Gastro schüttelt Staat auf

Bundesweite Sammelklage soll Entschädigung für Corona-Zeit bringen – 40 Gastronomen aus München klagen mit

Dirk Gerrard hat seit März fast 30 000 Euro Schulden machen müssen, damit sein Restaurant „Grist&Grain“ weiter bestehen kann. Er hofft auf eine Kompensation der Kosten durch den Staat.
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Dirk Gerrard hat seit März fast 30 000 Euro Schulden machen müssen, damit sein Restaurant „Grist&Grain“ weiter bestehen kann. Er hofft auf eine Kompensation der Kosten durch den Staat.

Gastronomen aus München schließen sich einer bundesweiten Sammelklage an. Sie wollen Entschädigung vom Staat für Corona-bedingten Einbußen. Wie schlimm geht es der Gastro-Szene?

  • 40 Gatronomen aus München schließen sich bundesweiter Sammelklage an.
  • Sie hoffen auf Entschädigung für corona-bedingte Einbußen.
  • Kanzlei Gansel Rechtsanwälte hat sich mit den Klagen von Diesel-Fahrern gegen VW einen Namen gemacht.

Gut zwei Monate Lockdown, seitdem strenge Auflagen: Die Gastronomie ist durch Corona hart getroffen worden. Andrea Inselkammer zufolge schlagen sich Münchner Wirte gerade mit Umsatzeinbußen von 50 bis 70 Prozent herum, Hotels haben eine Auslastung von gerade einmal 20 Prozent. „Alle haben sich verschuldet“, so die Landespräsidentin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). 

Bundesweite Sammelklage - Gastronomen aus München fordern Corona-Entschädigung

Doch nicht alle wollen sich mit den Einbußen durch die Infektionsschutzmaßnahmen abfinden. „Die Krise war nicht mein unternehmerisches Verschulden“, sagt etwa Dirk Gerrard, Besitzer des Restaurants „Grist&Grain“ in Schwabing. Mindestens 84 000 Euro Umsatz sei ihm seit dem 16. März entgangen, 27 000 Euro Schulden hat er in der Zeit aufnehmen müssen. ,„Ich habe mit meinem Betrieb eine Last für den Gesundheitsschutz der Gesellschaft getragen. Jetzt hoffe ich, dass mir der Staat diese Kosten kompensiert.“ 

Gerrard ist einer von gut 40 Gastronomen im Raum München, der sich der Sammelklage der Berliner Kanzlei Gansel Rechtsanwälte angeschlossen hat. 

Dirk Gerrard schüttelt Staat mit einer Sammelklage auf.

„Bundesweit nehmen bisher 950 Betriebe teil“, so Kanzlei-Sprecher Ingo Valldorf. Das Ziel der Anwälte, die sich mit den Klagen von Diesel-Fahrern gegen VW einen Namen gemacht haben: „Im besten Fall gibt es für jeden Betrieb vom Staat eine Entschädigung, die die Umsatz­einbußen auffängt.“ Auf zumindest irgendeine finanzielle Unterstützung hofft auch Alexander Schwarz, der im Glockenbachviertel neben der Bar „Niederlassung“ auch den „Couch Club“ betreibt. 

Die Bar "Niederlassung".

Wie Gerrard hat er über andere Gastronomen von der Sammelklage erfahren. „Es geht nicht darum, einen Vorteil rauszuboxen, sondern darum, unseren Schaden zu minimieren“, erklärt Schwarz. In seiner Bilanz steht derzeit ein Minus im mittleren fünfstelligen Bereich. „Jetzt gerade arbeiten wir kostendeckend, aber das nützt wenig, weil wir das Minus seit März mitzutragen haben und uns einen Puffer für den Winter anlegen müssen.“ 

Einbuße durch Corona - Münchner Gastronomen schließen sich Sammelklage an

Ähnlich ist es für Gerrard, dessen „Grist&Grain“ im Juli auch wieder gut besucht war. „Aber wenn nur eine Sache schiefgeht, eine zweite Welle kommt – dann ist es aus und vorbei mit meinem Traum“, so der 46-jährige Schwabinger. „Darum versuche ich jeden Strohhalm zu nutzen, der sich anbietet.“ 

Ob ihm die Sammelklage tatsächlich hilft, dazu wagt Gerrard keine Prognose. Auch in juristischen Fachkreisen ist ein Erfolg der Klage hoch umstritten. In Münchens Gastro- und Hotelierszene ist sie dennoch in aller Munde, wie Martin Stürzer, Vize-Kreisvorstand der Dehoga, bestätigt. „Für uns als Arbeitgeberverband wäre es aber vermessen, unseren Mitgliedern dazu zu raten, gegen die Regierung vorzugehen. Es ist aber ihr gutes Recht“, so der Direktor des Hotels Europäischer Hof. 

Stürzer selbst will von dem Recht nicht Gebrauch machen. Indes: Er nimmt an einer Sammelklage gegen Versicherungs­gesellschaften teil, die nicht für Corona-bedingte Verluste aufkommen wollen.  

So funktioniert die Sammelklage

Sammelklagen kommen oft dann zum Einsatz, wenn es viele Betroffene gibt, die als einzelner Kläger nur geringe Chancen auf Erfolg hätten. Agieren alle gemeinsam, wird größerer Druck ausgeübt – und das finanzielle Risiko des Einzelnen minimiert. 

Im Fall der Gastro­-Sammelklage zahlen die Teilnehmer sogar erstmal gar nichts: Entweder übernimmt eine Rechtsschutzversicherung die Anwaltskosten oder sogenannte Prozesskostenfinanzierer legen das Geld aus und erhalten im Erfolgsfall einen Teil der Entschädigungssumme. 

Erste Anspruchsschreiben der Gastronomen will die Kanzlei Gansel Rechtsanwälte in der nächsten Woche an die einzelnen Bundesländer verschicken. „Unser Ziel ist nicht, bis zur höchsten Instanz zu klagen, sondern so viel Druck auszuüben, dass eine politische Lösung gefunden wird.“

rea

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