Dokumentarfilmer Valentin Thurn

Dem Essen auf der Spur

MÜNCHEN 10 Milliarden, wie werden wir alle satt? - so lautet der Film von Valentin Thurn. Darin geht er unserem Essen und dessen Produktion auf die Spur.

Bei einer Fahrradtour nach England fiel es Valentin Thurn (Foto) schon mit 18 Jahren auf, wieverschwenderisch die erste Welt mit Lebensmitteln umgeht. „Uns ging nach fünf Wochen das Geld aus. Also beschlossen wir mit einem Freund in London eine Woche ohne Geld zu leben“, erzählt der heute 52-Jährige. „Das war einfach, weil schon damals auf Großmärkten viel weggeschmissen wurde. Wenn bei einer Kiste Pfirsiche drei faulig waren, wurde alles entsorgt.“ Über diesen verschwenderischen Umgang der Industriegesellschaft mit Nahrungsmitteln veröffentlichte der Dokumentarfilmer 2011 seinen ersten Kinofilm. Heuer legt er mit „10 Milliarden, wie werden wir alle satt?“ nach – einem Film, der im Monopol Kino in München gezeigt wird. „Die Filme ergänzen sich“, sagt Thurn. „Während in ,Taste the Waste der Schwerpunkt auf der Verschwendung liegt, geht es in ,10 Milliarden um die Produktion von Lebensmitteln.“

Der gebürtige Stuttgarter stellt sich die Frage, wie die auf zehn Milliarden angestiegene Weltbevölkerung ab 2050 ernährt werden kann: Kann man Fleisch künstlich herstellen? Sind Insekten die neue Proteinquelle? Ist Hybrid-Saatgut, das aus der Kreuzung zweier auf Perfektion gezüchteter Elternlinien entsteht, die Lösung?

Auf der Suche nach Antworten macht Thurn klar, dass die industrielle Landwirtschaft keine Lösung darstellt.

„Vielen Menschen ist es egal, woher das Essen komme, Hauptsache es ist günstig“, sagt er. „Dass wir aber beispielsweise durch die langen Transportwege von Produkten und Überdüngung unser Klima in erheblichem Maße vor allem für die kommenden Generationen schädigen, darüber denkt niemand nach.“ Fakten und Lösungsmöglichkeiten verrät er von A bis Z. Marie-Anne Hollenz

Dokumentarfilmer Valentin Thurn (52) von A bis Z

Ausgangspunkt für den Film war die Tatsache, dass eine Milliarde Menschen hungern. Dazu kommen zwei Milliarden, die fehl­ernährt sind – und die Weltbevölkerung wächst und wächst. Ich stelle mir die Frage: Werden die Bauern in Zukunft genug Nahrung für alle erzeugen?

Bayer: „Wir brauchen eine Revolution“, sagt Liam Condon, Vorsitzender von Bayer Crop Science. Er klingt wie ein Greenpeacer, verfolgt aber seine Interessen dahingehend, dass er sagt: „Bauern kauft unser leistungsstarkes Hybrid-Saatgut. Es ist die Lösung für die Welternährung.“

Chance: Viele Kleinbauern sehen das Hybrid-Saatgut als Chance, weil sie dadurch bis zu 30 Prozent mehr Ertrag haben. Sie geraten aber in eine Abhängigkeit. Hybridpflanzen lassen sich nicht nachbauen: Der Bauer kann keinen Teil der Ernte zurückhalten, um sie im nächsten Jahr wieder auszusäen. Zudem sind Hybride anfälliger gegen Schädlinge. Der Bauer muss also jedes Jahr neue Samen und Pestizide kaufen.

Düngung: Extreme Düngung wirkt sich nicht nur negativ auf das Grundwasser, sondern auch auf die Atmosphäre aus. Dem Stickstoff-Dünger, den wir auf unsere Felder schmeißen, entweicht Lachgas – ein Treibhausgas, das rund 300 Mal so klimaschädlich ist wie Kohlendioxid.

Erwärmung: 40 Prozent der Klima-Erwärmung gehen aufs Konto der Nahrungsmittelproduktion.

Fleisch: Ein Drittel der Weltgetreideernte verfüttern wir an Tiere, um unserem Fleischkonsum nachzukommen. Das Problem: Pflanzliche Erzeugnisse werden geringer und teurer. Je mehr Fleisch produziert wird, desto weniger können sich die Armen andere Produkte leisten.

Geschäftsinteressen – Die Aussicht auf „10 Milliarden“ wird auch von den Geschäftsinteressen der Großkonzerne missbraucht, um Angst zu verbreiten und die eigenen Lösungen durchzudrücken. Man braucht aber nicht in Pessimismus verfallen. Jeder von uns hat Handlungsspielraum.

Heldin meines Films ist für mich die Kleinbäuerin Fanny aus Malawi. Sie hat mir klar gemacht, wie einfach die Lösungen sind: Es kommt darauf an, den kleinen Bauern den Zugang zu Land, Wasser und Märkten besser zu gewährleisten. In Afrika muss das regionale Ernährungssystem bestehen bleiben, anstatt es unter anderem mit unseren billigeren subventionierten Lebensmitteln zu gefährden.

Ich habe an Lebensfreude gewonnen, als ich begonnen habe, etwas zu essen, bei dem ich mich wohl fühle. Deshalb habe ich mir unter anderem ein Hochbeet mit Salat angelegt und meinen Fleischkonsum geviertelt.

Je älter die Menschen sind, desto mehr arrangieren sie sich. Wer verbindet mit einem abgepackten Hähnchenfleisch im Supermarkt noch ein lebendes Tier? Würde man das tun, würde man anders konsumieren. Jüngere Menschen sind oft rigoroser.

Kinder: Meine Tochter ist Vegetarierin. Einer meiner Söhne war Vegetarier und ist es noch zu 90 Prozent. Meine Kinder haben sich aber nicht von meiner Arbeit beeinflussen lassen, sondern sind ihren eigenen Weg gegangen.

Lebensmittel: Es bringt nichts, mehr Lebensmittel zu produzieren, wenn vielen Menschen weiterhin der Zugang zu ihnen verwehrt bleibt.

Monsanto, der größte Hersteller von Saatgut und Herbiziden, hat uns kalt auflaufen lassen. Sie haben mich nach St. Louis eingeladen und unerwartet ins Kreuzverhör genommen. Sie wollten auch den Film abnehmen, bevor er gesendet wird – das machen wir grundsätzlich nicht.

Nussig schmecken gefriergetrocknete Heuschrecken, die jetzt auch in Deutschland angeboten werden. In Thailand gibt es Farmen, wo sie für den Verzehr gezüchtet werden. Händler bieten sie dort auf Märkten mit Kräutern gewürzt an (Foto). Eine ungewöhnliche Nahrung, aber vielleicht können wir bald nicht mehr wählerisch sein.

Ohne Fleisch: Ein schönes Erlebnis war, vier Wochen lang durch Indien zu reisen und Fleisch nicht zu vermissen. Die vegetarischen Gerichte waren oft besser.

Pflanzenfabrik in Japan war futuristisch, aber auch interessant. In Berlin probieren sie diese Art der Salatproduktion mit LED-Lampen und Nährlösungen jetzt auch aus. Geheuer ist mir die Art von Landwirtschaft aber nicht.

Quantität ist nicht gleich Qualität: Hybrid-Samen sind zwar ertragreicher, aber anfälliger. Es ist vorgekommen, dass Bauern in Indien den Großteil ihrer Ernte wegen Überschwemmung verloren haben. Da sind oft Existenzen bedroht.

Rückgrat der Welternährung sind die Kleinbauern. Sie ernähren zwei Drittel der Menschheit. Wir müssen sie uns am Leben erhalten und sie nicht als vorgestrige Wirtschaftsform abtun.

Saatgutbewahrer sind in Drittweltländern wichtig, weil sie den Bauern helfen, unabhängig von den Großkonzernen zu bleiben. Sie bewahren samenfeste Sorten, die zwar weniger produzieren als Hybrid-Samen, aber resistenter gegen Dürre oder Überschwemmung sind.

Taste of Heimat (www.taste­ofheimat.de) ist eine Initiative, die wir 2014 gegründet haben, um die regionale Landwirtschaft in Deutschland zu stärken.

Unbehagen: Es fällt auf, dass das Unbehagen gegenüber der industriellen Lebensmittelproduktion zunimmt und mehr Menschen versuchen, eine neue Landwirtschaft aufzubauen, die Mensch und Natur respektiert.

Verschwendung: Vielen wird bewusst, dass ein Drittel der Welternte entlang der Produktionskette vernichtet wird, in den Industriestaaten wird sogar die Hälfte verschwendet.

Will Allen – ehemaliger Basketball-Profi und Verfechter urbaner Landwirtschaft – zeigt im Film, dass die Rückkehr zur lokalen Produktion möglich ist. Die Produkte seiner Farm in Milwaukee sind auch für sozial Schwache erschwinglich.

X-mal haben wir in der Familie das Thema Vegetarismus diskutiert. Vegetarisch möchte ich nicht leben.

Yes, we can: Ich neige nicht zu radikalen Lösungen. Man kann Fleisch essen, sollte aber schauen, woher es kommt.

Zehn Milliarden: Für so viele Menschen produzieren wir jetzt schon genug Essen. Das Problem ist die Verteilung.

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