„Es geht uns nicht um die Schikane von Autofahrern“

ADFC in Oberhaching fordert Tempo 70

+
Wenn Radfahrer auf der Straße zwischen Oberhaching und Großdingharting unterwegs sind, ist ein Pkw-Begegnungsverkehr kaum möglich.

Es gibt Momente, da können 32 Sekunden entscheidend sein. Beim 100-Meter-Lauf etwa sind selbst Hundertstel Sekunden bedeutend. Ebenso beim Motorsport. Und bei Rettungseinsätzen entscheiden Sekunden oft über Leben und Tod. Auch im Alltag können 32 Sekunden manchmal den Unterschied ausmachen, zum Beispiel, wenn der Pendler genau diese halbe Minute zu spät am Zug ankommt. In der Regel aber fällt eine verlorene halbe Minute im Alltagsgeschehen wenig ins Gewicht. Dass auf der Gemeindeverbindung zwischen Oberhaching und Großdingharting für eine Zeitersparnis von 32 Sekunden das Unfallrisiko erhöht wurde, erscheint daher unverhältnismäßig.

Konkret geht es um den zwei Kilometer langen Abschnitt zwischen der Einmündung der Römerstraße nach Straßlach und dem Ortseingang Ödenpullach, dort sind seit 18. März dieses Jahres 100 Stundenkilometer zulässig. Diese Erhöhung von zuvor Tempo 70 auf 100 beruht auf einem Beschluss des Umwelt- und Verkehrsausschusses vom 27. November 2018. Weil es sich um eine Ortsverbindungsstraße handelt, sind die Gemeinden Straßlach-Dingharting und Oberhaching für das Tempolimit zuständig. „Man könne dem Autofahrer nicht zumuten, dort langsamer zu fahren, weil die Straße doch gerade ist“ – das ist laut Hartmut Schüler die Begründung für den Beschluss. Er ist Landkreisbeauftragter des ADFC Kreisverbandes München und setzt sich mit seinem Verein schon seit 2010 dafür ein, dass auf besagter Gemeindeverbindungsstraße ein Tempolimit von 70 Stundenkilometern eingeführt wird.

Für eine solche Tempobegrenzung sprach sich nicht nur die Polizeidienststelle Unterhaching in einer Stellungnahme von September 2017 aus, sondern sogar ein Verein, der sich eigentlich für die Belange der Autofahrer einsetzt. 2018 schlossen sich ADFC und ADAC zusammen und forderten nach einer Ortsbesichtigung in einer gemeinsamen Stellungnahme eine saisonale Tempobegrenzung für die Sommermonate. Denn gerade an Wochenenden und am Abend im Sommer werde die Strecke von Radfahrern stark frequentiert.

Schilder mit dem Hinweis „Achtung Radfahrer“ können zusätzlich aufgestellt werden. Hintergrund dieser Erklärung war große Kritik, die dem Automobilclub seitens Presse und Öffentlichkeit entgegenkam. Denn der ADAC hatte nach Bitte des Oberhachinger Gemeinderats Martin Schmid zunächst in einer Stellungsnahme vorgeschlagen, nicht die Tempo 70 Begrenzung einzuführen, sondern nur Schilder mit dem Hinweis „Achtung Radfahrer“ aufzustellen. Auf diese Empfehlung hin wurde im Oberhachinger Ausschuss beschlossen, die Tempobegrenzung partiell wieder aufzuheben. Wie der Automobil-Club später erklärte, kannte er dazu aber nicht das State­ment der Polizei.

Diese sieht allein schon wegen des Begegnungsverkehrs zweier Pkws Tempo 100 kritisch, da die Fahrbahn nur fünf Meter breit sei. Wenn dazu noch zwei Fahrradfahrer die Strecke nutzen, sei ein Begegnungsverkehr der Autos schlichtweg nicht möglich. „Verkehrsrechtliche Anordnungen sind eine amtliche Geschichte und haben eigentlich mit Parteipolitik gar nichts zu tun“, erklärt Schüler bestimmt. Deshalb erscheint es ihm, ebenso wie dem ADAC, befremdlich, dass nicht die örtliche Verkehrsbehörde, sondern Gemeinderatsmitglieder in Oberhaching über Fragen von Sicherheit und Leichtigkeit des Straßenverkehrs entscheiden. Gerade bei älteren Autofahrern lasse die Reaktionsfähigkeit nach, erklärt Schüler. Außerdem beschränke der Hell/Dunkel-Effekt in dem Waldabschnitt die Sicht, sodass bei Tempo 100 einem Unfall nicht mehr ausgewichen werden könne.

 Laut Schülers Berechnungen liegt der Anhalteweg auf dem Abschnitt bei trockener Straße mit Tempo 70 bei 70 Metern, mit Tempo 100 ist er mit 130 Metern fast doppelt so lang. Nach Angaben der Polizeidienststelle Unterhaching gab es in letzter Zeit keine Unfälle mit Radfahrern auf dem Abschnitt. Wie aus dem Unfallatlas des Statistischen Bundesamtes hervorgeht, ereignete sich 2018 ein Unfall mit PKW- und Radfahrerbeteiligung auf der Strecke. Der ADFC-Beauftragte kam selbst erst vor wenigen Wochen auf der Strecke in eine brenzlige Situation. Ein entgegenkommendes Auto startete ein Überholmanöver und kam gefährlich nah an ihn heran. Kurzerhand fuhr Schüler ins Bankett neben der Straße. Das hätte auch ganz anders ausgehen können, verdeutlicht er: „Wenn zum Beispiel ein Kind in eine solche Situation kommt, weiß man nicht, wie es reagieren soll.“

Der ADFC lasse nun regelmäßig dem Bürgermeister Erfahrungsberichte über Vorfälle auf der Strecke zukommen. „Es geht hier ja nicht um die Schikane von Autofahrern“, betont Schüler. Er halte es für unverantwortlich, dass Autos auf der Strecke überhaupt mit 100 Stundenkilometern durchfahren: „Wer dort mit 100 durchdonnert, hat sowieso einen an der Waffel!“ Bereits im Jahr 2015 wurde beim Deutschen Verkehrsgerichtstag dafür plädiert, generell in Deutschland die Höchstgeschwindigkeit auf Landstraßen auf 80 km/h herabzusenken. Gerade schmale Straßen mit sechs Metern Breite oder weniger seien für Tempo 100 überhaupt nicht gebaut, argumentierte der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR). Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts von Anfang Juli kamen 2018 57 Prozent der Verkehrstoten auf Landstraßen ums Leben. Ein niedrigere Höchstgeschwindigkeit wäre daher für alle Verkehrsteilnehmer sinnvoll.

Iris Janda

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Oberhaching: Ein Grabraub beschämt den Ort
Oberhaching: Ein Grabraub beschämt den Ort
Unterhaching: Fahrerflucht nach schwerem Unfall mit Motorrad
Unterhaching: Fahrerflucht nach schwerem Unfall mit Motorrad
Taufkirchen: SPD will Hohenbrunner Weg als Anliegerstraße testen
Taufkirchen: SPD will Hohenbrunner Weg als Anliegerstraße testen

Kommentare