Hält eine Impfung sechs Monate?

Corona-Thesen im Experten-Check ‒ Schluss mit Mythen und Halbwahrheiten über Impfung, Maßnahmen und Co.

Für die Experten ist sicher: Nur ein Impfstoff kann die aktuelle Lage entschärfen.
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Für die Experten ist sicher: Nur ein Impfstoff kann die aktuelle Lage entschärfen.

Gerüchte, falsche Aussagen und vage Behauptungen zum Thema Corona schaffen Verunsicherung in der Bevölkerung. Unser Experten-Check soll Klarheit bringen...

  • Es gibt sehr viele Gerüchte und Mythen rund um Corona.
  • Hallo hat Corona-Thesen von Münchner Experten checken lassen.
  • Welche Covid-Mythen stimmen und welche Aussagen falsch sind...

Die ersten Tage des Lockdown-Light hat München hinter sich. Die Diskussionen über Sinn und Unsinn einiger Maßnahmen sind seitdem nicht leiser geworden. Grund genug, unserem Experten-Check der vergangenen Woche, der bei unseren Lesern auf große Resonanz stieß, eine Fortsetzung zu gönnen.

Die Aussagen von Münchner Experten zu sechs weiteren Thesen lesen Sie unten im Artikel.

These 1: Das Hoffen auf einen Impfstoff ist Augenwischerei, da der Impfschutz nach kurzer Zeit nicht mehr gegeben wäre.

Prof. Dr. Ulrich Mansmann, Direktor des Instituts für Medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie an der Medizinischen Fakultät der LMU:

„Es wird einerseits davon ausgegangen, dass der Schutz durch die Impfung nach sechs Monaten vorbei sein wird und dann eine zweite Impfung erfolgen muss. Es wird andererseits davon ausgegangen, dass die Logistik einer solchen Impfaktion eine ungeheure Herausforderung ist.“

Prof. Dr. Clemens Wendtner, Chef­arzt Infektiologie München Klinik Schwabing:

„Wissenschaftler sehen in der Impfstoff-Entwicklung die stärkste Waffe gegen Covid-19. Ob es gelingt, einen Impfstoff zu finden, der eine dauerhafte Immunisierung bringt oder mehrfach geimpft werden muss, ist dabei zweitrangig. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Impfungen nicht jahrelang halten, sondern regelmäßig aufgefrischt werden müssen. Bei Influenza hält die Immunisierung einige Monate an – genug, um gut gewappnet zu sein für die alljährliche Grippezeit im Winter.

Wichtig ist: Ein Impfstoff ist entscheidend, um die Pandemie zu beenden und uns unser ,normales’ Leben wieder zurückzubringen.“

Prof. Dr. Clemens Wendtner, Chef­arzt Infektiologie München Klinik Schwabing.

These 2: Die Sanktionen gegen junge Menschen sind übertrieben. Von schweren Krankheitsverläufen sind ohnehin nur die Alten betroffen.

Prof. Dr. Clemens Wendtner:

„Sich zu treffen und zu feiern ist altersunabhängig und kein Privileg der Jugend. Genauso ist niemand vor einem schweren Verlauf sicher – und auch bei weniger schweren Verläufen kann es zu Langzeitfolgen und Beeinträchtigungen kommen. Es sollte daher für uns alle gelten, dass wir uns an die Regeln halten. Eine Pandemie wie diese ist ein historisches Jahrhundert-Ereignis, das bislang noch niemand von uns erlebt hat.“

Prof. Dr. Ulrich Mansmann:

„Wichtig werden die Folgen nach einer möglicherweise nicht so schweren Covid-19 Erkrankung sein: Müdigkeit, Depression, Herzprobleme... Solche Erfahrungen sind nicht selten. Leider waren die letzten neun Monate nicht genügend Zeit, um darüber ausreichend zu lernen. Was aber klar sein sollte: SARS-COV-2 ist für alle kein Mickey-­Mouse-Virus.“

Prof. Dr. Ulrich Mansmann, Direktor des Instituts für Medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie an der Medizinischen Fakultät der LMU.

These 3: Die Corona-Situation wird dazu genutzt, fleißig Daten über uns Bürger zu sammeln.

Prof. Dr. Ulrich Mansmann:

„Ich sehe nicht die Gefahr, dass in den Institutionen des Gesundheitssystems mehr Daten über uns gespeichert werden als dies sowieso schon geschieht. Die Krankenkassen werden alles über die Covid-19 Infektionen ihrer Kunden wissen. Die Corona-App ist harmlos, da wird nichts Relevantes gespeichert. Das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung plant eine zentrale Datensammlung mit gutem Datenschutz an der Charité in Berlin. Wie das bei den großen Datenkraken der Welt aussieht, wie Google das Profil jedes Einzelnen von uns mit solchen Daten anfüllt, darüber muss sich jeder selbst klar werden. Das geschieht wie immer sehr intransparent im Dunkeln.“

Das Referat für Gesundheit und Umwelt, stellvertretend für OB Dieter Reiter:

„Nach der Berufsordnung für die Ärzte in Bayern müssen medizinische Befunde mindestens zehn Jahre aufbewahrt werden. Das Infektionsschutzgesetz sieht jedoch eine enge Zweckbindung der Daten vor, so dass kein Missbrauch zu befürchten ist.“

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Sechs Corona-Thesen im Experten-Check 

Erstmeldung: 28. Oktober 2020

München – Sowohl in der Stadt als auch im Landkreis München gilt aktuell die Warnstufe dunkelrot – der 7-Tages-Inzidenz­wert liegt jeweils über 100. Das heißt, dass sich in den vergangenen sieben Tagen von 100 000 Bürgern über 100 mit Covid-19 angesteckt haben.

Die Einschränkungen, die für Bürger, Kulturschaffende und Gastronomen damit einhergehen, sind gravierend. Die Verunsicherung auch. Letztere wird durch Gerüchte, falsche Aussagen und vage Behauptungen immer wieder neu befeuert. Grund genug für uns, einige dieser Thesen – aber auch Sanktionen der Politik – von Münchner Gesundheits-Experten checken zu lassen.

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These 1: Der Corona-Test hat eine zu hohe Fehlerquote.

Prof. Dr. Ulrich Mansmann, Direktor des Instituts für Medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie an der Medizinischen Fakultät der LMU:

„Jeder diagnostische Test ist fehlerhaft. Gründe für diese Fehler liegen im Gesamtprozess des Testens bei dem unter anderem Verunreinigungen, technische Fehler oder Fehler bei der Ergebnisübermittlung auftreten können. Für die Untersuchung auf SARS-COV-2 Infektionen gibt es verschiedenen Testverfahren.

Das etablierte PCR-basierte Verfahren erkennt etwa 90 Prozent der wirklich Infizierten und 99% der nicht Infizierten. Bei der Zahl von etwa einer Million wöchentlich durchgeführten Tests hat dies erhebliche Konsequenzen. Das führt beispielsweise dazu, dass bei 900.000 getesteten nicht infizierten Personen, der Test für 9000 in dieser Gruppe ein positives Ergebnis zeigt.

Deshalb ist es wichtig bei jedem positiven Testergebnis nach etwa 5 Tagen einen zweiten Test folgen zu lassen um eine mögliche erste Fehlentscheidung zu korrigieren. Die neuen Schnelltests unterliegen ähnlichen Problemen. Nach einem positiven Testergebnis sollte eine ausführliche ärztliche Beratung erfolgen.“

Dr. Alexander von Meyer, Direktor für Laboratoriumsmedizin, München Klinik:

„Die Testung auf den Corona-Virus wird meistens mit einem sogenannten PCR-Testverfahren durchgeführt. Dieses ist sehr empfindlich und kann auch kleinste Mengen des Virus nachweisen.

Wir sind sehr froh so empfindliche und gute Testverfahren verfügbar zu haben. Damit können wir den zuständigen Behörden gute Daten für teilweise schwierige Entscheidungen, wie z.B. die Pflicht zur Quarantäne liefern. So kann es sein, dass der empfindliche PCR-Test noch die Reste einer Infektion nachweist und daher positiv ist.

Unter Berücksichtigung weiterer früherer Tests kann man aber erkennen, dass hierdurch trotzdem keine Infektionsgefahr besteht. Diese Unterscheidung trifft das Gesundheitsamt und informiert hier auch die Betroffenen in angemessener Art.

Der Test wäre dann zwar positiv, eine Infektionsgefahr besteht aber nicht. Leider wird dies häufig dann als „falscher Test“ bezeichnet, was formal nicht richtig ist.“

Dr. Alexander von Meyer, Direktor für Laboratoriumsmedizin, München Klinik.

These2: Corona ist nicht schlimmer als die Grippe.

Mansmann:

Eine richtige Grippe ist kein Spaß und für die Gesundheitsbehörden (und die vielen dann Betroffenen) macht die Grippe jeden Winter zum Abenteuer. Es ist richtig, dass am Anfang der COVID-SAS-2 Epidemie etwa 5% der Infizierten starben. Diese Zahl ist über den Sommer auf etwa 0,3% gesunken.

Bei der letzten großen Grippewelle lag der Anteil der gestorbenen Infizierten bei 0,5%. Hoffen wir, dass es sich die Vergleichbarkeit der Infektionssterblichkeitsraten zwischen Grippe und Covid-19 im kommenden Winter auch bestätigt.

Das RGU für OB Dieter Reiter:

„Die Grippesaison geht von Oktober-März. Nimmt man an, dass auch die Corona-Fallzahlen in dieser Jahreszeit am höchsten sein werden, ist ein Vergleich erst nach der Saison im nächsten Frühjahr aussagekräftig.“

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These 3: Es gibt nur deshalb steigende Fallzahlen, weil auch mehr getestet wird.

Mansmann:

Das ist nicht korrekt. Um hier klar zu sehen, sollte man die sogenannte Testpositivrate betrachten. Diese gibt den Anteil positiver Tests unter den insgesamt durchgeführten Tests an. Im Sommer lag diese Rate bei 1.4%, im Moment etwas über 3%.

Mit den Angaben zur Qualität des Testes (siehe Frage 1) kann man aus dem Anteil der Testpositiven berechnen, wieviel in dieser Gruppe wirklich infiziert sind. Bei einer Testpositivrate von 1,4% sind nur 5 von 1000 erkrankt, bei einer Testpositivrate von 3 % sind das aber schon 22 von 1000.

These 4: Es werden zu viele Intensivbetten in München für Corona-Patienten vorgehalten.

Mansmann:

Es gibt ausreichend Intensivbetten auch für andere Patienten. Im letzten Winter trat Covid-19 erstmals auf. Die Krankheit war unbekannt, es spielten sich europaweit dramatische Szenen in Krankenhäusern ab. In den Kliniken hat man sich auf das Schlimmste vorbereitet.

Die Kliniken haben aber seit damals gelernt mit ernsthaft an Covid-19 erkrankten Patienten umzugehen. Man kennt hilfreiche Medikamente und weiß besser, wie man die schweren Fälle beatmen kann. Diese Panik aus dem Frühjahr besteht also nicht mehr.

Experten sind sich einig: Auch für Nicht-Corona-Fälle gibt es künftig genug Intensivbetten.

Wichtig wird es sein, Krankenhäuser so zu organisieren, dass durch die Behandlung von COVID-19 Patienten der restliche Krankenhausbetrieb nicht allzu sehr eingeschränkt und eine normale Behandlung von anderen Patienten aufrechterhalten wird.

Krebspatienten können nicht auf wichtige Behandlungen verzichten, Patienten mit Herzkreislauferkrankungen oder Schlaganfällen müssen versorgt werden. Ebenso Unfallopfer oder Patienten, die an anderen schweren Infektionen erkrankt sind.

Dr. med. Axel Fischer, Vorsitzender der Geschäftsführung der München Klinik:

„Das Bild von leeren Betten, die auf Covid-19-Patienten warten und anderen Patienten vorenthalten werden, ist ein falsches. Ein Bett und eine Beatmungsmaschine ist nichts, ohne den Arzt und die Pflegekraft dahinter. Aber Ärzteschaft und Pflege sind in Deutschland nicht unbegrenzt verfügbar.

Wir sind im Frühjahr glücklicherweise nicht an unsere Grenzen gestoßen, auch, da viele Ärzte und Pflegekräfte auf freiwilliger Basis ausgeholfen und sich über die Maßen eingesetzt haben. Aber wenn ein Infektionsgeschehen erst einmal ungebremst läuft, können auch gut ausgestattete Gesundheitssysteme ans Limit kommen. Das gilt es unbedingt zu vermeiden, mit den Maßnahmen, die uns zur Verfügung stehen.“

Dr. med. Axel Fischer, Vorsitzender der Geschäftsführung der München Klinik.

These5: Die Maskenpflicht im Freien ist sinnlos.

Mansmann:

„So sehe ich das auch. Ich verweise auf die ,Kernaussage 3’ der Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP) vom Mai dieses Jahres: ,Der schützende Effekt der Maske kommt vor allem innerhalb von geschlossenen Räumen zum Tragen. Unter freiem Himmel kann bei Einhalten des Sicherheitsabstandes auf den Mundschutz verzichtet werden.“

Prof. Clemens Wendtner, Chefarzt Infektiologie München Klinik Schwabing:

„Wir sind in Deutschland gut durch die erste Welle gekommen und ich bin zuversichtlich – wir haben das noch in der Hand. Da ist jeder Einzelne aufgefordert: Dazu gehört unbedingt, die AHA-Regeln weiterhin achtsam zu befolgen und notwendige Einschränkungen einzuhalten, so schwer das verständlicherweise auch fällt.

Die Infektionskurve geht aktuell steil nach oben – nur, wenn jeder Verantwortung für den Schutz der Gesellschaft und gerade der Schwächeren übernimmt, können wir angesichts der Covid-19-Pandemie und der beginnenden Influenza-Saison die Kurve wieder abflachen und eine hohe Zahl schwer Erkrankter vermeiden. Da sollten wir jetzt alle durchhalten und vor allem zusammenhalten.“

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These 6: Eine Quarantäne von 14 Tagen ist viel zu lang. Nach einem zweiten negativen Test nach 5 Tagen wäre ein Ende der Quarantäne sinnvoll

Mansmann:

Gemeint ist hier, dass ein positives Testergebnis vorliegt, darauf eine Quarantäneanordnung ergangen ist und nach 5 Tagen ein zweiter Test folgen soll. Ist dieser negativ, so soll die Quarantäne aufgehoben werden. Dieser Meinung bin ich auch.

Für mich ist das die Konsequenz aus den Fehlerraten der Test. Es ist möglich, dass nicht Infizierte ein positives Testergebnis erhalten. Sie brauchen eine zweite Chance um dies zu korrigieren.

Das RGU für OB Dieter Reiter:

„Es gelten die Regelungen des RKI, wonach eine Quarantäne immer 14 Tage beträgt und nicht durch negative Tests abgekürzt werden kann.“

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Der LMU-Experte

Prof. Dr. Ulrich Mansmann (F.) ist seit 2005 Direktor des Instituts für Medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie an der Medizinischen Fakultät der LMU München. Zu seinen Arbeitsbereichen gehört unter anderem die Anwendung statistischer Modelle in Epidemiologie und Public Health.

Zusammenfassung: Löschau/Litzlbauer

Initiative will Maskenpflicht für Grundschüler kippen

Kopfweh, Ängste, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen – vielen Kindern geht es mit Maske im Klassenzimmer nicht gut. Andreas Reuter (Foto, 49) aus München engagiert sich seit Anfang Mai in der bundesweiten Initiative „ElternStehenAuf“ (ESA).

Gestartet ist Reuter in München mit einer Gruppe von zehn Gleichgesinnten. Heute sind es bayernweit etwa 7000 Eltern, die sich mit „ElternStehenAuf“ Gehör verschaffen wollen.

Andreas Reuter (49) aus München engagiert sich seit Anfang Mai in der bundesweiten Initiative „ElternStehenAuf“.

„Je nach Bundesland und Landratsamt gelten willkürlich andere Regeln in den Einrichtungen und Schulen, das macht uns misstrauisch. Dabei sagt doch das RKI, dass Kinder keine Covid-19-Superspreader und Schulen keine Hotspots sind.“ Sein Sohn im Teenageralter trägt zwar Maske, aber jüngere Kinder sollten das nicht tun müssen, findet der Ingenieur.

Das Referat für Gesundheit und Umwelt in München bleibt auf Hallo-Nachfrage aber dabei: Das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung sei überall dort, wo nicht die nötigen Abstände eingehalten werden können, ein „wirkungsvoller Schutz davor, sich untereinander mit Covid-19 anzustecken.“

LMU-Professor Dr. Ulrich Mansmann schränkt hingegen ein: „In Kindergärten und Grundschulen sollte keine Maskenpflicht bestehen, bevor nicht nachgewiesen ist, dass von dort eine ernstzunehmende Infektionsgefahr ausgeht.“

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