Schulgipfel am Mittwoch

Schulgipfel zu Corona-Unterricht in Bayern: Stufenplan abgesägt - Kritik an hohem Leistungsdruck

Schuler*innen stehen mit Corona-Masken auf dem Schulhof.
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Schuler*innen stehen mit Corona-Masken auf dem Schulhof.

Wegen steigender Corona-Zahlen in Bayern existiert der Stufenplan für Schulen praktisch nicht mehr. Gesundheitsämter sollen über Schließungen entscheiden

  • Schulgipfel in Bayern - Schulen sollen offen bleiben.
  • Kritik an fehlendem Konzept für Unterricht während Corona.
  • Eltern und Schüler beklagen Leistungsdruck

Schulgipfel mit dezentem Richtungswechsel und wenig Konkretem

Update: 05. November 2020

Die eigentlichen Vorgaben sind längst von der Realität überholt: Angesichts rasant gestiegener Corona-Fallzahlen gilt der ursprüngliche Stufenplan der Staatsregierung für den Infektionsschutz an Schulen im eigentlichen Sinne nicht mehr. Um die Schulen im Freistaat weiterhin geöffnet zu halten, sollen die Gesundheitsämter noch stärker als bislang individuell über Schulschließungen oder andere Schutzmaßnahmen entscheiden.

Grundsätzlich gelte die ausgerufene Linie, dass der Unterricht so lange wie möglich in den Klassenzimmern stattfinden sollte, sagte Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) nach dem Schulgipfel am Mittwoch. „Abweichungen vom Präsenzunterricht kann das Gesundheitsamt bei schwerwiegendem Infektionsgeschehen an den Schulen anordnen.“

Schon im Vorfeld des Gipfels hatte es viel Kritik an der Schulpolitik des Freistaats gegeben

Selbst während der laufenden Veranstaltung betonte die Bildungsgewerkschaft GEW Bayern per Mitteilung: „Es kann nicht sein, dass die Corona-Bekämpfung an den Schulen inkonsequent umgesetzt wird, nur weil man ein System künstlich am Laufen halten will, das in Wahrheit bereits zusammengebrochen ist.“

Teilnehmer am Gipfel, zu dem neben mehreren Kabinettsmitgliedern auch Vertreter der Lehrer-, Direktoren-, Eltern- und Schülerverbände sowie der kommunalen Spitzenverbände eingeladen waren, berichteten von einer angespannten, aber konstruktiven Stimmung.

Die Ergebnisse der als Arbeitstreffen ausgerufenen Veranstaltung bewertete Michael Schwägerl vom Bayerischen Philologenverband jedoch verhalten: „Die Hoffnung war natürlich da, dass da konkrete positive Ergebnisse kommen. Wir müssen uns jetzt damit zufrieden geben. Doch die Sorge bleibt, dass die Maßnahmen, die jetzt getroffen wurden, nicht ausreichen, um das Pandemie-Geschehen in den Griff zu kriegen.“

Die Lehrerverbände treibt vor allem der Gesundheitsschutz um

Sie fordern auf breiter Front FFP2-Masken für die Lehrkräfte, die besser vor einer Ansteckung schützen als die herkömmlichen Alltagsmasken. Immerhin habe Ministerpräsident Markus Söder (CSU) Gespräche in diese Richtung signalisiert, hieß es. Auch Lüftungsgeräte sind derzeit ein heißes Eisen. Zwar stellt die Staatsregierung extra finanzielle Mittel dafür zur Verfügung, doch gibt es Kommunen, die die Anschaffung pauschal ablehnen.

Eltern- und Schülerverbände hatten im Vorfeld des Treffens zudem einen hohen Leistungsdruck beklagt

Viele Schulen hätten bewusst viele Leistungsproben angesetzt, um vor einer drohenden Schulschließung noch möglichst viele Noten erheben zu können. Dieses Problem soll nach Angaben des Kultusministeriums inzwischen aber gelöst sein.

Breiter Konsens in der Runde war nach Teilnehmerangaben, dass dieses Schuljahr kein normales Schuljahr sein werde und der Lehrplan entsprechend angepasst werden müsse. Zwar soll das Leistungsprinzip nicht komplett aufgegeben, aber doch immer der Situation und den Möglichkeiten angepasst werden - was auch heißt, dass im Laufe der Monate Übertritte und Abschlussprüfungen in den Blick geraten dürften.

„Wir sind für so viel Unterricht live wie möglich, bei größtmöglicher Sicherheit und Klarheit. Aber die Gesundheit der Schüler und Lehrer geht vor“, betonte die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, Simone Fleischmann. „Und wir bitten, die Erwartungshaltungen runterzuschrauben. Sonst zerreißt es uns bei dem Druck, den wir vor Ort erleben, und zwar sowohl die Lehrer als auch die Kinder und die Eltern.“

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Corona-Unterricht in Bayern: Eltern und Schüler kritisieren Kultusminister Piazolo und fordern Verbesserungen

Erstmeldung: 04. November 2020

Kurz vor einem geplanten Schulgipfel haben bayerische Eltern- und Schülerverbände fehlende Konzepte in Bayerns Corona-Schulpolitik beklagt und schnelle Verbesserungen gefordert.

„Wir Eltern werden nicht hinnehmen, dass unsere Kinder durch die Pandemie zu Verlierern werden“, hieß es in einem am Montag veröffentlichten gemeinsamen Schreiben der Landeselternvereinigung der Gymnasien (LEV) und des Bayerischen Elternverbands (BEV) an Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler).

Auch von Schülerseite wolle man auf „Umstände mit Nachbesserungsbedarf“ hinweisen, teilte Christian Mancin, Pressesprecher des Landesschülerrats in Bayern, in einem weiteren offenen Brief mit.

Kein Konzept: Kritik am Corona-Unterricht von Eltern und Schülern - Verbesserungen gefordert

Trotz rasch steigender Corona-Infektionszahlen bleiben Bayerns Schulen und Kitas im Rahmen des Teil-Lockdowns im November geöffnet. Die Staatsregierung hatte zuletzt mehrfach betont, dass die möglichst reguläre Weiterführung der Bildung von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Politik oberste Priorität habe.

Am Mittwoch soll es ein Gipfelgespräch mit Ministerpräsident Markus Söder (CSU) geben, zu dem laut Kultusministerium auch die Elternverbände eingeladen sind.

In dem mit den Worten „Es geht um unsere Kinder! Ein Brandbrief“ eingeleiteten Schreiben der Elternverbände kritisierten diese den Corona-Unterricht in Bayern aber als planlos und ungerecht.

Von einer „gelungenen Erziehungspartnerschaft“ könne nicht die Rede sein, weil Eltern zu Ersatzlehrern werden müssten und keine Chancengleichheit gegeben sei: „Der Leistungs- und Bildungsstand des einzelnen Schülers hängt in der Pandemie mehr denn je von elterlicher Unterstützung und Förderung ab“, hieß es.

Die Schulen seien wegen der Gefahr, jederzeit wieder auf Distanzunterricht umstellen zu müssen, auf schnelle Notengebung bedacht, was Schüler und Eltern massiv unter Druck setze. Dass oftmals Lernstoff noch nachgeholt werden müsse, werde aber nicht berücksichtigt, beklagten die Elternverbände.

Zudem herrsche auch acht Monate nach Beginn der Pandemie digitales Chaos“: Lizenzdauern für digitale Programme seien zu kurz und die Zahl der gleichzeitig verwendetet Plattformen zu groß.

Die Verbände forderten, den Lehrstoff für das Schuljahr dringend zu priorisieren und landesweite Lernstandserhebungen ohne Noten auf den Plan zu setzen, „ehe weiter auf Teufel komm‘ raus benotet wird“.

Auch die Grünen-Fraktion im bayerischen Landtag forderte mehr Flexibilität in den Lehrplänen und eine angemessene Regelung zur Notengebung und Anzahl der Leistungsnachweise in diesem Schuljahr. Vonseiten Mancins vom Landesschülerrat hieß es: „Wir möchten uns davon distanzieren, alles schlecht zu reden und sich nur zu beschweren.“ Dennoch dürfe es keine „Notenjagd“ aus Angst vor weiteren flächendeckenden Schulschließungen geben.

Auch bei den Lüftungsmaßnahmen gebe es dringenden Nachholbedarf

Das bloße Lüften von Klassenräumen allein sei nicht die Lösung und es brauche Luftreinigungs- oder Luftfilteranlangen.

Gerade in der kommenden Winterzeit kann es nicht die Realität sein, dass Schülerinnen und Schüler sich anziehen und ausrüsten müssen, als gingen sie auf eine Polarexpedition.

Christian Mancin

Die Maßnahme hätte nur zahlreiche Grippeinfektionen und Krankheitsausfälle zur Folge.

Kultusminister Piazolo wies die Kritik der Elternverbände in einer Stellungnahme zurück

Durch eine Nachfrage beim Ministerium hätte man direkt in Erfahrung bringen können, dass die Schulaufsicht wegen Beschwerden über zu viele Prüfungen bereits gebeten worden sei, die Situation zu verbessern.

Gegen unverhältnismäßig viele Leistungserhebungen an den Schulen spreche auch er sich deutlich aus: „Es besteht überhaupt kein Anlass dazu, Schülerinnen und Schüler mit übertrieben häufigen Proben zusätzlichem Druck auszusetzen.“

Dass es offene Beschwerdebriefe gebe, obwohl er immer zum Gespräch bereit sei, fände er „befremdlich“, sagte Piazolo und verwies auf das ohnehin geplante Gipfelgespräch am Mittwoch.

Ich würde mir wünschen, dass wir in dieser Krise zusammenhalten und weiterhin im vertrauensvollen Gespräch zwischen Eltern, Lehrkräften und vor allem den Schülerinnen und Schülern flexible Lösungen finden.

Michael Piazolo

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