Malunterricht auf Schienen

Gleis-Genies: So kreativ werden Münchner U- und S-Bahnen genutzt

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Wer Philipp Mulfinger (34, rechts) in der U-Bahn begegnet, darf sich nicht wundern, wenn der Neuhauser Künstler Stift und Zeichenblock zückt und loslegt. Seine Erfahrungen möchte er jetzt an andere Menschen weitergeben.

München - Es gibt nichts langatmigeres als eine öde U-Bahn-Fahrt? Von wegen: Kreative Köpfe machen die Öffentlichen mit ihren Aktionen zu Hotspots

Wer Philipp Mulfinger (34) in der U-Bahn begegnet, darf sich nicht wundern, wenn der Neuhauser Künstler Stift und Zeichenblock zückt und loslegt. „Ich zeichne seit acht Jahren in der U-Bahn“, sagt er. Zuerst, weil er kein eigenes Atelier hatte. Und dann, weil er sich dadurch inspiriert fühlte. „Indem man seine Mitmenschen beobachtet und portraitiert, bekommt man ein viel besseres Gefühl für sie.“ Diese Erfahrung möchte er gerne weitergeben. Deshalb veranstaltet Mulfinger, alias Phil Splash, neben diversen Volkshochschulkursen am Samstag, 16. Juni, seinen ersten U-Bahn-Zeichenkurs unter dem Titel „Subway Sketching“. „Der Kurs dient dazu, unsere alltägliche urbane Welt auf eine neue Art und Weise zu sehen“, sagt er. Außerdem sei Zeichnen eine „kreative Offline-Alternative zum übermäßigen Smartphone-Surfen“, so der Künstler, der sich schon vor Jahren ein ehrgeiziges Ziel gesetzt hat: Der „Millionen-Maler“ möchte möglichst alle Münchner portraitieren. „38 000 habe ich schon gezeichnet, viele davon in der U-Bahn.“ Am 16. Juni sollen wieder einige Gesichter dazukommen.

Der Neuhauser ist nicht der Einzige, der die Münchner S- und U-Bahnen zu Kultur- und Begegnungsorten umfunktioniert. Veranstaltungen gibt es häufiger als erwartet, deshalb überarbeitet die Münchner Verkehrsgesellschaft derzeit ihr Genehmigungskonzept, wie Sprecher Matthias Korte mitteilt: Vom Flirtkurs in der U-Bahn über einen Schuhplattler-Flashmob in der S-Bahn bis zum rollenden Tischtennis-Turnier. ul

Eine besondere Herausforderung: Turnier mit Fahrtwind

Bei „Table Tennis meets Tube“ lieferten sich Sportler spannende Partien im Untergrund. Um in der U-Bahn überhaupt spielen zu können, musste das Turnier auf Mini-Platten ausgetragen werden.

Eine U-Bahn, 16 Tische und 64 Wettkämpfer zwischen 17 und 74 Jahren: Im April hat der Bayerische Tischtennisverband (BTTV) zum zweiten Mal ein ganz besonderes Turnier ausgerichtet – „Table Tennis meets Tube“. Drei Stunden lang fuhren die Sportler – darunter auch Weltklassespieler und Paralympics-Teilnehmer – auf einer Spezialroute durch den Münchner Untergrund. Um in der extra gecharterten U-Bahn überhaupt spielen zu können, musste das Turnier auf Mini-Platten ausgetragen werden. „Das ist schon schwierig. Aber dass die U-Bahn sich dann auch noch bewegt, ist eine echte Herausforderung“, sagt BTTV-Geschäftsführer Carsten Matthias.

Bei Stopps, etwa an der Münchner Freiheit oder am Klinikum Großhadern, durften auch „normale“ Fahrgäste an die Schläger. „Natürlich geht es uns bei dem Turnier auch um Aufmerksamkeit, um neue Mitglieder für unsere Vereine zu gewinnen“, so Matthias. 55 000 gebe es davon derzeit im Freistaat. „Aber jedes Jahr wird es rund ein Prozent weniger.“ Eine Wiederholung des Untergrund-Turniers ist darum so gut wie sicher. rea

Plattl-Flashmob

Grund für den Flashmob: Die Band brauchte ein Video zum Plattl-Song und liebt Spontanaktionen.

S2 von Erding nach München: Plötzlich stehen einige Musiker und Trachtler auf und ab geht’s. Die Band „DeSchoWieda“ spielt ihren Mundart-Hit „Schuaplattla“, Mitglieder der Jungbauernschaft Alten­erding platteln dazu und die Fahrgäste im Zug haben ihren Spaß. „Keiner ist mehr ausgestiegen“, erzählt Gitarrist und Sänger Maximilian Kronseder. Grund für den Flashmob: Die Band brauchte ein Video zum Plattl-Song und liebt Spontanaktionen. „Es gibt schon weitere Ideen, die sind aber noch streng geheim...“ ul

Unten ohne

Wer sich dem "No Pants Subway Ride" anschließt, dem sollte es nicht an Mut mangeln - und: wenig Kälteempfinden ist empfehlenswert.

Mumm und wenig Kälteempfinden braucht man, wenn man sich wie viele Münchner einen Spaß beim „No Pants Subway Ride“-Tag machen will, indem man ohne Hose U-Bahn fährt. Die Aktion fand heuer schon zum siebten Mal in der Landeshauptstadt statt und zwar Anfang Januar. Nicht nur in München, sondern in Großstädten weltweit, lassen die Menschen zu diesem Anlass die Hüllen fallen. Erfunden wurde die ulkige Aktion 2002 in New York von einem Agenturleiter. laf

Der Untergrund: Perfekter Ort für Flirtkurse

Susanne Plassmann veranstaltet Flirtkurse in der U-Bahn.

Tiefe Blicke, ein schüchternes Lächeln, eine Telefonnummer oder eine Abfuhr – das alles ergattern oder riskieren die Teilnehmer von Flirtkursen, die Susanne Plassmann veranstaltet, in der U-Bahn. Die Flirt- und Präsentationstrainerin schickt seit Jahren immer wieder einzelne Teilnehmer in die U-Bahn. Denn: „Die U-Bahn ist ein perfekter Ort, weil man schnell die Notbremse ziehen kann“, sagt die 44-Jährige aus Giesing. Zumindest flirttechnisch geht das – manche steigen nach einer Station gleich wieder aus, wenn das Herzklopfen zu groß ist. 

Die große Liebe hat in der U-Bahn allerdings noch keiner der Flirt-Studenten gefunden – dafür aber in der Bahn. „Da ist die Fahrt länger und man hat mehr Zeit“, sagt Plassmann. So ist es einem Pärchen ergangen, das inzwischen verheiratet ist und ein Kind hat: Sie fanden sich im Zug, führten ein intensives Gespräch und stiegen beide aus. Das Schöne: „Beide haben unabhängig voneinander über die Arbeitgeber den anderen ausfindig gemacht und unter einem Vorwand kontaktiert“, erzählt die Flirt­expertin und gibt noch einen Tipp für die Brautschau in der U-Bahn: „Abends oder nachmittags funktioniert das viel besser als morgens, wenn die Menschen in Eile sind.“ hki

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