Thomas D im Gespräch mit Hallo München

München-Konzert der Fantastischen Vier: „Früher waren unsere Egos größer“

Kult-Rapper Thomas Dürr im exklusiven Interview mit Hallo München.
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Kult-Rapper Thomas Dürr im exklusiven Interview mit Hallo München.

Die „Fantastischen Vier“ spielen im Mai auf dem Königsplatz. Ob es ein neues Album gibt, was sich in 30 Jahren Fantas verändert hat,  verrät Thomas D im Interview

Kult-Rapper Thomas Dürr im exklusiven Interview mit Hallo München:

Herr Dürr, wie geht es Ihnen? 

Herrlich. Eine wohltuend andere Antwort in Zeiten, in denen das Coronavirus alles beherrscht. Vermutlich auch Ihre Tour-Planung. Noch haben die Rorona-bezogenen Regelungen keinen direkten Einfluss auf unsere Tour-Termine. Aber es wäre natürlich verheerend – jetzt, wo wir zum ersten Mal in unserer Karriere eine Stadion-Tour spielen. Solche Termine sind rar, die kann man nicht einfach mal verschieben. Kurz: Wir sind am Bangen und unser Management springt im Viereck.

Hamstern Sie schon Klopapier? 

Ich habe mir vor vielen Jahren auf unserem Gelände einen Natur-Pool angelegt. 170.000 Liter Wasser sollten für die ein oder andere Spülung reichen – in anderen Ländern geht das ja auch mit Wasser statt mit Klopapier. Aber im Ernst: Ich bin hin und hergerissen. Die Experten sind sich ja selbst noch nicht einig, wie schlimm Corona beispielsweise im Vergleich zur Grippe ist.

In München sind Sie kurz davor, zwei Mal den Königsplatz auszuverkaufen. Weiß man als gebürtiger Stuttgarter, was das für eine Ansage ist? 

Man weiß, dass München eine unserer größten und ersten Hochburgen ist. Dort hatten wir gefühlt schon Fans vor der Stunde Null. Dass der Königsplatz eine wunderschöne Location ist, wissen wir auch, obwohl wir noch nicht dort gespielt haben. Aber trotzdem muss ich zugeben: Der Erfolg der Ticketverkäufe übersteigt alles, was wir bisher erleben durften.

„Man weiß, dass München eine unserer größten und ersten Hochburgen ist.“

Treten Sie heuer dort auf, weil Sie beim vergangenen Gastspiel in der Olympiahalle ein Ordner nicht erkannt hat und Sie nicht reinlassen wollte? 

Ich boykottiere seit 30 Jahren diese ID-Kärtchen um den Hals. Normalerweise reicht es, wenn ich die Ordner nett bitte, sich das Tourplakat anzusehen und frage, ob er in mir nicht den sympathischen jungen Mann, der da hängt, wiedererkennt. Nach dem Motto: Schauen Sie mir ins Gesicht – schauen Sie an die Wand! Aber mittlerweile muss ich mir doch öfter das Kärtchen umhängen (lacht).

Der Erfolg der Fantas scheint ungebrochen. Woran liegt das? 

Wir haben selber lange gebraucht, um das zu verstehen. Michi dachte ja schon nach der 4. Dimension (… Anm. d. Red.), dass da nichts mehr kommen kann. Dieses Gefühl hat sich hartnäckig gehalten. Vielleicht haben wir anderen drei auch deshalb so hart gearbeitet, um Michi vom Gegenteil zu überzeugen. Erst als dann zu unserem 20. gut 65.000 Menschen zur Cannstatter Wasen gekommen sind, haben wir angefangen zu glauben, dass dieser Erfolg Bestand hat.

Sie haben also 20 Jahre lang trotz all der Erfolge Selbstzweifel geplagt? 

In gewisser Weise schon. Aber langsam haben wir begriffen: Solange wir nicht auf berufsjugendlich machen, gesund bleiben und authentisch sind, haben wir vielleicht gar kein Verfallsdatum.

Wie hält man es als Band solange miteinander aus? 

Wir haben alle unser eigenes Leben, unsere eigenen Familien. Dadurch hat man sich nicht aneinander satt gelebt. Und als Musiker ist man sehr harmoniesüchtig. Vielleicht, weil man täglich mit Harmonien arbeitet. Man denkt sich ja oft: Wenn alle so wären wie ich, dann wäre alles viel leichter. Aber das ist falsch. Bei uns auf der Bühne stehen drei Rapper, die sehr unterschiedlich sind und sehr unterschiedliche Meinungen zu einem Thema haben. So sprechen wir ein viel breiteres Publikum an. Wir sind quasi drei Seiten einer Medaille. Dass wir das gemerkt haben, hat vieles leichter gemacht.

Thomas Dürr: „Wir haben alle unser eigenes Leben, unsere eigenen Familien. Dadurch hat man sich nicht aneinander satt gelebt.“

Leichter gemacht bedeutet aber auch: Es war nicht immer so. Gab es früher also mehr Zoff? 

Zoff ist das falsche Wort. Die Egos waren größer. Man wollte die anderen von seiner Ansicht überzeugen und war enttäuscht, wenn man das nicht geschafft hat. Jetzt erkennen wir in dieser Unterschiedlichkeit den Mehrwert. Das macht das Songschreiben leichter.

Ein gutes Stichwort. Wie sieht es mit einem neuen Album aus? 

Die erste Entscheidung in dieser Hinsicht ist gefallen. Es wird ein neues Album geben. Aber die Zeit hat gezeigt, dass wir dafür eine Zeit lang brauchen. Man muss für sich selbst das letzte Album als alt akzeptieren können. Ein neues Album darf nicht nach Captain Fantastic klingen. Das ist der größte Teil der Reise: Was will ich mitteilen? Wie will ich mich neu erfinden?

Wie lange dauert diese Reise? 

Zwei bis drei Jahre. Nein, besser ein bis zwei Jahre, sonst regt sich unser Manager auf, wenn er das Interview liest (lacht).

Campino hat in einer Doku über die Toten Hosen gesagt, früher sei eine Tour wie Urlaub gewesen. Eine große Party. Heute sei das umgekehrt. Da seien die Tour-Pausen wie Urlaub, weil man auf den Konzerten einen sehr hohen Anspruch hat und Leistung bringen will. Wie ist das bei den Fantas?

 Ich habe die Doku auch gesehen und auch bei mir ist dieser Satz hängen geblieben. Jetzt muss man natürlich sagen: Wir haben die Tour schon immer sehr ernst genommen. Davon abgesehen – (überlegt) – solange man wie wir Kinder im schulpflichtigen Alter hat, kann von Urlaub keine Rede sein. Von wegen Popstar-Leben: Du bist auch als Elternteil gefangen im Zeitplan der Schule. Bei uns ist ganz klar die Tour die Party.

„Wenn wir jemanden in Not sehen, dann sollten wir ihm unsere Hand reichen, statt mit dem Handy draufzuhalten.“

Die Fantas behandeln immer wieder auch gesellschaftliche und politische Themen. Sie haben einmal moniert, dass die jungen Rapper in ihren Texten nicht die Zukunft des Planeten behandeln sondern nur Gangster-Klischees bedienen. Ist es trotz FridaysForFuture uncool, über solche Themen zu rappen? 

Genau diese Frage stellte ich mir. Auf der einen Seite merkt die Jugend offensichtlich, dass die Welt am Abgrund steht. Ich meine, wenn 11.000 Wissenschaftler ein Papier unterzeichnen, das aussagt, dass wir nur noch 30 Jahre haben, wenn sich nichts ändert, dann glaube ich denen eher als 11.000 Politikern. 

Dass das noch nicht im Rap angekommen ist, begreife ich nicht. Stattdessen machen sie die Amis nach. Zugegeben, das ist teilweise sehr gut. Aber es ist NACHgemacht. Erzähl mir nichts von dicken Autos, dicken Frauen und dicken Ketten in Zeiten, in denen man mit CDs eh nichts mehr verdient. 

Und dein Gold kannst du auch nicht fressen, du Gangster. Was gibst du mir also? Dieses Geben wird völlig vergessen im Ego-Trend der Selbstdarstellung. Wenn wir jemanden in Not sehen, dann sollten wir ihm unsere Hand reichen, statt mit dem Handy draufzuhalten. 

Wir Künstler müssen uns für diese Werte einsetzen. Kultur formt eine Gesellschaft. Wenn das nicht passiert, ist das nicht meine Welt. Die Kraft der Musik nicht zu nutzen ist ein Missbrauch der Kunst. Ganz genau – ein Missbrauch der Kunst. So, das musste mal sein.

Wie Thomas D und die Fantas auch nach 30 Jahren Bandgeschichte die Bühne rocken, zeigen sie beim Konzert-Doppelpack auf dem Königsplatz - Hallo verlost 5x2 Karten.

Zur Person

Geboren wurde der mittlerweile 51-jährige Thomas Dürr in Stuttgart. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Zusammen mit seiner Familie und anderen Musikern lebt er seit vielen Jahren in der sogenannten M.A.R.S. – kurz für „Moderne Anstalt Rigoroser Spakker“ –, einer Künstler Kommune in der Eifel. 

Erfolge zuerst und vor allem, aber nicht ausschließlich mit den Fantas: Auch solo („Rückenwind“) und mit anderen Projekten wie der Band „Son Goku“ landete der Rapper in den Charts und erwies sich in diversen Projekten als erfolgreicher Werbeträger. 

Tiefgründig und immer wieder auch gesellschaftskritisch sind übrigens nicht nur seine Texte. Seit vielen Jahren setzt sich Dürr unter anderem aktiv für den Tier- und den Klimaschutz ein.

Interview. von MARCO LITZLBAUER

Haben wir ihr Interesse geweckt? Mehrexklusive Interviews gibt es in unserer Übersicht.

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