A bis Z mit dem Gemeinderabbiner

Steven Langnas: "Toleranz muss in die Herzen der Münchner"

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Rabbi Steven Langnas sprach mit Hallo über den Holocaust, Antisemitismus und das Judentum - von A bis Z.

Rabbi Steven Langnas ist so etwas wie Münchens Religionsvermittler - dafür bekommt er im Herbst einen Preis verliehen. Wie ein Miteinander funktioniert, worüber er sich Sorgen macht:

Als Gemeinderabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde kam Steven Langnas im Juli vor 20 Jahren nach München. Das Amt übt er zwar seit 2011 nicht mehr aus, um interreligiösen Austausch bemüht er sich aber mehr denn je. Für sein Engagement hat der Isarvorstädter jetzt den Manfred-Görg-Preis zugesprochen bekommen. „Mit dem von ihm initiierten ‚Münchner Lehrhaus der Religionen’ öffnete er neue Wege des Austauschs und des Miteinanders für Juden, Christen und Muslime in unserer Stadt“, so die Begründung der Forschungsgesellschaft „Freunde Abrahams“, die den Preis im September überreicht.

Wie er das Zusammenleben in München einschätzt, was ihn besorgt und was der LMU-Dozent seinen Studenten ans Herz legt, verrät er im Interview von A bis Z.

Romy Ebert-Adeikis

Antisemitismus spüre ich in meinem Alltag in München nicht. Die Stadt ist eine Oase der Sicherheit. Bei jeder Demonstration von AfD oder Pegida hier ist die Gegendemonstration drei Mal so groß. Das ermutigt mich. Aber Deutschland allgemein macht mir schon Sorgen.

Berufung: Dass ich Rabbi werden will, wusste ich schon mit neun Jahren. Mein Großvater hat mich immer mit in die Synagoge genommen – das habe ich geliebt. Aber Rabbi zu sein ist eine Herausforderung. Man hat ein Produkt – die Religion – zu verkaufen, das heute eigentlich nur noch wenige interessiert.

Charlotte Knobloch: Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ist eine Frau, die mehr geleistet hat als zehn Männer – und es immer noch tut. Ich bin dankbar für die langjährige, fruchtbare Zusammenarbeit und wünsche ihr noch lange gesunde Jahre.

Dialog ist ganz zentral für das Zusammenleben und die Arbeit des Lehrhauses der Religionen. Je mehr man miteinander redet, desto besser versteht man sich.

Erziehung ist in jeder Religion wichtig, sie prägt unseren Charakter. Für das Judentum ist die Erziehung aber sogar das A & O, weil sie alle Aspekte des Lebens betrifft. Um die Kontinuität der Religion zu bewahren, müssen zuhause wie in der Schule rituelle wie jüdische Wertevorstellungen weitergegeben werden.

Flüchtlinge: Es ist leider bekannt, dass in Kreisen muslimischer Flüchtlinge Antisemitismus gang und gebe ist. Da braucht es eben genau das: Erziehung.

Gott: Judentum und Islam haben den gleichen einzigen Gott. Beim Christentum ist es wegen der Dreifaltigkeit ein bisschen anders. Dort entspricht Gott der Vater Haschem und Allah in Judentum und Islam.

Haus: Bisher nutzt das Lehrhaus einen Raum in der Universität für Veranstaltungen. Es gibt aber eine Initiative für ein Haus der Kultur und Religionen, in dem auch wir untergebracht sein sollen. Bis dahin gilt: Wer einen Raum für uns hat, dem sind wir sehr dankbar.

Israel: Dort habe ich zwei Jahre gelebt und das Land oft besucht. Die Kritik der Deutschen an Israel macht mich traurig. Wenn man nicht dort wohnt und die Tatsachen nicht aus erster Hand erfährt, sollte man nicht beurteilen. Mein Gefühl: Die Israelkritik ist nur altes Gift in neuen Flaschen.

Jakobsplatz: Den Bau des neuen jüdischen Zentrums am Jakobsplatz habe ich von der Planung bis zur Eröffnung miterlebt. Dass die neue Synagoge im Stadtzentrum steht, zeigt, dass das Judentum hier lebt und Zukunft hat.

Koscher: Ich setze mich seit Jahren dafür ein, dass mehr koschere Produkte gekauft werden können. Es ist ein großer Erfolg, dass die Pfister-Bäckerei inzwischen 20 koscherer Brot­sorten anbietet. Auch in Berlin haben sie eine Filiale eröffnet – hauptsächlich wegen des koscheren Brots.

Lehrhaus der Religionen: Seit 2014 lernen wir über Themen der drei monotheistischen Religionen. Das nächste wird wahrscheinlich „Freud & Leid“ sein und behandeln, wie man in den jeweiligen Religionen feiert oder trauert.

Marx, Reinhard Kardinal: Ein sehr fortschrittlicher Mensch und begabter Redner, den ich sehr schätze. Neulich sagte er mir: „Antisemitismus nimmt leider zu. Aber dieses Mal werden wir es ihm nicht erlauben, uns Christen und Juden auseinanderzubringen.“

Nie wieder: Wenn meine Studenten fragen, warum sie immer noch so viel vom Holocaust hören müssen, sage ich ihnen: Wenn ihr dafür sorgt, dass so etwas nie wieder passiert, erst dann kann es Vergangenheit werden.

Orthodox: Ich bemühe mich, orthodox zu leben. Das heißt unter anderem drei Mal am Tag zu beten, Schabbat und Feiertage, ethisches Benehmen und Speisevorschriften einzuhalten. Aber jeder hat seine Schwächen. Meine will ich hier nicht verraten.

Philadelphia: Dort bin ich in einem sehr jüdischen Viertel aufgewachsen, in New York habe ich studiert. In den USA gibt es große jüdische Zentren, nicht mit München zu vergleichen. Etwa ein Mal im Jahr bin ich noch da. Dort kann ich immer wieder spirituelle Energie schöpfen.

Queer: In den Synagogen und der jüdischen Gemeinschaft sollen alle Juden sich willkommen und akzeptiert fühlen, unabhängig von der Orientierung.

Russland: Über die Hälfte der 9000 Mitglieder unserer jüdischen Gemeinde stammt aus der ehemaligen Sowjetunion.

Schabbat: Am Freitagabend und Samstag gehört der Gottesdienst und ein festliches Essen bei mir dazu. Das erlebe ich mit Familie, Freunden – und manchmal auch mit Gästen, die einfach so erscheinen.

Toleranz: München ist offiziell sehr tolerant, das muss aber auch in die Köpfe und Herzen der Menschen.

Universität: Seit vier Jahren halte ich Vorlesungen an der LMU. Der frühere Lehrstuhlinhaber für Religionspädagogik, Prof. Stephan Leimgruber, fand es angemessen, wenn es dort auch einen Kurs übers Judentum gibt. Und wer könnte das besser vermitteln als ein Rabbiner?

Vermittler: Ich habe viele getroffen, die nie in eine Synagoge, Kir­­­che oder Moschee gehen würden, aber etwas über Religion lernen wollen. Deswegen ist das Lehrhaus in einem neutralen Raum, ohne Verbindung zu einer Religion.

Wurzeln: Bevor es das Lehrhaus der Religionen gab, gab es in München zwar Begegnungen, aber kein gemeinsames Lernen der Wurzeln der drei Religionen. Nur so versteht man aber die Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

X-mal habe ich gehört, dass Juden immer Geld hätten. Schön wäre es...

Yiddish: Eine schöne, saftige Sprache, die leider immer seltener gesprochen wird. Ich selbst bin mit Englisch aufgewachsen, meine Familie war eher deutschsprachig.

Zehn Gebote: Sind für praktizierende Juden wie ein Inhaltsverzeichnis der 613 Gebote der fünf Bücher Mose.

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