Der großen Traurigkeit eine Farbe geben

Dokumentarfilm von Schülern des Lise-Meitner-Gymnasium Unterhaching feiert Premiere

+
Das Gefühl, mit ihrer Krankheit allein gelassen zu sein, haben viele Jugendliche.

Angst, Prüfungsstress, Schlaflosigkeit — Jugendliche sind heutzutage einem großen Druck ausgesetzt. Doch gesprochen wird darüber kaum. Das wollen sechs Abiturienten aus Unterhaching ändern. Mit ihrem Dokumentarfilm „Grau ist keine Farbe“ geben sie dem Thema Depression bei Jugendlichen ein Gesicht. 

Das Dokumentardrama „Grau ist keine Farbe“ handelt von drei 16-­ bis 18-jährigen Jugendlichen, die an einer Depression erkrankt sind. Hauptfigur Anna leidet an Schulangst, kann dem Druck nicht standhalten, sie isoliert sich immer mehr und redet kaum noch mit ihren Eltern. Einen Großteil des Tages verbringt sie in der virtuellen Welt-­ auf sozialen Medien.

Sabine kommt aus einem ärmeren und sozial schwachen Elternhaus. Die Mutter ist kaum anwesend, der Vater attackiert sie regelmäßig lautstark und wird körperlich aggressiv. Christian, ein homosexueller Junge, wird in der Gesellschaft kaum wahrgenommen, verfällt immer mehr dem Alkohol. Er bekommt keine Hilfe von außen und verliert sein Selbstbewusstsein soweit, dass er anfängt, seinen eigenen Suizid zu planen. Anna will diese Option nicht wählen und lässt sich in eine psychiatrische Klinik einweisen, kann jedoch nicht stationär behandelt werden, da die Kapazitäten nicht ausreichen. Sie wird abgewiesen und steht ohne Hilfe da. Alles Einzelschicksale? Später im Film werden sie alle zusammenlaufen und zeigen, dass Gesellschaft, Umwelt und psychische Erkrankungen miteinander zusammenhängen.

Um den Betroffenen eine Stimme zu geben, hat ein Team von sechs Abiturienten vom Lise- Meitner-Gymnasium vor über einem Jahr die Recherche zur Depression bei Jugendlichen gestartet. Dabei fanden sie heraus, dass es auch an ihrer eigenen Schule viele Betroffene gibt. Das Ergebnis der Recherche ist ein sechzigminütiges Dokumentardrama, das teils schauspielerische Szenen enthält, die durch Interviewaussagen von Betroffenen und Experten gestützt werden — eine kinematisch-­dokumentarische Mischung. Im kinematischen Teil vermitteln professionelle Schauspieler die Gefühlswelt der Depressiven. Nach über fünfmonatiger Vorrecherche, der Analyse von Fachliteratur und schlaflosen Nächten in Bibliotheken, haben die sechs Schüler den dokumentarischen Teil des Films produziert. Unterstützt wurden sie unter anderem von Professoren der Jugendpsychiatrie, der Universitätsklinik und des Max-­Planck-­Instituts.

„Am Wichtigsten waren jedoch die Aussagen der Jugendlichen“, sagen die Filmemacher. Im Film berichten Schüler aus dem Alltag und dem Kampf gegen die Depression, ihren Aufenthalt in Kliniken, ihre Zusammenbrüche und Momente, in denen Freunde, Bekannte, Ärzte, Lehrer und schlussendlich auch die Gesellschaft versagten. Peter Zehentner, der Leiter des Kriseninterventionsteams, beschreibt im Film emotional wie es ist, wenn er im Krankenwagen sitzt, das Schlagwort Depression hört — und sofort vom Schlimmsten ausgehen muss. Gedreht wurde in der Innenstadt, in verlassenen Häusern, im Moor und selbst unter Wasser. Der Aufwand für diesen Film übersteige jedes andere Projekt, das die engagierte Jugendlichen bisher verwirklicht haben.

Seit über fünf Jahren machen Paul Schweller, Leon Golz, Alexander Spöri, Luca Zug, Colin Maidment und Vitus Rabe bereits zusammen Filme. Mittlerweile haben sie die Produktionsfirma MovieJam gegründet. Für ihren Film „Unvergessen“, haben sie 2018 den Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung verliehen bekommen. Der Film handelt von den jungen Menschen, die 2016 bei dem Amoklauf am Olympiaeinkaufszentrum ermordet wurden. Beim Dreh haben sich die jungen Filmemacher bewusst dafür entschieden, den Blick auf die Opfer und nicht auf den Täter zu legen — in der Medienlandschaft ein eher unübliches und sehr innovatives Vorgehen.

Doch nur beim Filmedrehen wollen die 17- bis 18-jährigen Filmemacher es nicht belassen. Gerade haben sie eine Petition beim Landtag eingereicht, in der sie mehr Aufklärung an bayerischen Schulen fordern. „An deutschen Schulen gibt es Kurse über Verkehrssicherheit, über Alkohol, HIV und Verhütung, es gibt selbst einen Tag der Zahngesundheit, doch über Stresserkrankungen — wie die Depression —­ gibt es gar keine Aufklärung oder niederschwellige Hilfsangebote“.

lw

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Kommentare