Interview

Sigi Zimmerschied: „Wir Kabarettisten 
werden domestiziert“

Sigi Zimmerschied
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Sigi Zimmerschied blickt auf 40 Jahre als Kabarettist zurück
  • Claudia Theurer
    vonClaudia Theurer
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Er spielt lieber Bösewichte statt Gutmenschen in seinen Kabarettprogrammen. Warum das so ist, wie er sein Best-Of-Programm verteidigt, was den Schauspieler vom Kabarettisten unterscheidet und ob die Menschheit noch zu retten ist, erklärt der 68-jährige Passauer Kabarettist hier im Hallo-Interview.

  • Seit 40 Jahren ist der Passauer Sigi Zimmerschied als Kabarettist tätig
  • Jetzt legt er mit „Maskenball“ sein neues Programm vor
  • Im Interview verrät er mehr zu seinem Best-of-Programm und seine Lebensrolle

Herr Zimmerschied, Ihr neues Programm heißt „Maskenball“...

Das ist die Summe aus 40 Jahren Kabarettistenleben. Man begegnet so vielen Masken und immer ist der selbe Mensch dahinter. Es soll auch zeigen, wie wenig sich in diesen 40 Jahren hinter den Masken verändert hat.

Das heißt?

Mein Programm hat zwei Teile: Im ersten geht es darum, welche Figuren man bisher entwickelt und geschrieben hat und im zweiten Teil werden sie an der pandemischen Wirklichkeit gemessen.

Wie gehen Sie persönlich mit der Pandemie um?

Ich habe versucht, die Gesetzmäßigkeit und die Wissenschaft zu begreifen. Ich habe daheim geschrieben für die Zeit, wenn Auftritte wieder möglich werden. Und vieles habe ich einfach nicht vermisst, am allerwenigsten das Geblöke der Masse in den Stadien. Ich versuche, psychisch gut durch diese Zeit zu kommen. Und ich bin auch schon geimpft.

Warum spielen Sie eigentlich immer Ungutmenschen, um nicht zu sagen, Arschlöcher?

Weil ich sie nie so spiele, dass ich nur eine Seite zeige. Mich interessiert, wenn die Figuren opulenter ausfallen. Sie sind zu Theaterfiguren geworden, auch wenn sie manchmal ungustiös daherkommen. Der Bösewicht ist einfach der schönere Part. Gutmenschen sind langweilig. Jetzt wird es natürlich bedrohlich, wenn die Leute wieder den Katechismus unterm Arm tragen. Das humorlos Alternativlose, Genderwahn, Rassismushysterie und die Zensur in den Medien sind erschreckend.

Woher kommt das?

Weil jetzt Menschen daherkommen, die die selbe eitle Enge in sich tragen wie die Kleriker, die ich vor 40 Jahren beschrieben habe. Insofern könnte Gutmensch wieder ein Thema werden.

Ist die Menschheit noch zu retten?

Ich glaube schon. Auch wenn unsere Spezies, der Homo, seinen Sapiens verliert. Irgendwann werden wir Geschichte sein. Dieses Spektakel lässt sich der Schöpfer nicht entgehen.

Sind wir nicht durch Geimpfte oder Nichtgeimpfte schon zu einer Zweiklassen-Gesellschaft geworden?

Für einen Wimpernschlag. Nein, die Wissenschaft und die Medizin sind das Einzige, das mich überzeugt hat. Ohne sie täten wir dahinsiechen. Das ist das einzig Positive. Auf Klassenlosigkeit oder die Lernfähigkeit des Menschen zu setzen – das kann tödlich sein.

Kabarett wird ja immer unpolitischer, woher kommt das?

Das liegt nur an den Medien. Stufe für Stufe werden Kabarettisten domestiziert. Es regieren Angst, Quotendiktat und Anpassung. Ich kann diese Domestiziertheit nicht mehr anschauen.

Viele Ihrer Kollegen machen ja ein Best-Of-Kabarett, Sie jetzt auch. Fällt Ihnen allen nichts mehr ein?

Alt. Neu. Das sind keine Begriffe, wenn’s um Zeitlosigkeit geht. Die Hälfte meines Programms ist aktuell, die andere bespielt im Vergleich Vergangenes. Mit dem Ergebnis: Die Grundthemen sind seit Sophokles die gleichen. Mein Programm ist eine ganz neue, eigenständige Produktion. Ich finde auch, ab und zu ist ein Best Of notwendig. Das ist wie ein Spaziergang mit alten Freunden. Den gönne ich jedem.

Was kann man als Kabarettist besser machen als ein Schauspieler?

Als Schauspieler bist du zerrissen zwischen Wirklichkeit und literarischem Entwurf. Kabarettisten reagieren komplex. Das ist die Königsdisziplin. Die Schauspielerei beginnt aus der Präzision. Und von dieser profitiert man als Kabarettist.

Ein nächstes Filmprojekt?

Demnächst kommt Jörg Grasers „Weißbier im Blut“ ins Kino. Ich spiele da einen Kommissar im bayerisch-tschechischen Grenzgebiet, der zwischen Humanismus und Anarchie, Rausch und Gedankenpräzision lebt. Meine Lebensrolle!

Zur Person: Sigi Zimmerschied

Über seine Passauer Jugend und Kindheit sagt der Kabarettist und Schauspieler Sigi Zimmerschied: „Landesüblich sozialisiert über katholischen Kindergarten, Volksschule, humanistisches Gymnasium, Sportverein und Ministrantendienst“. Durch die österreichischen, böhmischen und tschechischen Einflüsse im Passauer Dreiländer­eck definiert sich die Gegend für ihn immer wieder neu, wie der 68-Jährige sagt. Der Name Zimmerschied kommt übrigens aus dem Rheinländischen. „Bei Bad Ems gibt es einen gleichnamigen Ort. Ich bin da mal hingefahren. Die Physiognomien haben das belegt“, so Zimmerschied. Seine Karriere begann 1976 mit seinem Soloprogramm „Zwischenmenschen“, seit 2013 ist er als Dienststellenleiter Moratschek in den Rita-Falk-Krimis zu sehen.

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