beim persönlichen Telefonieren deutlich größer als von Funkmasten. Durch solche Maßnahmen kann man sie verringern. Das bedeutet nach jetzigem Stand der Wissenschaft aber nicht, dass ich zwingend krank werden muss, wenn ich diese Maßnahmen nicht treffe. Auch ohne bleibt man immer deutlich unter den Grenzwerten. Das kann, wer möchte, präventiv machen.

Wieso sollte man präventiv tätig werden?

Was man sagen muss: Mobilfunk gibt es im Vergleich zu anderen Techniken noch nicht lange. Wir können noch nicht verlässlich sagen, was passiert, wenn man von Kindesalter bis in die Rente intensiv telefoniert. So lange gibt es die Technik einfach noch nicht. Es könnte sein, dass man erst eine gewisse Wirkungsschwelle braucht. Ob es die gibt, kann man bis jetzt nicht beantworten.

Sie als Fachmann telefonieren gerade selbst mit mir mit Ihrem Mobiltelefon. Wenn das nicht der beste Beweis dafür ist, dass man den Grenzwerten trauen kann ...

(lacht) Ja, den Werten ist zu vertrauen. Und ganz abgesehen davon wüsste ich nicht, ob sich das Nutzungsmuster wirklich ändern würde, wenn man deutlichere Hinweise auf Gesundheitsschäden hätte.

Interview: Iris Janda

Weitere Nachrichten aus der Region finden Sie in unserer Übersicht.

Besuchen Sie HALLO auch auf Facebook.

Auch interessant:

Meistgelesen

Schüsse im Landschaftspark
Schüsse im Landschaftspark
Unterhachinger Tanzschule fordert in der Corona-Krise zum Tanz auf
Unterhachinger Tanzschule fordert in der Corona-Krise zum Tanz auf

Kommentare