Glosse über den neuen Schulalltag in der Corona-Krise

Neues Rollenchaos: Über Eltern und Kinder, Lehrer und Schüler

Eltern haben einiges zu schultern, wenn sie ihre Kinder nun selbst unterrichten sollen.
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Eltern haben einiges zu schultern, wenn sie ihre Kinder nun selbst unterrichten sollen.

Die Corona-Krise soll nicht dazu führen, dass sich Schüler an ewige Ferien gewöhnen. Einfach ist der neue heimische Schulalltag allerdings nicht...

Der heimische Schultag beginnt mit der Beschlagnahmung des Handys seitens der (elterlichen) Schulleitung. Ein Schüler hatte sich auf der Toilette eingesperrt, um dort heimlich zu spielen. Und dann erfährt der Schüler auch noch: Es gibt zwar keine Schuluniform, doch die Mutter-Lehrerin besteht darauf, dass sich die Schüler zuerst aus dem Schlafanzug schälen, bevor die neue Schulgemeinde gemeinsam zur Tat schreiten kann. Da das Anziehen sehr lange dauern kann, loggt sich die elterliche Schulleitung nochmal bei Mebis ein, dem Internetportal des Bayerischen Kultusministeriums, um festzustellen, dass es eine sehr gute Entscheidung war, bereits am Tag zuvor die von den Lehrern eingestellten Unterrichtsmaterialien heruntergeladen zu haben. Denn Hacker hatten die für den Fernunterricht gedachte Online-Plattform lahmgelegt. Der häusliche Unterricht beginnt, die elterliche Schulleitung erspart den Kindern, den Gong nachzuahmen. Wie früher in einer Dorfschule nehmen die Schüler unterschiedlicher Jahrgangsstufen am Küchentisch Platz. Doch bevor ein Satz für Deutsch im Arbeitsheft notiert ist, schallt es durch den Raum: „Mama, ich hab Durst und Hunger!“ Und wenn die Lehrerin, die eben auch die Mutter ist, bei einem Kind steht und eine Frage beantwortet, redet das andere Kind dazwischen und beansprucht haargenau dieselbe Aufmerksamkeit. Das eigene Anliegen ist meist sehr dringend. Nach einer halben Stunde der schulischen Zusammenarbeit bittet die Mutter-Lehrerin daher darum, dass sich die (zwei) Kinder melden. So albern es klingt, doch es könnte helfen, die Nerven der mütterlichen Lehrkraft zu schonen. Und da ist sie — die Erinnerung der Mutter an die nicht gerade beliebte Biologie-Lehrerin von damals, die ihre Schüler mit „Eine Mahnung!“ zur Disziplin rief. Gute Idee. Doch welche Konsequenz hätte das heute? Die Eltern zum Gespräch zu bitten? Willkommen zum Selbstgespräch! Wäre es besser, auch zuhause mit „unangekündigten Leistungsnachweisen“ zu drohen? Pause, ruft die Mutter. Doch nun entbrennt zwischen Grundschule und Gymnasium ein Streit, wann genau diese erste Pause überhaupt ist, da sich die jeweiligen Stundenpläne für gewöhnlich unterscheiden. Und da die anwesenden Schüler eben auch Geschwister sind, muss das laut und auch mit einem Tritt unter dem Tisch aus- diskutiert werden. In ihrer Verzweiflung will die Mutter ein Gummibärchen naschen. Doch die Tüte ist leer! Wie haben die Kinder das innerhalb des ersten Schultages geschafft? Es ist so, wie man es sich vorstellt: Kaum dreht sich der Lehrer um, bekommt er nicht mit, was die Schüler hinter seinem Rücken aushecken... Der erste Schulalltag neigt sich dem Ende, der Hunger wird größer. Die Schulleitung übernimmt die Leitung der Kantine. Und während die letzten Fischstäbchen — im Supermarkt gab es gestern schon keine mehr — in der Pfanne brutzeln, steht das Fach Musik auf dem Stundenplan: Die Kinder werden dazu verdonnert, die Arie der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“ anzuhören. Und siehe da: Das erste Mal an diesem Tag sind die Kinder sprachlos, wie Mozart seine Sopranistin das hohe F erreichen lässt. Er zeigt damit übrigens, wie die Königin dem Wahnsinn verfällt. Wie passend.

Verena Rudolf

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