Friedhofsführer Florian Scheungraber

Grab-Geschichte(n)

Von Mutigen, Schwindlern und großen Denkern – Florian Scheungraber führt zu Ruhestätten der schillerndsten Persönlichkeiten des 452 Jahre alten Gottesackers

Friedlich liegen die Gräber auf dem Alten Südfriedhof. Doch Florian Scheungraber erweckt sie zum Leben. Seit fast zehn Jahren entlockt der gelernte Steinmetz den Denkmälern ihre Geheimnisse, gibt Münchner Geschichte(n) in seinen Führungen preis. Er spricht davon, dass der Maler Professor Schleich einen unehelichen Sohn mit einer Hutmacherin hatte und seine eigene Schwester erst bei seiner Testamentseröffnung davon erfuhr. Und er erzählt, wie als Eisbären und Eskimos verkleidete Künstler im „Kolosseum“ bei einer Faschingsfeier jämmerlich verbrannten. Eines ist den Begrabenen in den einst über 20 000 Gräbern und Grüften im Alten Südfriedhof gemein: Sie haben einen der heiß begehrten Ruhestätten erhalten. „Früher standen die Leute Schlange für einen Grabstein“, sagt Scheungraber.

Erst mit der Eröffnung des Alten Nordfriedhofs verlor der älteste Zentralfriedhof Münchens, der zwischen 1789 und 1886 die einzige Begräbnisstätte der Stadt war, seine Exklusivität. Welche bekannten Persönlichkeiten auf dem 452 Jahre alten Südfriedhof zur letzten Ruhe gebettet wurden und was deren Grabsteine über ihr Leben verraten, erzählt der Auer Friedhofsführer im Portrait – von A bis Z. Daniela Schmitt

Die nächsten Führungen finden am Samstag, 26. Dezember, und am Freitag, 1. Januar, statt. Treffpunkt ist um 14 Uhr am Stephansplatz. Anmeldung unter 0173/530 58 90. Weitere Termine werden auf www.florian-scheungraber.debekannt gegeben.

Friedhofsführer Florian Scheungraber (56) von A bis Z

Apothekerfläschchen: Einer der prägnantesten Grabsteine auf dem Alten Südfriedhof erinnert an den gelernten Beruf des Malers Carl Spitzweg. Wie von seinem Vater gewünscht, machte er eine Ausbildung zum Apotheker in der Königlich-Bayerischen Hofapotheke in München. 1833 brach Spitzweg seine Apotheker-Laufbahn ab und widmete sich ganz der Malerei. Spitzweg starb 1885 in München. Nach dem Krieg wurde das verschwundene Original- durch ein Ersatz-Denkmal in Form eines Apothekerfläschchens ersetzt.

Billige Plätze: Der Friedhof ist in 42 Sektionen aufgeteilt. Die günstigeren Gräber befinden sich jeweils in der Mitte der Sektionen. Zum Weg hin werden die Gräber teurer. Reiche und bekannte Persönlichkeiten ruhen auch unter den Arkaden im alten sowie auch im neuen Teil – wie Baumeister Klenze.

Cholera: Die Cholera-Epidemie brachte den Friedhof 1836/37 an die Grenze der Auslastung. Der neue Teil wurde 1844 bis 1850 angelegt.

Dix: Galgenhumor auf dem Grabstein von Karl Dix, Herausgeber des Satireblatts „Münchener Punsch“: „Hier liegt mein Leib im Würmerhaus, gedenk es bleibt auch Dir nicht aus, geh nicht vorbei und bet für mich, die Reihe kommt einst auch an dich.“

Ellen Ammann hat ein großes Kreuz verdient: Die gebürtige Schwedin war die Begründerin der Bahnhofsmission.

Filialfriedhöfe: Früher wurden die Toten auf Friedhöfen in der Stadt begraben. 1789 erließ Kurfürst Karl Theodor das Edikt, dass außerhalb der Stadtmauern bestattet werden muss. Im Nachhinein wurden viele Denkmäler nach außen verlegt – auch das des Hofbildhauers Johann Baptist Straub, dessen Grabmal sich am Eingang des Alten Südfriedhofs befindet. Er wurde ursprünglich im Filialfriedhof von St. Peter bei der Allerheiligen-Hofkirche bestattet.

Großeltern meiner Eltern sind auch auf dem Friedhof, neuer Teil, begraben. Mein Ur-Opa war ein städtischer Bürodiener.

Höchstes Denkmal war ursprünglich das des französischen Generals Louis Bastoul. Er wurde bei der Schlacht von Hohenlinden so schwer verletzt, dass er in seinem geliebten München seinen Verletzungen erlag. Ursprünglich zierte sein Grab eine hohe Pyramide, die im Krieg zertrümmert wurde. Die Besonderheit ist, dass die Daten auf seinem Grabstein einen der wenigen Hinweise auf die Französische Republik geben – in der Zeitrechnung hatte die Woche zehn Tage. Heute ist das höchste Denkmal im alten Teil die Säule (Foto) von Friedrich Bürklein, Architekt des Maximilianeums.

In einem Grab liegen der Landschaftsmaler Carl Rottmann und Friedrich Ludwig von Sckell, Erbauer des Englischen Gartens, weil Rottmann eine Sckell geheiratet hat.

Japan: Philipp Franz von Siebold war einer der bedeutendsten europäischen Japanforscher seiner Zeit. Sein asiatisch anmutender Grabstein trägt den Verdiensten des Arztes Rechnung. Er führte verschiedene asiatische Gewächse nach Deutschland ein, darunter verschiedene Hortensien.

Kobell: Der „Altmeister der bairischen und pfälzischen Mundartdichtung“ Franz Kobell hat als einer der wenigen zwei Denkmäler: ein Eisenkreuz als Ersatzdenkmal nach dem Krieg und die original Gedenktafel des Vaters des „Brandner Kaspar“ – ein Pfälzer hat sie auf dem Alten Südfriedhof in den Nachkriegswirren gefunden. Die Erben haben sie vor einigen Jahren nach dem Tod des Finders in dessen Nachlass entdeckt – und dem Friedhof vermacht.

Lapidarium: Die ehemalige Aussegnungshalle des Alten Südfriedhofs wurde 2009 zu einem Lapidarium umgebaut, in dem alte Grab-Skulpturen ausgestellt sind.

Meißner Granit und edelste Marmore sind Materialien, aus dem die Grabsteine der gut betuchten Verstorbenen gefertigt sind. Ein beliebtes Material: „Pollinger Tuff“ aus dem Lech-Gebiet. Mit dem Aufkommen der Eisenbahn hat man zunehmend Schwarz-Schwedisch-Syenit, ein schwedisches Hart-Gestein (Foto), verwendet.

Nepper, Schlepper, Bauernfänger: Die erfolglose Schauspielerin Adele Spitzeder brachte viele Anleger mit den unseriösen Geschäftspraktiken des von ihr gegründeten Geldinstituts um viel Geld. Weil der Ruf der Familie ruiniert war, durfte sich die Familie in „Schmidt“ umbenennen, wie auf dem Grabstein zu lesen ist.

Optiker: Joseph von Fraunhofer gehörte zu den bedeutendsten Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts. Auf dem ursprünglichen Grabstein des 1826 verstorbenen Optikers stand der Gedenkspruch „Approximavit sidera“. Bedeutet: Er hat die Gestirne nähergebracht. Den heutigen ziert ein Fernrohr.

Pschorr: Am Sarkophag (Foto) der Brauerei-Familie Pschorr beginnt der militärische Sektor. In diesem Sektor wurde auch General Johann Nepomuk von Triva bestattet, der die Prügelstrafe beim Militär abschaffte. Sein Grabmal zieren militärische Symbole wie Kanonenkugeln und Fanfaren.

Quelle: Mithilfe der Grabbücher konnte ich nachweisen, dass der Klarinettist Heinrich Joseph Baermann auf dem Alten Südfriedhof begraben ist. Er hat kein Grabmal. Baermann hat das Klarinettenspiel revolutioniert, indem er das Mundstück gedreht hat.

Reich: Zu den prunkvollsten Grabanlagen aus Untersberger Marmor im alten Teil des Friedhofs gehört das Grabmal der Familie Sedlmayr, die zu einer der bedeutendsten Brauerei-Familien der Stadt aufgestiegen war.

Stil: Der Grabstein von Johann Baptist Trappentreu – Bierbrauer und Wirt der Gaststätte „Zum Sternecker“ im Tal – wurde 1883 in neugotischem Stil erbaut, wie es zur damaligen Zeit unter der Regentschaft von König Max II. üblich war. Stilistisch unterscheiden sich die Denkmäler von denen, die unter König Ludwig I., dem Vater von Max II., erbaut wurden – unter seiner Regentschaft wurden oft militärische Symbole wie Helme verwendet.

Thaddäus Robl: Das traurige Schicksal des Draufgängers Thaddäus Robl steht auf seinem Grabstein geschrieben: Der „Aviatiker“ (Flugtechniker) und „ehemalige Rennfahrer“ fand „in Stettin durch Unglücksfall seinen frühen Tod“ mit 33 Jahren. Robl war das erste deutsche Todesopfer der zivilen Luftfahrt – er starb am 18. Juni 1910 bei einer Flugshow.

Ursprünglich waren im alten Teil 13 066 Gräber und 95 Grüfte; im neuen Teil 5022 Gräber und 175 Grüfte. Aufgrund der schweren Kriegszerstörung waren 1971 nur noch 5000 erkennbar. Ein Holzkreuz weist auf diese verschwundenen Gräber hin.

Vorherr: Der Architekt Gustav Vorherr, der auch auf dem Friedhof bestattet wurde, konzipierte 1817 den alten Teil des Friedhofs, der sich in der Form eines Sarkophags zwischen Pestalozzi- und Thalkirchner Straße erstreckt.

Wohltäter: Kleine Kinder huldigen dem „Wohltäter“ Sebastian Gaigl für seine Großzügigkeit: Er vermachte sein Vermögen der städtischen Waisenanstalt – allerdings mit der Auflage, die Unterstützung nicht zum Studium der Theologie zu verwenden, „weil die Kirche ohnehin genügend Mittel zur Herausbildung des Klerus besitzt“.

Xtrem: Die Brüder Hermann, Adolf und Robert Schlagintweit gehörten zu den besten Alpinisten Mitte des 19. Jahrhunderts. 1855 stiegen Adolf und Robert bei einer Expedition durch den Himalaya bis auf 6785 Meter – ohne Sauerstoff. Adolf wurde auf einer seiner Reisen am Hofe des Khans von Turkestan als vermeintlicher chinesischer Spion enthauptet.

Yoga: Die letzte Bestattung auf dem Alten Südfriedhof fand am 5. Januar 1944 statt. Heute dient der aufgelassene Gottesacker den Münchnern zur Erholung, manchen auch zum Joggen.

Zunftzeichen: Ein gotisches Marterl weist auf das Wirken von Georg von Hauberrisser hin: Mit gerade mal 26 Jahren erbaute er 1867 das Neue Rathaus in neugotischem Stil. Auf seinem Grab ist ein Zeichen seiner Zunft, das Steinmetz-Symbol, zu sehen.

Auch interessant:

Meistgelesen

Südwest
Wiesn-Plakat 2019: Jetzt abstimmen und gewinnen
Wiesn-Plakat 2019: Jetzt abstimmen und gewinnen
Nord
Kapitän des EHC Red Bull Münchens Michael Wolf beendet seine Karriere
Kapitän des EHC Red Bull Münchens Michael Wolf beendet seine Karriere
Mitte
Unsere schönsten Leserfotos - von Giesing bis nach Ramersdorf
Unsere schönsten Leserfotos - von Giesing bis nach Ramersdorf
Schülerin (13) wird am Zebrastreifen von Auto überfahren – und schwer verletzt
Schülerin (13) wird am Zebrastreifen von Auto überfahren – und schwer verletzt

Kommentare