Karl Stankiewitz über seine Kindheit, Archive, zahlreiche Isar-Sommer und Likör

Sein Leben an der Isar

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Seit 70 Jahren wohnt Karl Stankiewitz an der Isar.

Lehel/Haidhausen – Zu seinem 90. Geburtstag erinnert sich Karl Stankiewitz in Hallo an das Haidhausen seiner Kindheit und Jugend

Schon als Schüler am Wirtschaftsgymnasium in der Wilhelmstraße gründete Karl Stankiewitz (89) 1946 die erste Schülerzeitung Münchens „Der Funke“. Der damalige Münchner Stadtschulrat Anton Fingerle gab ihm persönlich ein Interview, die CSU witterte Revoluzzer und schrieb wiederum über Stankiewitz eine Glosse in ihrer Parteizeitung. Seit über 70 Jahren wohnt der Journalist in der Widenmayerstraße, sein Blick fällt vom Arbeitszimmer aufs Maximilianeum. Nicht nur mit dem Lehel, auch mit Haidhausen verbinden den Reporter und Buchautor viele Erinnerungen, der am 27. Oktober seinen 90. Geburtstag feiert. Deswegen widmet ihm das Haidhausen Museum jetzt auch eine Ausstellung. In Hallo München erzählt das Urgestein über...

...seine Kindheit in München:
Meine Mutter fand 1938 keine Wohnung, so kam ich im Kinderasyl in der Hochstraße unter. Mit meinem Klassenkamerad, dem Schauspieler Philip Arp, drückte ich die Schulbank am Maria­hilfplatz. Jeden Tag liefen wir gemeinsam den Gebsattelberg hinunter.

...ein Kriegserlebnis:
Im Krieg war ich als Melder mit dem Rad unterwegs in München, sah den Brand des Nationaltheaters.

...seinen Einberufungsbefehl:
Mein Einberufungsbefehl lautete auf den 1. April 1945 – die Mutter versteckte mich bis zum Kriegsende im Haus. Ich war Deserteur. Nach Kriegsende besuchte ich die Wirtschaftsoberschule in der Wilhelmstraße.

...das Bürgerbräu:
Alle haben nach Kriegsende vor Hunger geplündert. Das Bürgerbräu in der Rosenheimer Straße war ergiebig. Da habe ich einen großen Käselaib rausgezogen. Er hielt vor, bis ich 1946 zur Feldarbeit im Herbst nach Moorenweis eingezogen wurde. Dort hat man mir das Käseeck Verpflegung nach zwei Tagen gestohlen.

...die Riemerschmid Likörfabrik:
Hier auf der Praterinsel ergatterten mein Großvater und ich 1945 einen Sack Zucker und zehn Flaschen Arak. Das hat uns am Leben gehalten im Winter, denn mit Arak heizten wir ein.

...seinen großen Schwarm:
Margot Hielscher versprach mir bei einem Konzerte der US-Jugendabteilung Ende 1949 in Bogenhausen ein Interview zu ihrem 100. Geburtstag. Dass es durch Ihren Tod mit 97 Jahren dazu nicht kam, bedauere ich bis heute: Sie war eine Schönheit, ich war als junger Mann fast in sie verliebt!

...Haidhausen in den 60ern:
Haidhausen boomte in den 60er-Jahren. Schwabing wurde vielen zu kommerziell, Künstler zog es nach Haidhausen, das Viertel verjüngte sich. Heute ist es luxussaniert.

...Sigi Sommer:
Der legendäre Sigi Sommer gab mir bei der Abendzeitung einen Spruch mit auf den Weg: Schreibst halt jeden Tag ein Verserl!“ – und daran hielt ich mich.

...seine Isar:
Ich liebe die Isar, sehe jeden Tag ihren Fluss. Gerne möchte ich das Buch „Von der Isar zum Iguazu“ schreiben. Dazu fehlt mir noch der Verlag.

...sein Archiv:
Über 10.000 Artikel habe ich in den 70 Jahren als Journalist geschrieben – und 36 Bücher.

...seine Werkstatt:
Früher gab ich meine Texte mit dem Lochstreifen durch, das waren Meterschlangen. Ich habe mich lange gewehrt aber seit 2000 habe ich einen Computer, benutze heute Smartphone und Internet. Mein erstes Telefax von Siemens war das erste in München – damals kostete es 11.000 Mark, heute steht es im Deutschen Museum.

Marie-Julie Hlawica

Ausstellung im Haidhausen Museum

Das Haidhausen Museum feiert Karl Stankiewitz und widmet ihm und seiner journalistischen Arbeit die Ausstellung „Zeitzeuge und Reporter-Legende“. Mit vielen Exponaten ist sein Lebenswerk in der Kirchenstraße 24 vom 1. Oktober bis 9. Dezember zu sehen, sonntags jeweils von 14 bis 17 Uhr sowie montags bis mittwochs von 17 bis 19 Uhr.

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