Enge, Schimmel & feuchte Wände

Die Not in der Notunterkunft

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Trauriger Alltag: Auf zwei kleinen Kochplatten bereitet Angelique Özdikici für sich und ihren Sohn Niklas das Essen zu.

Enge, Schimmel & feuchte Wände: Isarvorstädterin wohnt mit Sohn (3) auf wenigen Quadratmetern

Angelique Özdikici graut jeden Abend. Denn dann muss die Auszubildende wieder nach Hause: Die 22-Jährige wohnt nach eigenen Angaben mit ihrem Sohn Niklas (3) auf rund zehn Quadratmetern – in dem winzigen Zimmer befinden sich ein Bett, ein Schrank, zwei Kochplatten und ein Waschbecken. Keine Küche, ein Gemeinschaftsbad ist auf dem Flur.

Die junge Mutter und ihr Sohn sind seit August letzten Jahres in einer von der Stadt finanzierten Notunterkunft an der Kapuzinerstraße untergebracht. Das Zimmer gehört einer privaten Eigentümerin, mit der die Stadt eine Vereinbarung getroffen hat, nach der Wohnungen im Beherbergungsbetrieb zur Verfügung gestellt werden.

Özdikici ist verzweifelt. „Ich weiß nicht, wie lange wir es hier noch aushalten. Durch den Schimmel ist Niklas ständig erkältet.“ Doch die junge Frau fühlt sich allein gelassen. „Ich bin regelmäßig beim Wohnungsamt, aber niemand hilft uns. Dabei habe ich einen Wohnberechtigungsschein mit 110 Punkten – das ist die höchste Dringlichkeitsstufe. Aber ich habe noch kein einziges Angebot für eine Wohnung bekommen.“

Da es in München mehr Berechtigte als Sozialwohnungen gebe, werde die

jeweilige persönliche Dringlichkeit vom Wohnungsamt anhand eines Punktesystems festgesetzt, sagt Dorothea Modler vom Mieterverein München. Doch bei einer Gesundheitsgefährdung müsse sofort gehandelt werden. „Wenn tatsächlich eine Gesundheitsgefährdung vorliegt, haben Mutter und Sohn Anspruch auf eine andere Wohnung.“ Modler rät auch, sich an den von der Stadt und dem Mieterverein eingerichteten Mieternotruf zu wenden. Dr. Lutz Dietrich vom Mieternotruf war schon mit ähnlichen Fällen befasst (siehe Interview).

Auf Hallo-Anfrage sagt Andreas Danassy vom Sozialreferat, dass das System der Wohnungslosen-Unterbringung „total voll“ sei. „Wir haben 4000 Wohnungslose in München – und es werden immer mehr.“ 2013 seien 20 000 Anträge auf Sozialwohnungen gestellt worden, 12 000 davon berechtigt. 8000 seien in der höchsten Dringlichkeitsstufe gewesen – so wie der von Angelique Özdikici. Doch nur 2800 Sozialwohnungen seien frei geworden. „In der momentanen Mangelsituation kann es ein bis zwei Jahre dauern, bis eine Sozialwohnung zugeteilt wird.“

Zum konkreten Fall sagt Danassy, dass die Vermieterin ihm auf Anfrage mitgeteilt habe, dass das Zimmer 15 Quadratmeter groß sei. „Die Mindeststandards für ein Zweibettzimmer betragen 14 Quadratmeter.“ Letztes Jahr habe eine Begehung der Wohnungen stattgefunden, bei der keine „gravierenden Mängel“ festgestellt worden seien. „Es wird jetzt aber eine erneute Begehung erfolgen“, verspricht Danassy. Zudem habe der Betreiber zugesagt, Mängel im Zimmer umgehend zu reparieren. das

Hallo München-Interview

Mieternotruf: „Bis zu 12 000 Sozialwohnungen fehlen“

Herr Dietrich, bei welchen Problemen hilft der Mieternotruf?

„In der Regel geht es um Streitigkeiten zwischen Vermieter und Mieter, manchmal auch unter Nachbarn. Wir geben aber weder eine Rechtsberatung noch vermitteln wir Wohnungen.“

Rufen Sie auch manchmal verzweifelte Mieter an mit ähnlichen Problemen wie die junge Mutter im beschriebenen Fall?

„Ja. Ich hatte kürzlich zwei Fälle, bei denen es um die dringende Zuweisung einer anderen Sozialwohnung aus medizinischen Gründen ging. Sie haben beide vor dem Verwaltungsgericht unter Anführung von medizinischen Gründe geklagt – und Recht bekommen. Deshalb rate ich auch dieser Mutter, zum Kinderarzt zu gehen und sich bestätigen zu lassen, dass der Sohn durch den Schimmel krank geworden ist. Das erhöht wiederum die Dringlichkeit und die Punktzahl beim Antrag auf eine öffentlich geförderte Wohnung.“

Aber 110 Punkte ist doch schon viel, oder?


„Vor dem Hintergrund des Woh­nungsmangels und des großen Bedarfs an Sozialwohnungen nicht wirklich. Das Problem ist, dass in München zwischen 9000 und 12 000 Sozialwohnungen fehlen. Selbst von den Menschen, die sich in einer Notlage befinden, wird nur der oberste Rahmen abgeschöpft. Eigentlich verlangt das Gesetz, dass jeder Fall individuell geprüft wird. Aber wegen Personalmangel bei der Stadt und der Vielzahl der Fälle erfolgt die Prüfung katalogisiert, was der individuellen Notlage, in der sich viele Antragssteller befinden, nicht gerecht wird.“ das

Kontakt zum Mieternotruf: 18 91 44 04

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