Die Sängerin singt für mehr Toleranz

Veronika Bittenbinder: „Gerade jetzt braucht es politische Musik“

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Warum ihre Band ein Liebesbeweis an ihren Opa ist und warum die Grünwalderin trotzdem lieber nicht bei Familienfeiern singt, verrät Veronika Bittenbinder im Gespräch.

Ein Lied kann die Welt verändern – davon ist die 25-Jährige überzeugt. Deshalb fordert sie in ihrem neuen Album „Mehr Liebe“. Was München zur Musik-Stadt macht, verrät sie im Gespräch.

Frau Bittenbinder, viele junge Musiker versuchen ihr Glück in Berlin. Was hat Sie dazu bewogen, hier in München durchzustarten?

Viele befreundete Musiker sind tatsächlich nach Berlin, teilweise sind sie aber schon wieder da. Ich habe das Gefühl, dass es sich lohnt, Musik hier zu erleben und etwas aufzubauen. Die Szene hat sich ganz gut entwickelt. Die Künstler sind untereinander verknüpft. Ein anderer Vorteil ist, dass die Konkurrenz nicht so riesig ist. Es gibt wahnsinnig tolle Künstler, aber die Masse ist einfach nicht so groß.

Und das Publikum?

Das Vorurteil, dass hier alle so verklemmt sind, ist nicht wahr. Es gibt wahnsinnig viele, tolle, offene, laute Menschen, die Bock haben, Künstler zu sehen, die sie noch nicht kennen. Und die Szene zu unterstützen.

Das Vorurteil kaum bezahlbarer Proberäume hält sich aber zu Recht?

Die Proberaum-Situation ist wie alle miet-technischen Sachen in München: schwierig. Wir haben mittlerweile einen ganz guten Raum – in einer Außenstation des Feierwerks. Aber wir können nur einmal die Woche rein. Tolle Räume sind entweder nicht bezahlbar, oder man darf nicht laut sein.

Sind Sie viel im Münchner Nachtleben unterwegs – fernab von Konzerten?

Ich trinke keinen Alkohol, deshalb bin ich nicht so die harte Party-Maus. Es ist nicht so, dass ich jedes Wochenende im Club hängen muss. Manchmal ist es aber die beste Möglichkeit, mit meinen Freunden Zeit zu verbringen.

Die Frage nach dem Bandnamen ist in Ihrem Fall scheinbar unnötig. Aber steckt doch mehr hinter „Bittenbinder“?

Es ist ein Liebesbeweis für meinen Opa. Meine Mutter und ich sind die letzten in der Familie, die noch diesen Namen tragen. Er war Rumäne, ist hierher geflüchtet und hat den Grundstein für unsere Familie gelegt. Alles, wovon unsere Familie jetzt profitiert, hat er erarbeitet. Es war ihm wichtig, dass ich seinen Namen bekomme.

Den Sie jetzt in die Welt hinaus tragen.

Ich weiß nicht, ob ich den Namen behalten würde, falls ich mal heiraten sollte. Eher nicht. Jetzt heißt die Band so und das ist fast noch wichtiger. Ich finde es schade, dass die Band meinen Opa nicht mehr kennenlernen konnte. Wir haben mal ein Band-Wochenende im Allgäu verbracht, wo mein Opa gelebt hat. Das war sehr besonders.

Das Album haben Sie in einer Wirkungsstätte Ihres Vaters, Heinz-Josef Braun, seinem Studio, aufgenommen. Wie war das?

Ich habe es alleine geschrieben, aber wir haben das komplette Album zu zweit aufgenommen und produziert. Ich habe angefangen, mit meinem Vater Musik zu machen und so war es eher ein Schritt dorthin zurück. Das war schön. Und es ist auch nicht so ein Vater-Tochter-Ding. Sondern Arbeiten auf Augenhöhe.

Das neue Album heißt „Mehr Liebe“. Wollen Sie die oder schenken Sie sie?

Wir fordern sie. Es geht darum, dass Konflikte entstehen, weil zu viel Hass und Unzufriedenheit in der Luft sind. Parteien wie die AfD nutzen die Sorgen der Menschen aus und suchen nach Feindbildern. Das wird dem Leben nicht gerecht. Wenn man mehr auf sein Herz hören würde, dann wäre klar, was zu tun ist. Mehr Liebe klingt dabei vielleicht etwas kitschig, aber es steht für mehr Offenheit, Empathie.

Es ist also ein politisches Album?

Ja, gerade jetzt geht es fast nicht anders.

Das Musik-Business ist männerdominiert. Wie sehen Sie diese Problematik?

Manchmal fragen Techniker, mit wem sie sprechen könnten. Mit mir! Dann sind sie aber nur kurz überrascht. Die Hintergründe, das Geschlecht – wenn man zusammen Musik macht, ist das alles egal. Tatsächlich arbeite ich oft mit Männern. Ich habe aber nicht das Gefühl: „Oh, da sind lauter Männer, ich bin die einzige Frau“. Sondern da sind wir alles Musiker.

Star-Allüren haben dann auch keinen Platz.

Ich liebe es, wenn Leute zusammenspielen. Ich zeige auf der Bühne eine andere Seiten meiner Persönlichkeit, ich stelle mich aber nicht gern in den Mittelpunkt. Wenn meine Freunde oder Familienmitgliedern auf Geburtstagsfeiern etwa möchten, dass ich was singe, dann ist mir das voll unangenehm. Sie sagen dann: „Du machst das doch die ganze Zeit und spielst vor 1000 Leuten und hier stellst du dich so an!“ Die kenne ich halt nicht, und da ist es was komplett anderes.

Apropos: Planen Sie auch Konzerte ohne Heimvorteil?

Das ist geplant. Wir versuchen, so viele Städte wie möglich abzuklappern. Vielleicht lande ich so in Berlin (lacht).

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ZUR PERSON

Die 25-jährige Veronika Bittenbinder macht sich nichts aus Fußstapfen. Sie ist die Tochter des Bassisten, Schauspielers und Kabarettisten Heinz-Josef Braun und der Schauspielerin Johanna Bittenbinder. Im Blut liegt ihr aber weniger das Schauspiel als die Musik: „Ich habe schon gespielt, aber es ist halt nicht meine Liebe. Ich habe da nicht den Ehrgeiz und die Motivation auf eine Schauspiel-Schule zu gehen. Die Musik ist viel wichtiger“, sagt sie beim Interview. Auch wichtiger als die Schule, die sie in der zwölften abgebrochen hat – um die Neue Jazzschool München in Pasing zu besuchen. Ein wagemutiger Schritt, der sich lohnte: Heute schreibt sie Lieder für verschiedene Bands und arbeitet als Studiomusikerin. Jetzt startet die Grünwalderin mit ihrer Band „Bittenbinder“ durch und veröffentlicht bereits das zweite Album „Mehr Liebe“.

Erst zum Muttertag hat uns Veronika Bittenbinder verraten, warum ihre Mama die beste ist - im großen Mutter-Tochter-Interview.

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