Landwirt Sebastian Oberhauser im Gespräch mit HALLO München

Sebastian Oberhauser: „Gelder alleine können die Wunden nicht heilen“

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Sebastian Oberhauser (22) betreibt gemeinsam mit seinem Vater einen Hof in Aubing.

Des einen Freud ist des anderen Leid: Die Hitzewelle macht den Landwirten zu schaffen - Wie schlimm die Lage aktuell wirklich ist, erklärt Landwirt Sebastian Oberhauser im Interview

Bis zu 20 Prozent Einbußen muss Sebastian Oberhauser heuer verkraften. Der 22-Jährige betreibt gemeinsam mit seinem Vater einen Hof in Aubing. Sie bauen dort Weizen, Gerste, Mais, Erbsen und Grünflächen für Heu an. Das Getreide verkaufen sie an Münchner Bäckereien. „Es ist unter anderem in den Brenzn drin, die es auf der Wiesn gibt“, sagt Oberhauser. Er macht gerade seinen Meister und ist leidenschaftlicher Landwirt. Wie sehr die Dürre den Aubinger Hof getroffen hat, warum er nicht bewässert und was er von staatlichen Hilfen hält, erzählt er im Interview. von ANDREAS SCHWARZBAUER

Sebastian Oberhauser macht gerade seinen Meister und ist leidenschaftlicher Landwirt.

Herr Oberhauser, die Hitze und Dürre machen den Bauern in ganz Deutschland zu schaffen. Manche fürchten die schlechteste Ernte dieses Jahrhunderts. Wie stark sind Sie in Aubing betroffen?
Das Jahr hat eigentlich relativ gut angefangen. Der warme Frühling war super. Da ist beispielsweise der Mais hochgeschossen. Aber schon im April war es extrem trocken. Es hat nur 14 Liter pro Quadratmeter geregnet. Das ist extrem wenig (Anmerkung der Redaktion: 2017 waren es in München 104 Liter). Gerade in dieser Zeit startet aber bei den Pflanzen die Blüte. Wenn sie dann nicht genügend Wasser bekommen, hat das Auswirkungen auf das ganze Jahr. Im Mai gab es durch die starken Gewitter zwar mehr Regen, aber der Boden war so ausgetrocknet, dass er nicht viel Wasser aufnehmen konnte.

Das Futter könnte knapp werden, der Mais ist angeschlagen und beim Getreide gibt es hohe Einbußen.

Können Sie schon abschätzen, wie schlimm Ihre Ausfälle sind?
Beim Getreide haben wir Einbußen von zehn bis 20 Prozent. Unser Gras hat das Wetter relativ gut vertragen, weil wir es nur zweimal im Jahr schneiden. Deshalb hatten wir beim Heu bisher einen ganz guten Ertrag. Bei Kollegen, die häufiger schneiden, ist das Gras kürzer und wurde durch die Sonne verbrannt. Dadurch wird es heuer weniger Silage – konserviertes Futtermittel für Tiere – geben. Das heißt, Milchbauern könnten Probleme bekommen, einen großen Bestand leistungsgerecht zu versorgen. Weniger Futter bedeutet weniger Milch und die Bauern verdienen weniger. Dadurch könnten sie gezwungen sein, Tiere zu verkaufen. Der Mais hat zwar schon einen leichten Knacks weg, aber entscheidend sind hier die nächsten Tage. Es muss jetzt kontinuierlich regnen, damit das Wasser im Boden ankommt.

Warum Regen schädlich sein kann

Haben Sie etwas unternommen, um Ihre Pflanzen vor der Hitze zu schützen?
Wir haben keine Vorrichtungen zum Bewässern. Die Maschinen dafür kosten rund 40 000 Euro. Außerdem müsste ich eine Infrastruktur an Brunnen schaffen. Das ist zu teuer. Beim Getreideanbau kann man derzeit aufgrund der miserablen Preise sowieso nur einen minimalen Gewinn rausholen. Derzeit beregnen etwa vier Prozent der Münchner Bauern Kartoffeln und Zwiebeln. Nur hier passen Ertrag und Kosten. Würde es plötzlich jeder machen, gäbe es ein Problem mit dem Grundwasserspiegel.

Heuer wird es wohl weniger Silage, d.h. konserviertes Futtermittel für Tiere, geben.

Gibt es sonst keine Möglichkeiten?
Man könnte ein Güllefass mit Wasser füllen und damit die Felder bewässern. Aber das sprengt den Zeitrahmen. Da wäre ich mehrere Tage unterwegs – und der Wasserverbrauch wäre enorm.

In den nächsten Tagen soll es wieder mehr regnen. Bedeutet das für viele Bauern Schadensbegrenzung?
Nein, nicht unbedingt. Das Getreide ist normalerweise überall schon eingefahren. Für die reifen Getreidebestände wäre der Regen, der jetzt kommt, sowieso schlecht, denn dann bilden sich in den Körnern neue Keime. Dadurch verschlechtert sich die Qualität, weil der Keimling das Mehl auffrisst. Kartoffeln, Mais und Wiesen profitieren dagegen vom Regen.

Wenn die Ernte schlecht ausfällt und es weniger Getreide auf dem Markt gibt, könnten dann die Preise steigen und so die Ausfälle für die Landwirte kompensiert werden?
Durch den internationalen Markt werden die Preise vor allem beim Futtermittel nicht so anziehen. Dafür ist Deutschland ein zu kleiner Player.

Gerechte Verteilung der Hilfen

Die Maisfelder sind durch die Hitze bereits beschädigt.

Wie bereiten Sie sich auf schlechte Ernten vor?
Wir sind breit aufgestellt, sodass wir einen Ausfall in einem Bereich besser kompensieren können. In der heutigen Zeit kann man nicht rein vom Gewinn aus dem Ackerbau leben. Deshalb muss sich der Betrieb diversifizieren. Wir machen außerdem noch Pensionspferdehaltung, Landschaftspflege und Kommunalarbeit, wie Schneeräumen.

Bauernpräsident Joachim Rukwied hat finanzielle Unterstützung vom Staat für die Bauern gefordert. Eine Milliarde Euro wäre wünschenswert, um Ausfälle auszugleichen. Was halten Sie von staatlichen Hilfen?
Es geht hier um Existenzen. Deshalb wären sie angemessen und auch nicht schlecht. Aber sie können die Wunden nur versorgen und nicht heilen. Denn obwohl es insgesamt eine Menge Geld wäre, würde beim einzelnen Betrieb nicht viel ankommen. Das Geld muss man gerecht verteilen, aber das ist generell ein Problem in der Landwirtschaft: Es ist ein Haufen Geld, das der Staat gibt, aber es kommt teilweise bei den Falschen an. Denn die Beihilfen gibt es nur für die Fläche, egal ob man etwas anbaut oder nicht. Aber wenn das Futter knapp ist, hilft auch Geld nichts, weil es nichts zu kaufen gibt. Deshalb müssen alle Flächen für den Anbau verwertet werden dürfen – auch ökologische Vorrangflächen. Wenn ein Milchviehbauer kein Futter mehr hat, muss er seine Tiere verkaufen und hat Einbußen für die nächsten fünf bis sechs Jahre.

Schweinerei im Münchner Norden

Ein anderes Thema, das derzeit viele Münchner Landwirte beschäftigt, ist die städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM). In Feldmoching gab die Stadt ihre Pläne auf, im Extremfall Grundstückseigentümer zu enteignen, um Wohnungen zu bauen. Wie haben Sie die Debatte verfolgt.
Im Grunde genommen ist es eine Schweinerei. Generationen haben gearbeitet, um einen Hof aufzubauen und dann kommt die Stadt und nimmt ihn einfach weg.

Sebastian Oberhauser ist der Meinung, dass staatliche Wunden nur versorgen und nicht heilen können.

Fürchten Sie, dass dieses Thema auch für Sie akut werden könnte?
Mittlerweile mache ich mir keine Sorgen mehr. Die Kollegen sind so stark auf die Barrikaden gegangen, dass die Stadt inzwischen mitbekommen hat, dass dort kein Weg hinführt. Außerdem sind unsere Flächen außerhalb des Autobahnrings derzeit sicher. Das könnte erst in 50 Jahren ein Thema werden, wenn man einmal um die Stadt herum gebaut hat.

Hohe Verluste

Münchner Landwirte beklagen Einbußen von bis zu 40 Prozent – bei manchen ist die Lage besonders kritisch:

Ausfälle von bis zu 40 Prozent müssten die Münchner Landwirte bei Sommerweizen und Sommergerste hinnehmen, das berichtet der Sprecher des Bayerischen Bauernverbandes, Markus Peters. Beim Raps sei die Ernte vielerorts mehr als 30 Prozent schlechter als im Vorjahr.

Allerdings unterscheide sich die Lage bei den Münchner Bauern erheblich, da die Bodenstruktur in der Münchner Schotterebene recht unterschiedlich sei, so Peters. „Dort, wo die Humusauflage recht dünn ist und Schotter und Kies dominieren, haben die Landwirte mit teils erheblichen Ernteausfällen zu kämpfen, da der Boden in der langanhaltenden Trockenperiode der vergangenen Wochen nicht genug Wasser speichern konnte, um die Pflanzen ausreichend zu versorgen.“ Das ist vor allem im Münchner Süden der Fall.

Wie die Ernte bei Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben ausfalle, sei noch unklar. „Die Wachstumsphase dieser Pflanzen erstreckt sich über den August bis teilweise in den September hinein.“Allerdings stellten Kartoffeln bei mehr als 30 Grad ihr Wachstum ein, sodass die Knollen definitiv kleiner seien. „Die Pommes werden heuer wohl kürzer“, sagt Peters. Bei den Rüben sei die Situation ähnlich.

Deshalb hält der Bauernverband Hilfen für Betriebe, die von massiven Ernteeinbußen und Futterengpässen betroffen sind, für dringend erforderlich. Insbesondere bei Höfen, die Tiere halten, spitze sich die Lage zu. „Da sie durch die ausbleibenden Niederschläge nicht in der Lage sein werden, von ihren Flächen die nötigen Futtervorräte zu gewinnen.“ Peters begrüßt daher, dass die bayerische Staatsregierung Soforthilfen für Ernteausfälle und einen 50-prozentigen Zuschuss für den Zukauf von Futter beschlossen hat. Die Betriebe müssten die Unterstützung so schnell wie möglich erhalten, damit Futtermittelengpässe überwunden werden könnten und die Zahlungsfähigkeit der Landwirte wegen der Verluste nicht gefährdet sei. 

Andreas Schwarzbauer

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