Rochus Rückel im Gespräch mit Hallo München

Rochus Rückel: „Hätte Jesus keine Fehler, wäre er ja kein Vorbild“

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Rochus Rückel, Student der Luft- und Raumfahrttechnik, ist der zweitjüngste Christus in der fast 400-jährigen Geschichte der Passionsspiele in Oberammergau.

Jesus im Gespräch mit Hallo München: Der neue Hauptdarsteller der Passionsspiele, Rochus Rückel, spricht im Hallo-Interview über die Rolle seines Lebens und das kommende Weihnachtsfest

Er ist der zweitjüngste Christus in der fast 400-jährigen Geschichte der Passionsspiele in Oberammergau. Mit nur 22 Jahren wurde der Student von Regisseur und Volkstheater-Intendant Christian Stückl als Hauptdarsteller auserkoren. Wie er sich jetzt auf die Rolle seines Lebens vorbereitet, verrät er im Interview. von MAREN KOWITZ

Herr Rückel, wie feiern Sie Weihnachten?
Heiligabend mit den Eltern, ich wohne noch daheim. Bei uns gibt es Forelle aus dem Backofen. Danach trifft man sich mit der Verwandtschaft, ich habe drei ältere Geschwister, die selbst schon Familien haben.

Erleben Sie dieses Weihnachten intensiver?
Vielleicht ist dieses Weihnachten noch besonderer, weil ich dieses Semester nur drei Prüfungen habe und nicht ganz so viel lernen muss.

Sie studieren in München Luft- und Raumfahrttechnik – und das als frisch gekürter Jesus-Darsteller. Wie viele Scherze zum Thema „Christi Himmelfahrt“ mussten Sie sich schon anhören?
Noch gar keine. Der 2010-Jesus, Andreas Richter, hat aus Spaß zu mir gesagt: „Zieh Dich warm an.“ So lange am Kreuz zu hängen wird relativ kalt. Einmal haben sie Decken ans Kreuz hoch gegeben. Ich habe auch von einer Creme gehört, die warm macht. Und man soll unmittelbar danach heiß duschen. Aber das macht man sowieso, damit man für die Auferstehung wieder sauber ist.

Klingt, als wäre Jesus nicht der dankbarste Part...
Ein jeder Außenstehende meint, dass der Jesus die begehrteste Rolle ist. Das ist bei den Passionlern intern nicht unbedingt so – es gibt coole Rollen im Hohen Rat und unter den Aposteln. Judas ist auch hochbegehrt...

„Mein Jesus ist total wohlwollend und urteilt nicht“

Rochus Rückel über die Kreuzigungs-Szene bei den Passionsspielen (hier 2010 mit Frederik Mayet als Jesus): „Ein ehemaliger Jesus-Darsteller riet mir scherzhaft: ,Zieh Dich warm an!‘. Am Kreuz kann es schon sehr kalt werden.“

Der wurde ja mit Céngiz Görür erstmals mit einem Muslim besetzt, was nach der Verkündigung in allen Medien Schlagzeilen machte... 
Mir ist das wurscht. Er – genauso wie alle anderen – begegnet seiner Rolle mit Respekt. Vielleicht spielt er ihn sogar noch besser, weil er nicht ganz so tief involviert ist. Vielleicht hat er deswegen ein ganz neuartiges Bild in seinem Kopf, das mehr über die Person aussagt, als man bisher immer gewusst hat. 

Wie ist das Bild von Jesus in Ihrem Kopf?
Jeder hat seinen eigenen Jesus im Kopf. Ich kann mir vorstellen, wenn jemand total motorsportbegeistert ist und man fragt ihn, wie schaut Jesus aus in der heutigen Zeit – dann wird er sagen: Jesus fährt hundertprozentig Motorrad.

Sie sind begeisterter Drachenflieger. Fliegt Jesus in Ihrer Vorstellung Drachen?
Vielleicht braucht er ja gar keinen, weil er auch so in den Himmel kommt (schmunzelt). Mein Jesus ist total wohlwollend und urteilt nicht. Und wenn man noch so einen großen Schmarrn anstellt, kriegt man trotzdem die Chance, es wieder gut zu machen.

Was wollen Sie aus der Passion mitnehmen?
Mein Ziel ist es, mir Jesus zu erarbeiten. Dann habe ich ein Riesenvorbild, an dem ich mich immer ausrichten kann im Leben.

Jesus hatte seine Schwächen...
Zu einem Menschen gehört, dass er Fehler macht. Und wenn Jesus kein Mensch wäre, wäre er zu weit weg von uns. Dann könnte er auch kein Vorbild sein.

Passions-Regisseur Christian Stückl (Mitte) mit seinen beiden Jesus-Darstellern 2020, Frederik Mayet (links) und Rochus Rückel. Die 21 Hauptrollen sind doppelt besetzt, die Darsteller wechseln sich bei den 100 Aufführungen ab.

Wie gehen Sie jetzt an diese Rolle ran?
Mit einem Berg voller Respekt. Es ist eine Riesenehre für mich. Aber man muss sich Gedanken machen, was das für ein Typ war. Ich werde in der Bibel lesen und mit meinen Eltern, Freunden und Christian (Regisseur Christian Stückl, Anmerkung der Redaktion) darüber sprechen, wer Jesus für sie ist. Im September 2019 fahren wir Hauptdarsteller und Christian für zwei Wochen nach Israel und wandeln auf den Spuren Jesu. Danach geht es los mit den Proben (Hallo verlost Tickets).

Ab wann müssen Sie sich Haare und Bart wachsen lassen, wie es für alle Darsteller – außer die römischen Soldaten – Brauch ist?
Ab Aschermittwoch 2019. Davor gibt es aber noch einen Kurzhaarschnitt. Und dann schneiden wir es erst wieder nach der letzten Vorstellung im Oktober 2020. Aber ich bin ja kein Bundeswehrler und muss irgendwelche Spezialanträge einreichen. An der Uni fällt das gar nicht auf.

Im März 2020 sind Sie fertig mit dem Studium. Im Mai beginnen die Passionsspiele...
Das ist eher problematisch. das letzte Semester ist sehr aufwendig. Und die Prüfung fallen zusammen mit der Probenzeit. Ich muss schauen, dass ich das gedeckelt bekomme.

Zur Passion

Countdown für die Oberammergauer Passion: Vom 16. Mai bis zum 4. Oktober 2020 wird es wieder so weit sein.

450 000 Zuschauer aus aller Welt werden erwartet, wenn Oberammergau 2020 seine 42. Passionsspiele aufführt. 1633 gelobten die Bürger Oberammergaus, alle zehn Jahre das Leiden und Sterben Christi, die Passion, aufzuführen, wenn niemand mehr im Dorf an der Pest sterben sollte. Dieser Fall trat ein und 1634 fand die Oberammergauer Passion zum ersten Mal statt. Vom 16. Mai bis zum 4. Oktober 2020 wird es wieder so weit sein. Die Karten für die fünfstündige Aufführung kosten zwischen 90 und 180 Euro (Hallo verlost Tickets für das Pest-Spiel).

Insgesamt 2350 Oberammergauer spielen dann mit, fast die Hälfte aller Einwohner. Nur wer in Oberammergau geboren wurde oder mindestens 20 Jahre im Ort wohnt, hat das sogenannte „Spielrecht“.

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