Der Ersthelfer ist das wichtigste Glied in der Rettungskette

BRK Deisenhofen zeigt in kostenlosem Kurs Anwendung von Defibrillatoren

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An Dummys konnten die Teilnehmer die Reanimation üben.

Hektisch aufgescheuchte Krankenschwestern, nervöse Rufe – „Aufladen“, „Alle weg!“ – und ein lebloser Körper, der zuckt und scheinbar einige Zentimeter vom Patientenbett abhebt – Defibrillatoren kennen viele wohl nur aus Filmen und Krankenhausserien. Bei diesen dramatischen Bildern ist es kein Wunder, dass Ersthelfer sich davor scheuen, im Notfall das Gerät zu verwenden. „Berührungsängste überwinden“, darum ging es deshalb beim Wiederbelebungskurs des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) Deisenhofen, wie Renate Müller erklärt.

Die medizinische Fachangestellte aus Oberhaching hat zusammen mit einer Kollegin und dem Internisten Dr. Michael Sellier 2007 die Aktion „Leben retten in Oberhaching – Defibrillatoren im öffentlichen Raum“ gestartet. Dank ihres Engagements und der bereitwilligen Unterstützung der Gemeinde gibt es aktuell 13 Defibrillatoren-Standorte in Oberhaching, sechs davon im Außenbereich und damit immer zugänglich. Außerdem unterstützt das BRK Deisenhofen die Aktion, indem es mehrmals im Jahr kostenlose Kurse veranstaltet (der nächste am 24. Oktober), in denen der Umgang mit den Geräten erklärt wird.

17 Interessierte fanden sich trotz hoher Temperaturen im Rot-Kreuz-Haus ein, um mehr über die Defibrillatoren zu erfahren. „Es stehen Getränke bereit, damit wir heute nicht wirklich wiederbeleben müssen“, erklärte der ehrenamtliche Kursleiter Andreas Heckenstaller mit einem Augenzwinkern. Der Großteil der Teilnehmer wollte sein Erste-Hilfe-Wissen wieder auffrischen. „Die meisten Jugendlichen machen den Kurs vor dem Führerschein nur, um die Bescheinigung zu bekommen“, meinte Heckenstaller bedauernd. Der eigentliche Sinn der Sache, im Ernstfall helfen zu können, stehe bei den wenigsten im Fokus.

Bevor die Teilnehmer praktisch an den vorbereiteten Dummys üben konnten, gab es zunächst die Theorie. Und da wurde es gleich ernst: „Die Zeit ist bei einem Herzinfarkt ein unersetzbarer Faktor. Die Überlebenschancen sinken pro Minute um zehn Prozent“, verdeutlicht der Ehrenamtliche. Jährlich sterben über 100.000 Menschen in Deutschland an einem plötzlichen Herztod. Mit einer Herz-Lungen-Wiederbelebung könne die Chance auf Überleben um 60 Prozent gesteigert werden. „Der Ersthelfer ist deshalb das wichtigste Glied in der Rettungskette.“ Mit Bildern wie aus eingangs genannten Filmszenen räumte der Experte direkt auf. Damit habe der echte Einsatz nichts zu tun. „Man muss keine Angst haben, man kann mit dem Gerät nichts falsch machen oder den Zustand verschlimmern. Man kann nur Dinge verbessern“, betonte Heckenstaller, aber „man muss wissen, was der Defibrillator kann und was er nicht kann.“

Was er nicht kann, ist die Herz-Lungen-Wiederbelebung ersetzen. Noch wichtiger als die Beatmung sei das Pumpen, wie der Fachmann erklärte. 30 Mal den Brustkorb komprimieren in einer 100ter-Frequenz, danach zweimal beatmen, dann wieder 30 Mal pumpen, ... so lange, bis der Rettungsdienst kommt. Zwischendurch müsse eine weitere Person den Defibrillator holen – allerdings nur, wenn er in zirka zehn Minuten zu erreichen ist. „Es ist ein Irrglaube, dass der Defibrillator dann die Herz-Lungen-Wiederbelebung übernimmt“, macht Heckenstaller deutlich. Gepumpt und beamtet werden müsse weiterhin, der Elektroschock des Geräts unterbreche lediglich ein Kammerflimmern oder eine Rhythmusstörung. Für die richtige Frequenz könne man nach dem Takt von Bee Gees „Staying alive“ gehen. Außerdem sehr hilfreich: Der Defibrillator gibt nicht nur Elek­troschocks ab, sondern führt den Ersthelfer auch per Sprachanleitung durch die Reanimation. 

Wie einfach es funktioniert, konnten die Teilnehmer nach dem Vortrag selbst an zwei Dummys testen. Dazu fand jeder vorab eine Übungsmaske auf seinem Stuhl, die dann mit einem Plastikschutz an der Puppe angebracht wurde. Während ein Zweierteam übte, schauten andere Teilnehmer zu. Diese Vorführsituation ließ direkt etwas Nervosität aufkommen – und sorgte damit für etwa Realbedingungen. Schnell zeigte sich, dass unter Druck auch die naheliegendsten Dinge leicht vergessen sind. Ansprechen, Atem testen, jemanden um Hilfe bitten, die richtige Position auf dem Brustkorb finden, achso, auf keinen Fall vergessen, jemanden den Notruf wählen lassen, dann Kopf überstrecken, Nase oder Mund zuhalten, beatmen ... Nachdem sich die Zusammenarbeit mit dem Ersthelfer-Partner erst einmal eingependelt hatte, saß die Reihenfolge der Schritte. Was dann langsam schwand, waren die Kräfte. „Die Kraft muss aus den Schultern kommen und die Arme müssen durchgestreckt sein“, erklärt eine Helferin des BRK.

Sehr viel einfacher war der Einsatz des Defibrillators: Zwei Elektroden diagonal von rechter Schulter zu linkem Unterbauch anbringen und Anweisungen befolgen. Danach sofort weiter pumpen. Dass das Gerät durch die Reanimation führt, ist in der Situation eine angenehme Erleichterung. Wenn die Teilnehmer eins mitnehmen sollten, dann, dass nichts tun der größte Fehler ist. Beim Aufräumen des Kursraums erzählt Initiatorin Müller noch, wie vor ein paar Jahren bereits einmal in der Kyberghalle dank eines Defibrillators ein Leben gerettet werden konnte. „Und allein dafür hat sich das Projekt schon gelohnt.“

Iris Janda  

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