Interview zum neuen Buch „Geisterball“

Kommentator Wolff-Christoph Fuss über Fußball in der Corona-Pandemie: Gruselige Reisen und vage Erinnerungen

Sportkommentator Wolff-Christoph Fuss aus München hat ein Buch über die Fußball-Saison 2020 und Corona geschrieben.
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Sportkommentator Wolff-Christoph Fuss aus München schreibt in seinem neuen Buch „Geisterball“ über die Fußball-Saison 2020 und Corona geschrieben.
  • Benedikt Strobach
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Wolff-Christoph Fuss aus München ist der bekannteste Sportkommentator Deutschlands. Nun hat er ein Buch über die Fußball-Saison 2020 während Corona geschrieben.

  • Wolff-Christoph Fuss aus München ist der bekannteste Sportkommentator Deutschlands.
  • Nun hat er ein Buch über das Fußball-Saisonfinale 2020 während Corona geschrieben.
  • Im Interview spricht er über Reisen in Pandemie-Zeiten, positive Erinnerungen und mögliche neue Bundestrainer.

Seine Stimme kennt jeder deutsche Fußball-Fan: Wolff-Christoph Fuss. Wie der Sportkommentator aus München die Corona-Pandemie und Geisterspiele erlebt hat, fasst er jetzt in einem Buch zusammen. Im Hallo-Interview spricht der 44-Jährige darüber, warum er die Zeit trotzdem positiv in Erinnerung behält, wie seltsam Reisen seitdem geworden ist und wer neuer Bundestrainer werden könnte.

München: Wolff-Christoph Fuss schreibt Buch über Fußball während Corona, Geisterspiele und Reisen

Herr Fuss, am Freitag, den 13. März, wurde die Fußball-Bundesliga 2020 wegen Corona unterbrochen. Glauben Sie seitdem an diesen „Unglückstag“?

Nein, ich bin kein abergläubischer Mensch. Deshalb bin ich weder davor noch danach an einem Freitag den 13. bewusst mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden (lacht). Die Unterbrechung an genau diesem Datum war ein purer Zufall.

Wie geht man als Kommentator damit um, dass es nichts zu kommentieren gibt?

Ich schaue voller Wärme auf die Zeit des ersten Lockdowns zurück. Es war wie eine Art Elternzeit. Normalerweise ist das die Hochphase der Saison, wo ich vier- bis sechsmal die Woche in einen Flieger steige und meine Familie höchstens zum Hemden-Wechseln sehe.

Wie haben Sie die „freie Zeit“ denn genutzt?

Ich habe vor allem viel Zeit mit meiner Familie verbracht. Zusammen mit meiner damals 1,5 Jahre alten Tochter habe ich etwa ein Gartenhaus gebaut. Ich habe auch neuen Rasen bei uns verlegt, mal wieder Klavier gespielt, Bücher gelesen, völlig verrückte normale Sachen.

Also können Sie nun auch „Hobbygärtner“ und „Musiker“ in Ihre Vita schreiben?

Definitiv, ja (lacht).

Wie macht man ein Buch über die Fußball-Bundesliga auch Nicht-Fußball-Fans schmackhaft?

Natürlich ist der rote Faden die Phase nach dem ersten Lockdown, das Champions League-Turnier 2020 und der Übergang in die neue Saison. So etwas hat es zuvor noch nie gegeben. Wobei das ja in erster Linie kein fußballerisches Thema war, sondern ein gesellschaftliches war und ist. Drumherum erzähle ich aber auch viele Anekdoten von diversen Erlebnissen rund um die großen Spiele der letzten Jahre und aus dem Leben. Wie etwa meine ersten Erfahrungen als Schiedsrichter beim Insassen-Fußball-Turnier in der JVA Stadelheim 2016. Es geht um Reisen, Begegnungen und Menschen und immer mit zumindest einem Augenzwinkern.

Wie haben Sie denn die erste Reise nach der Corona-Pause wahrgenommen?

Das war schon außergewöhnlich. Man befindet sich am Flughafen, wo nur eine der vier großen Tafeln die gesamten Flüge für einen Tag anzeigt, sitzt mit drei bis vier Personen im Flieger und am Zielort stehen statt gefühlten tausend nur drei Taxis. Ein Fahrer erzählte mir, dass dies nun seine erste Fahrt seit zwei Monaten sei. Im Hotel waren ich und mein begleitender Redakteur, Michael Morhardt, dann die einzigen Gäste. In Teilen gruselig in jedem Fall völlig skurril! Das komplette Kontrastprogramm zu der Zeit vor dem Lockdown. Man kann sich heute nur noch ganz vage daran erinnern, wie trubelig das früher mal gewesen ist.

Wie war der Re-Start der Bundesliga im Mai für Sie?

Das war schon komisch. Zunächst einmal musste auch ich mich mit der Tatsache arrangieren, dass das Fußballerlebnis, so wie ich es kannte, erstmal der Vergangenheit angehörte. Geisterspiele sind und waren absolut alternativlos. Auch die Teams haben meiner Meinung nach ein bis zwei Spiele gebraucht, um weg vom Gedanken eines Testspiels auf der Bezirkssportanlage nach Feierabend hin zu dem „Hier geht‘s um was“ zu kommen.

München: Wolff-Christoph Fuss über Fußball während Corona, Champions League Finalturnier und Maske beim Kommentieren

Welche Spiele der Rest-Saison 2020 sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Das ging gleich am 26. Spieltag los: Mein erstes Mal an der Alten Försterei bei Union Berlin gegen Bayern München. Ein Berliner Club mit ganz besonderer Geschichte, Einstellung, Ausstrahlung und Stimmung. Normalerweise. Das war mein erstes Geisterspiel. Die besondere Farbe bestand aus der Geräuschkulisse Rasensprenger und Vogelgezwitscher, dazwischen plätscherte ein Fußballspiel. Das alles nach meiner längsten Pause in über zwei Jahrzehnten im Kommentatoren-Beruf.

Ein unvergessliches Erlebnis: Das Finalturnier der Champions League 2020 in Lissabon. Wolff-Christoph Fuss war für Sky live dabei.

Und natürlich auch das End-Turnier der Champions League in Lissabon. Im faszinierendsten und spannendsten Modus, den dieser Wettbewerb jemals hatte, mit den besten Teams Europas. Und in der Stadt, um das Stadion herum und auf den Rängen herrschte das große Nichts.

Und Sie mussten während der gesamten Spielzeit jeweils eine Maske beim Kommentieren aufhaben…

An den ersten beiden Spieltagen, ja. Danach gab es dann Plexiglas-Scheiben rund um meinen Platz, so dass ich zumindest während des Spiels die Maske abnehmen durfte. Gott sei Dank, denn das Kommentieren mit Maske war schon eher ein Kampf um Luft, der einen halb besinnungslos gemacht hat (lacht).

Wie schafft man Emotionalität, wenn keine Fans im Stadion sind?

Fans sind das emotionale Herzstück des Fußballs. Man merkt, in jeder Minute, dass etwas Entscheidendes fehlt. Dennoch bringt jedes Spiel seine eigenen Geschichten hervor, aus denen sich Emotionen geradezu automatisch ergeben. Wenn etwa Holstein Kiel den FC Bayern aus dem DFB-Pokal wirft, ist das eine sensationelle Nummer, auch wenn keine Zuschauer im Stadion sind.

Bei welchen Spielen hätten Sie sich Zuschauer gewünscht?

Bei allen. Nehmen wir beispielhaft das entscheidende Meisterschafts-Duell zwischen Dortmund und Bayern Ende Mai. Es gab da eine Szene, wo Jerome Boateng den Ball mit der Hand im Strafraum berührt und der Schiedsrichter nicht auf Elfmeter entscheidet. Die Proteste der Spieler hielten sich in überschaubaren Grenzen. Da frage ich mich, wie da wohl die Post abgegangen wäre, wenn 80.000 Fans im Stadion gesessen hätten.

Wie sehen Sie die hohe Spiel-Taktung in den Profi-Ligen und die vielen Verletzungen? Schadet das dem Sport nicht mehr, als dass es ihm hilft?

Die Profiligen spielen, um das wirtschaftliche Überleben der Vereine zu gewährleisten. Dass Ligen und Vereine dafür alles tun, ist absolut nachvollziehbar. Der Fußball vermittelt einen Rest dessen, was wir ursprünglich mal als Normalität kannten. Dass sie das so dürfen ist ein echtes Privileg. Was mich in diesen Zeiten deutlich mehr verwundert, sind die Länderspielabstellungen und die Reisen mit den Nationalmannschaften. Auch internationale Klub-Spiele, die wegen Einreisebeschränkungen in völlig andere Länder verlegt werden, muss man kritisch hinterfragen.

Fühlen Sie sich selbst auch „privilegiert“, die Spiele begleiten zu dürfen, während große Teile des Landes daheim bleiben müssen?

Dass ich meinen Beruf jetzt ausüben darf, halte ich für ein Privileg. Allerdings haben Reisen ihren Charme verloren. Es ist wie im richtigen Leben: Das soziale Miteinander geht leider völlig verloren. Smalltalks im Stadion, in den Katakomben oder am Spielfeldrand mit Verantwortlichen oder Kollegen gibt es nicht mehr. Ich bin kurz vor Sendungsbeginn auf meinem Platz und kurz nach Abpfiff auch schon wieder weg.

Hoffen Sie noch darauf, dass zumindest der Saison-Endspurt der Bundesliga – wie in England geplant – vor Zuschauern stattfinden könnte?

Ich glaube, dass hierzulande frühestens zu Beginn der neuen Saison wieder erste Zuschauer in die Stadien dürfen. Wann wir mal wieder ein Spiel bei vollem Haus erleben werden, kann ich nicht realistisch einschätzen.

München: Wolff-Christoph Fuss über Fußball während Corona, die EM 2021 und mögliche neue Bundestrainer

Wer wird Deutscher Meister 2021?

Mein Wunsch wäre eine Entscheidung in den letzten Sekunden des 34. Spieltags. Ich glaube aber, dass der FC Bayern schon deutlich vorher alles klar macht.

Glauben Sie, dass die EM im geplanten Modus und in zwölf Städten heuer so gespielt werden kann?

Dass der Modus bleibt, glaube ich, ja. Was die zwölf Orte betrifft, da bin ich skeptisch. Ob und wenn ja in welcher Form Spiele in München stattfinden können, entscheidet am Ende das Gesundheitsamt, die Politik oder die UEFA.

Wer wird nach Jogi Löws Rücktritt neuer Bundestrainer?

Geeignete Kandidaten gibt es viele: Thomas Tuchel, Jürgen Klopp, Hansi Flick, Stefan Kuntz, Ralf Rangnick, Julian Nagelsmann und Weitere. Wenn der DFB seine Ankündigung wahr macht und keinen unter Vertrag stehenden Trainer ansprechen will, dann wird die Auswahl deutlich überschaubarer.

Aber „Hobby-Bundestrainer“ sind Sie nicht?

Nein, das nicht (lacht). Ich schaue die DFB-Spiele bei großen Turnieren schon immer gerne als reiner Konsument. Und dann am liebsten im kleinen Kreis, so dass ich die Partien in Ruhe verfolgen kann. Und dann ärgere ich mich oder freue mich, wie jeder andere auch.

Sie widmen Ihr Buch auch Pflege- und medizinischen Kräften. Sind diese die wahren Helden dieser Pandemie?

Absolut. Das sind die wahren Helden. Und das unabhängig davon, ob gerade eine hartnäckige Virenkolonie die Welt befällt oder nicht. Deren Arbeit und Hingabe sind von unschätzbarem Wert für unsere Gesellschaft. Wenn diese Pandemie dazu führt, dass dies nicht nur endlich auch der Letzte erkennt, sondern auch die Arbeitsbedingungen und die Attraktivität dieses Berufsstandes erhöht wird, dann hatte Corona zumindest etwas Gutes.

Sie sind Wahl-Münchner aus Hessen. Wo fühlen Sie sich wohler?

Ich bin in Hessen geboren, bin am Fuße der Schwäbischen Alb aufgewachsen und lebe seit über 20 Jahren in München. München ist zu meiner Heimat geworden.

Das Buch widmen Sie ihren Töchtern. Wie alt sind die beiden?

Unsere ältere Tochter ist mittlerweile auf bestem Weg zur drei, die Kleine ist viereinhalb Monate.

Als Fußball-Kommentator sind Sie ja neutral. Wenn Sie aber die Hand aufs Herz legen, für welchen Verein schlägt es in Ihrer Brust?

In frühster Kindheit hat sich mich der 1. FC Köln ausgesucht. Dazu gibt es auch eine Geschichte im Buch. Beim Kölner Auswärtsspiel gegen Arsenal in der Europa League 2017. Ich war vom damaligen Sportdirektor eingeladen und in der Ehrenloge des Stadions. Als Köln das 1:0 erzielte, riss mir beim Jubeln die Hose. Klassisch an der Naht unterhalb des Reißverschlusses einmal in voller Länge bis hinten hoch zur Gürtelschlaufe. Gestört hat es mich an dem Abend nicht. Mit zerfetzter Hose ging es dann bis in den nächtlichen Flieger zurück nach Hause.

Zur Person: Wolff-Christoph Fuss

Geboren in Hessen und aufgewachsen am Fuße der Schwäbischen Alb lebt Wolff-Christoph Fuss seit über 20 Jahren gemeinsam mit der ehemaligen Leichtathletin und Moderatorin Anna Kraft in München. Das Paar hat zwei Töchter. „Die ältere ist mittlerweile auf dem besten Weg zu drei Jahren, die Kleine ist vier­einhalb Monate“, verrät Fuss.

Seit 2012 kommentiert er für Sky Spiele in Bundesliga, DFB-Pokal, Champions oder Premier League. Ab kommender Saison wird er die Bundesliga auch für Sat.1 begleiten. Als Kommentator ist Fuss neutral, seit frühester Kindheit sympathisiert er aber mit dem 1. FC Köln.

An den ersten beiden Spieltagen nach dem ersten Corona-Lockdown musste er beim Kommentieren noch Maske tragen. Danach gab es Plexi­glas-Scheiben. „Gott sei Dank, denn das Kommentieren mit Maske war schon eher ein Kampf um Luft, der einen halb besinnungslos gemacht hat“, erinnert sich Fuss.

München: Wolff-Christoph Fuss schreibt Buch über Fußball im Corona-Jahr - Hallo verlost fünf Exemplare

Von Elfmeter-Pfiffen hinter Gittern über zerrissene Hosen bei Auswärtsspielen bis hin zum Champions League Titel des FC Bayern München im Corona-Jahr 2020 berichtet Kommentator Wolff-Christoph Fuss in seinem neuen Buch „Geisterball“. Hallo verlost fünf Exemplare.

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