A bis Z Interview mit dem Vorsitzenden des Seniorenbeirats

Dr. Reinhard Bauer: "Einsamkeit in München ist ein großes Problem"

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Seit 1972 sitzt er im Bezirksausschuss Feldmoching-Hasenbergl: Der neue Vorsitzende Dr. Reinhard Bauer.

Im März wurde Dr. Reinhard Bauer aus der Lerchenau zum neuen Vorsitzenden des Münchner Seniorenbeirats gewählt – wir haben mit ihm gesprochen

Er ist quasi der Chef-Anwalt der Münchner Senioren: Dr. Reinhard Bauer ist Historiker, Germanist und Volkskundler und hat zahlreiche Bücher über München geschrieben. Was Kommunalpolitik angeht, hat er bereits viel Erfahrung: Seit 1972 sitzt er im Bezirksausschuss Feldmoching-Hasenbergl, außerdem war er mehrere Jahre im Münchner Stadtrat und ist Mitglied in über 40 kulturellen und sozialen Vereinen. „Ich habe zeitlich ein sehr dichtes Programm“, sagt er. „Aber es ist mir wichtig, mich einzubringen.“ Als Seniorenvertreter engagiert er sich seit 2013. In seinem ersten Jahr als Vorsitzender des Gremiums erwartet ihn gleich ein großes Jubiläum. Der Seniorenbeirat feiert 40-jähriges Bestehen. Was dazu geplant ist, mit welchen Problemen die Münchner Senioren zu kämpfen haben, was er sich von der Stadt wünscht und was das Gremium in den nächsten vier Jahren vor hat, verrät Vorsitzender Reinhard Bauer im Hallo-Interview von A bis Z. Claudia Schuri

Altersarmut wird noch mehr zunehmen, wenn man nicht gegensteuert. Es gibt immer mehr Verschuldung im Alter. Vielen Senioren sieht man die Armut aber nicht gleich an.

Barrierefreiheit: München ist die wahrscheinlich am besten gerüstete Stadt was das anbelangt. Wir haben schon viel erreicht. Vor allem bei den öffentlichen Verkehrsmitteln wären aber noch weitere Verbesserungen nötig.

Chef: Es war ein kurzfristiger Entschluss, für den Seniorenbeirats-Vorsitz zu kandidieren. In dem Amt hat man große Entfaltungs- und Gestaltungsmöglichkeiten.

Digitalisierung kann Senioren helfen, um Kontakte zu pflegen. Deshalb ist es von Vorteil, wenn auch ältere Menschen den Umgang mit modernen Medien beherrschen.

Einsamkeit ist in München ein größeres Problem als anderswo. Es ist selten, dass Familien zusammen oder zumindest in der gleichen Stadt leben. Unser Ziel als Seniorenbeirat ist, die Leute zusammen zu bringen.

Fairness: Es ist schwer, zu sagen, wie ein auskömmliches und gerechtes Rentensystem aussehen könnte. Eigentlich müsste man jeden Einzelfall betrachten und miteinbeziehen, was ein Rentner sonst noch für Einnahmen, zum Beispiel durch Immobilien, hat.

Geselligkeit: Es ist uns ein besonderes Anliegen, diese unter den Senioren zu fördern. Deshalb werden wir gemeinsam mit der Stadt, Vereinen und Kirchengemeinden Angebote entwickeln, zum Beispiel Diskussionsrunden, die das Alter betreffen.

Hilfe: Es ist zum Glück so, dass in München niemand hungern, frieren oder auf der Straße leben muss. Die Stadt hat ein ausgeklügeltes Unterstützungs- und Beratungssystem für alle Hilfsbedürftigen. Auch die Alten- und Servicezentren sind einmalig in Deutschland.

Irrsinn: Das Krankenversicherungssystem ist ungerecht. Die gesetzlich Versicherten zahlen ordentlich ein und kriegen dafür eine gewisse Leistung. Privat Versicherte zahlen teilweise weniger und kriegen oft bessere Leistungen.

Jubiläum: Der Seniorenbeirat feiert 40-jähriges Bestehen. Dazu planen wir einen Zyklus von Veranstaltungen in den Vierteln. In den nächsten Wochen geht es los, wir legen gerade die Termine fest. Ich werde zum Beispiel im Hasenbergl vieles zur Geschichte und Kultur Bayerns anbieten. In der Heilig-Geist-Kirche gibt es im Herbst eine interreligiöse Feier.

Kultur ist das, was den Menschen ausmacht. Es muss nicht immer Musik oder Kunst sein. Auch die Kultur des Zusammenseins oder eine Wirtshauskultur gehören dazu.

Literatur: Ich habe über 100 Bücher geschrieben. Gerade arbeite ich an Büchern über Schwabing, die Maxvorstadt und an einer Bau-Chronik von München.

Methusalem: Als ich im Stadtrat war, habe ich mehr als 300 Hundertjährige besucht. Prognosen sagen, dass von den heutigen Kindern die Hälfte – zumindest der Frauen – über 100 wird. Das wird in der Politik gar nicht miteinberechnet.

Namensforschung: Als Historiker habe ich die Ortsnamen in Bayern erforscht. Ich bin dabei, meine Forschungen abzuschließen. In der Mohr-Villa habe ich gerade eine Ausstellung zum Thema „Straßennamen zu Widerstand und Verfolgung“.

Oktoberfest: Wir wollen mit den Wiesnwirten Gespräche führen, wie das Oktoberfest seniorenfreundlicher werden kann. Ideen wären zum Beispiel, mittags Seniorenteller anzubieten und etwas leisere Musik zu spielen, damit sich auch Menschen mit Hörgeräten gut verständigen können.

Politik: Die großen Pro­bleme der Senioren lassen sich nicht auf lokaler Ebene, sondern nur über die Bundespolitik lösen. Wir werden als Seniorenbeirat alles versuchen, um darauf Einfluss zu nehmen.

Qualität: Um die Qualität der Pflege zu erhöhen, ist es wichtig, die Situation der Pflegekräfte zu verbessern, zum Beispiel was die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen angeht.

Rente: Es gibt zwar eine Rentensteigerung von drei Prozent, aber das reicht nicht. Jemand mit 1000 Rente bekommt 30 Euro mehr. Wenn gleichzeitig die Miete um 100 Euro steigt, bleibt davon nichts.

Sitzung: Die erste Sitzung des Seniorenbeirats ist gut gelaufen. Jetzt starten wir in verschiedenen Arbeitskreisen mit unseren Projekten.

Tafeln: Ohne die Lebensmittelversorgung der Tafeln wären auch in München viele Senioren in ihrem Leben wesentlich eingeschränkt. Sie würden zwar nicht verhungern – könnten sich aber vieles nicht mehr leisten.

Umzug: Es gibt immer mehr Senioren, die aus München wegziehen müssen, weil die Stadt zu teuer ist. Das ist vor allem für diejenigen dramatisch, die hier verwurzelt sind, deren Kinder und Enkel hier wohnen.

Vernetzung: Wir möchten uns mit Seniorenbeiräten aus anderen Städten vernetzen. Gemeinsam können wir mehr erreichen. Wir haben uns deshalb schon mit Vertretern aus Nürnberg getroffen.

Wohnungsnot ist ein massives Problem. Nicht nur für Senioren, auch für Pflegekräfte, die nicht so gut verdienen. Dadurch nimmt auch der Pflegenotstand weiter zu.

X-Mal haben wir schon auf Probleme bei der Gesundheitsversorgung aufmerksam gemacht. München hat eine sehr hohe Ärzte- und Krankenhausdichte, aber leider ist die Versorgung ungleich verteilt.

Young: Viele junge Leute werden im Alter sicher schlechter gestellt sein, als wir jetzt. Deshalb dürfen wir nicht nur an uns denken, sondern auch an die Senioren der Zukunft.

Zuzahlungen zu Medikamenten können für Menschen mit chronischen Erkrankungen zum Problem werden. Wer arm ist, lebt im Schnitt zehn Jahre kürzer.

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