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Comedian Simon Pearce im Interview über Alltagsrassismus, sein neues Programm und die Panik vor der Premiere

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Von: Sebastian Obermeir

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Lacher auf den letzten Drücker: Simon Pearce arbeitet kurz vor der Premiere noch an seinem Programm.
Lacher auf den letzten Drücker: Simon Pearce arbeitet kurz vor der Premiere noch an seinem Programm. © Philipp Wulk

Kurz vor der Premiere seines neuen Programms „Hybrid“ kommt Simon Pearce noch ins Schwitzen. Sollte er sich also derzeit auf der Wiesn blicken lassen – dann nur, weil die Verlockung doch zu groß war. Aber mit dem letzten Drücker hat der Münchner Kabarettist ja schon Erfahrung, wie er im Gespräch verrät.

Herr Pearce, wie viele Käppis haben Sie eigentlich im Schrank?

68 oder so. Ich hab schon bisschen Probleme, alle unterzubringen. Momentan sind sie im Regal aufeinandergestapelt. Ich war gerade beim Sport und bin noch ungeduscht muss ich zugeben. Aber auch jetzt: T-Shirt und Käppi und meistens auch die Sneaker müssen farblich zusammenpassen.

Im Pressetext zu Ihrem neuen Programm „Hybrid“ wird die Frage aufgeworfen, ob man ein guter Vater sein kann, wenn man sich selbst noch wie ein Kind fühlt. Was meinen Sie?

Der Spieltrieb und die Albernheit sind cool. Aber generell dieses „Das Kind in sich bewahren“? Ich weiß ja nicht. Kinder lösen ja jeden Konflikt mit Gewalt. Die nehmen sich die Kelle am Spielplatz weg und das wird direkt mit einer Prügelei gelöst (lacht).

Hallo München verlost Premierenkarten für das neue Kabarett-Programm „Hybrid“ von Simon Pearce.

Der Vater-Alltag ist also Teil von „Hybrid“?

Auf jeden Fall. Das hat mich in den vergangenen Jahren stark geprägt. Auch als Künstler. Feierabend-Bier gibt es, wenn dann erst um halb elf. Und um halb acht klingelt der natürliche Wecker. Das hab ich nicht mit einkalkuliert.

Wie geht es Ihnen, wenn viele Auftritte anstehen, so wie jetzt?

Das ist schon arg. Während der Pandemie hatte ich nicht so viele Auftritte und mehr Zeit für meinen Sohn. Und jetzt hat er diesen Trennungsschmerz. Das Gute ist aber, dass ich nie so ganz lange weg bin. Und wenn doch, kommt mich meine Familie besuchen.

Ist Ihr Sohn auch schon Löwen-Fan?

Naja. Er sagt zwar: „Wir sind München, nicht Bayern, ge?“ So allgemein sind 90-Minuten-­Spiele für ein Kind aber noch recht langweilig. Aber das Trikot trägt er gern.

Die „Hybrid“-Premiere findet während der Wiesn statt. Waren Sie schon dort?

Ich geh jetzt vorher gar nicht auf die Wiesn. Erstens würd’ mir das Virus momentan nicht reinpassen und zweitens bin ich ja Künstler und hab das Programm dementsprechend noch gar nicht fertig.

Wirklich?

Ich bin voll im Panikmodus und hab schon vielen Kollegen geschrieben, die meinten dann: Kurz vorher fangen wir doch alle erst an.

Was fehlt denn noch?

Die Grundzüge stehen, aber ich muss noch strukturieren, damit es eine Dramaturgie kriegt. Ich nehme es mir jedes Mal vor, früher fertig zu sein. Schon in der Schule hab ich die Facharbeit in der Nacht vor der Abgabe geschrieben. Und damals konnte man sich noch nix aus dem Netz ziehen. Mein voriges Programm habe ich auch in der Nacht vor der Premiere um halb fünf fertig geschrieben. Jetzt hab ich mir den ganzen Sommer freigeschaufelt und schon wieder sitze ich hier und es sind nur noch ein paar Tage.

War der Sommer denn wenigstens schön?

Klar. Das Wetter war traumhaft, die Verlockungen gab es halt überall. Später setze ich mich hin und schaue, dass nichts in meinem Blickfeld liegt. Sonst muss ich noch genau jetzt die Bücherregale sortieren oder mein Gott, die Fenster müsste man wieder reinigen. Ist nichts in meinem Blickfeld, lese ich mir alles, was ich bisher habe, noch einmal durch.

Können Sie aus den Grundzügen schon was verraten?

Das Bild „Älterwerden“ haben wir ja schon angesprochen, außerdem geht es noch um meine Familie. Meine Frau ist ja noch durchgeknallter als ich. Dadurch muss ich jetzt den spießigen Teil übernehmen. Plötzlich bin ich derjenige, der weiß, wo der Reisepass von unserem Sohn ist. Dabei wusste ich nie, wo meiner ist. Ich sag dann so Sachen wie: „Tu das bitte in den Ordner Familie, sonst finden wir das nicht. Denkst du bitte dran, das Bußgeld zu überweisen?“ Eine ganz komische Situation für mich!

Beschäftigt Sie das Thema Alltagsrassismus auch im neuen Programm?

Ich wollte weiter weg von den Hautfarben-Themen und es ist auch kein Schwerpunkt mehr, aber ausblenden kann ich es nicht. Manche Sachen will ich einfach erzählt haben. Ich mag München und es ist super hier, aber perfekt ist es auch nicht. Es passiert immer noch scheiße. Ich werde beschimpft, meine Frau wurde angespuckt, weil sie mit meinem Kind schwanger war. Das sind Dinge, an denen ich noch arbeite. Das darf man in einem Comedy-Programm nicht zu schwer machen.

Wie geht es Ihrer Frau damit, wenn Sie solche Situationen auf der Bühne verarbeiten?

Sie ist generell dafür, dass ich laut bin und mich einsetze. Und nicht, um Klicks abzuholen, wie viele einem oft vorwerfen. Sondern weil man es erzählen muss. Ich habe schon auch immer Angst um meine Frau und meinen Sohn. Denn wenn ich ins Brennglas von Rechten komme, ziehe ich die mit rein.

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Zur Person

Ob er nun Schauspieler, Synchronsprecher oder Comedian ist, das weiß Simon Pearce selbst nicht ganz genau. Also geht er auf Nummer sicher und entscheidet sich einfach gar nicht. So ist der 41-Jährige, der mit Frau und Sohn im Glockenbachviertel lebt, in unzähligen Filmen, Serien und Fernsehsendungen genauso zu sehen, wie als Synchronsprecher zu hören oder als Comedian auf der Bühne vertreten. Und auch dort will sich der Sohn eines nigerianischen Gastronomen und der Schauspielerin Chrisitane Blumhoff nicht festnageln lassen: Er wechselt so elegant zwischen lustigen Anekdoten und ernster Ansprache, zwischen Gaudi und Nachdenklichkeit hin und her, dass für sein neuestes Programm gar kein anderer Name infrage gekommen wäre: „Hybrid“, das passt. 

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